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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-05-30 · Heft 22 (30.5.1919) · p. Seite 230

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 22 (30.5.1919)
Date
1919-05-30
Page
Seite 230 (sequence 2)
Language
German
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230 ersparen zu können glaubt. Ohne Passah kein Schabuot, aber ohne Schabuot auch kein Passah. Mit anderen Worten: Ohne Israel keine Thora, und ohne Thora kein Israel! Ein Israel ohne Thora wäre längst von der historischen Weltbühne verschwunden, wie jene seiner Stämme in das Grab der Vergessenheit geraten sind, die, alle Erinnerungen an eine gemeinsame Geschichte aus dein Kerzen reißend, sich unter der Devise: „Wir haben keinen Anteil an dem Hause David und kein Erbe am Sohne Isais!" zu einem besonderen. Volke, wenn auch von Königen, Priestern und sogenannten Propheten geleitet, vereinigt haben. Wie aber würde Israel ttnb wie würde die Menschheit, der es den Weg zum Sinai geebnet, ohne seine Thora anssehen? „Die Geschichte lehrt uns/ schreibt W. A. Meisel in seinen „Homilion über die Sprüche der Väter", „auf welche Stufe der Gesittung die Naturreligion den Menschen gehoben, und wie lange er sich mit dem frischen und unverdorbenen Gefühl des Kindes für den Vater zum Schöpfer gewendet. Tort wird er eine Beute der Sinnlichkeit und ihrer abscheulichen Ausgeburt, entwürdigt sich bis zum Tiere hiuab und geht des Adels ttnb der Würde verlustig: dort wird er geblendet von der strahlenden Pracht, überwältigt von der unendlichen Größe und verliert sich in die grenzenlose Fülle, die ihn nmflutet. Er geht wohl aus, den Gott zu suchen, findet aber auf dem Wege unabsehbare Scharerl von Göttern rrnd Götzen, die ihm die Laufbahn versperren. Die gebildeten Völker des Altertums, die unter den Einfluß der tutmittelbaren Offenbarungen sich nicht gestellt, haben bei aller Erleuchtung des Geistes, bei aller Veredelung des Gemüts, bei aller Höhe ihrer Wissenschaft, bei aller Vollendung ihrer Kunst, bei allem Reichtum ihrer geschichtlichen Laufbahn einen Himmel sich gedacht, irdischer als unsere Erde, mit Göttern ihn bevölkert, die allen rnenschlichen Lüsten frönten, ja sogar unmenschlichen Leidenschaften. Die sittliche Freiheit, die Uvbedingung aller menschlichen Würde, ist vernichtet von der Wucht ihres unbeugsamen Schicksals, und das Ende der Mühen, Leidere und Kämpfe des Erdenlebens, wohin mündet es? Nicht in ein Reich der Ewigkeit des Geistes, „uw die frommen weilen mit den Kronen auf dem Haupte und schwelgen in Anschauung des Gottes Majestät," nein, wenn es nicht mündet in eine gänzliche Vernichtung, so mündet es in ein Ne ich ungestörter Sinnenlnst! Wie kam es nun, daß diesen hohen Geiiteshelden der Alten Welt die großen Bilder der Natur vergebens gernalt waren, daß sie sich auf ihre Deutung so schlecht verstanden? Warum mußte der Weiseste der Weisen, der die Götzen verschmähte, eben weil er es tat, den Giftbecher trinkend Wie konnte es ein Verbrechen sein, die lüsternen Götter, die neidischen Göttinnen ans dem Himmel zu bannen, und i h n ans den Thron zu setzen, den einen, ewigen Gott? Und doch war es ein lvdwürdiges Verbrechen. Warum? Weit Gott nicht nur ist die Ouelle aller Religionen, sondern auch der Wegweiser zn ihr." Und diese Onelle ist die ThoraZ, die Moses uns geboten als ein unveräußerliches Erbe des ganzen j ü d i s ch e n Volke s, daß es sie wahre und Pflege und treu mtb willig, wie einst am Sinai, an die Vergangenheit denkend und den Blick ans die Zukunft gerichtet, an jedem Tage immer von neuem erwerbe und sorttrage als erleuchtende Gottesbotschaft ail die unter dem Joch finsterer Mächte seufzende Menschheit: Das Frühere von jeher Hab' ich verkündet, lind ans meinem Munde ging es hervor, und ich tat es kund, Plötzlich führe ich es aus, und es trifft ein. Wendet euch zu mir, daß euch Heit werde, all ihr Enden der Erde, denn ich bin Gott und sonst feinen5). h Gott, Israel und die Thora stellen nach der rabbiuischeu Alifsassung eine für alle Ewigkeit nliteinauder verbundene Einheit dar. h Iesaia 4s, 3; 45, 22. Ankere Libkl. Bon Bez.