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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-05-30 · Heft 22 (30.5.1919) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 22 (30.5.1919)
Date
1919-05-30
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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83. Jahrgang. Nt. 22 Allgemeine Berlin, 30. Mai 1919 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner D r.: Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. » Tas Schabuotfest. Von Al bert n tz. Unsere Bibel. IJItlJOlI* Von Bez.-R-abb. Tr. Beermann (Heilbronn». - Tie Woche. — Sven Heb in: Jerusalem. Don L u d w i g G e i g e r. — Aastel Darntiagev und die Bibelübersetzung Moses Mendelssohn. Von G. E n g e l s in a n n (Wien). Tas Plagiat iu der Auffassung jüdischer- Deuter. Don Tr. Mar Steif (Neu-Routzuitz). - - Feuilleton: Ter blutigu;itätentzäudler. Erzählung von. G. B i e n e ct. -- Autb. Von Alfred F r i e d m a n n. — Literarische Mittcilüngeu. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Tstrvwo (Posen). Breslau, Tempelburg, Magdeburg, .llvttzen, Leipzig, Herford i. W., Essen, Mannheim. Wien. Don Nah und Fern. Das Schabuotkelt. V on A l b e r t K a tz. as Passahse st feiern um* zur (Srinnmuig an den Anszug aus Aegypten, da* Schabnotfest zum Andenken an die Gesetzgebung am Sinai. Beide Feste, scheinbar durch besondere Anlässe entstanden, sind unauslösbar miteinander verbunden. Ohne Passah kein Schabuot! Wäre Israel ans Aegypten nicht befreit wurden, es wäre nie an den Sinai gelangt und hätte nie die Fähigkeit erreicht, das göttliche Wort: „Ich bin es, der aus Mizrajim, aus dem Hause der Knechtschaft erlöst" zu begreifen, .geschweige de'nn »der Welt zu verkünden. Die Vorbedingung für den großen Offen'barungsakt am Sinai war die Zertrümmerung der drückenden Sklavenketten Aegyptens, die Zerstreuung der über der damaligen Welt lagernden mizrajimifchen Finsternis, die den Blick in den Himmel verdunkelte, den Weg zum Gotte der Freiheit unauffindbar machte. „Wenn du das Volk aus Aegypten hinaufführst," lautet des Ewigen Verheißung an Moses, „werdet ihr Gott an diesem Berge dienen." In Aegypten, zu einem willenlosen. Werkzeug, seiner Fronvögte hcrabgewürdigt, konnte Israel ans Mose und seine Freiheitsbo.tschaft nicht hören - „wegen Kürze des Odems (Kleinmuts) und schwerer Arbeit". Tenn Israel war in Aegypten nicht bloß zu körperlicher Arbeit gezwungen und der persönlichen Freiheit verlustig gegangen. Durch die jahrhundertelang anhaltende Knechtschaft und die Macht der Gewohnheit hatte Israel auch sein Stammesbewußtsein, seine Selbstachtung und seine Menschenwürde eingebüß't. Es hatte sich einer seinem ursprünglichen Wesen völlig fremden Kultur angepaßt, die in der ausgiebigen Befriedigung physischer Bedürfnisse und Leidenschaften, in der restlosen Ausnutzung aller zur Lust und Bequemlichkeit des Lebens dienenden Kräfte, Erscheinungen und Erfindungen das höchste Menschheitsideal erblickte. Die DH1C1Ä royifi, das auf den krassesten Materialismus gerichtete sinnenberückende Leben und Treiben der Aegypter hatte sich der Kinder Israel so bemächtigt, daß sie in der Mehrzahl die '6urch Moses an sie ergangene Freiheitsbotschast gar nicht zu würdigen verstanden .und sie darum äußerst gleichgültig Hinnahmen; eine Minderheit aber, von Datan und A'biram geführt, ihn für einen Volksauftviegler hielt und mit einer Anklage an höherer Stelle wegen Hochverrats bedrohte'). Nicht einmal die Z'kenim, die berufenen Z Tanchmna, Sch'moth. Führer und