-Nabb. Dr. Beer mann (Heilbronu). in Buch und ein Schwert fielen in der Sinaistunde, der unsere Feier gilt, vom Himmel, und eine Simme ertönte: „Hütet ihr das Buch, werdet' ihr gerettet vor bctit Schwerte." Knapp und klar hat so alte Weisheit das Offenbarungsfest als Feier des Offenbarungsbllches aufgefaßt und zugleich die Wahrheit betont: Nicht mir das ist richtig, daß wir Israeliten die Bibel gerettet Haben, auch das andere ist nicht minder gültig: Ties Buch hat auch uns gerettet. Einst war es nicht bloß ein schöner Gebetsspruch: „Die Worte der Schrift sind unser Leben und der Wert unserer Tage." Die Bibel siand wirklich bei unseren Altvordern im Mittelpunkte ihres Denkens und Fuhlens. Heute steht wohl die Bibel, und das auch längst nicht immer, neben anderen Büchern in dem Schranke, aber Thora nmnaehat b’keren sowijot, sie bleibt auch dort, sie hat anfgehört, das Lebeusbuch des jüdischen Hanfes zn sein. Und doch hat Nietzsche sein Wort gilt immer noch viel bei unseren Modernen recht, daß es ein Prüfstein unseres Sinnes für Größe bedeutet, ob nur Verständnis für die Schönheit der Bibel haben, deren tmnackahmlich erhabene Eingangsworte: ,.Es werde Licht, da ward Licht" bereits der heidnische Redner, Eonginus bewunderte. Es gehört zu den unverlierbaren Errungenschaften der deutschen Bildung die lleberzeugung, die Goethe in Herders Schule gelernt hat: „Die Bibel wird innner schöner, je mehr man sie mit menschlichen Augen liest." Die Erzählungen von Kains Zorn und Josefs Träumen. von Ruths Treue, von Davids Heldenmut sind so schlicht und einfach, daß ein Kind sie verstehen, und so tief und gedankenreich, daß ein Weiser sie nickt ansschövfen kann und von so abgerundeter Tarstelllmgsknnst, daß selbst unsere, durch eine reiche Ausdruckskultur verwöhnte Zeit an dieser Fülle von Anmut ltnb Schönheit ihre Freude haben 'könnte. Und neben der Lieblichkeit und Holdseligkeit der Schilderung welche Wucht mtb Gewalt in einzelnen Svenen und Worten: Elias, der am Horeb seinen Gotk erlebt, nicht im Sturme, nickt im Beben, nicht im Feuer, sondern in der Stimme sanften Säuselns, oder Jeremias, der ün Schlnerzensartfrilbr seiner Seele mit seinem Gotte ringt, nachdem er vom Schandpfahl losgebnnden wurde:,. Du hast mich überredet. Ewiger, und ich ließ mich Überredelt, du ergriffest mich und siegtest. Ich wurde *mrt Gespötte toben Tag, alles höhnet mich . . . Und spreche ich: Ich will sein nicht mehr gedenken, nicht fürder reden in seinem Namen, dann wird's in meinem Herzen wie lodernd Feuer, das eingeschlossen ist in meirten Gebeinen, ich suchte es mlsznhalten, doch vermochte ich es nicht-" Was aber die Bibel zu einem eiltzigartigen Schriftwerke macht, ist ihr religiöser Wert. Mögen Psalmen- und Prophetenworte einen noch so feinen Kunstgenuß bieten, mag die Geschichtsdarstellung durch sorgfältige Heransarbeitnng des Kleinen und Einzelnen und durch liebevolles Verweilelt bei Sonderzügen lloch so kräftig zur Phantasie reden, es ist ihre nnvergleichlich hohe tmd reiche Grdankenmacht, die unsere Seele bcgoingt: Ein Gott eine Menschheit. Welt und Wesen, von Gottes Vorsehung gelenkt. Gottes Walten voll Gerechtigkeit und Liebe und das Ringen nach dem stillen Glauben daran, trotz des scheinbar ungereckien Weltiaufs, das Heldentum der Frömmigkeit. Das sind Wahrheiten, die die Bibel iticht müde wird in die Herzen zn häutmern. Nicht der Zufall, ein göttlicher Plan führt die Geschichte. Die Bibel findet den Weg zu einer Universalgeschichte der Menschheit. Sie entdeckt den Sinn der menschlichen Aufwärtsentwicklung in dein messianischen Gottesreich des elvi,gen Friedens, sie stellt auf btnt beiden steinernen Tafeln in zehn Grundworten die Hauptbedingungeu

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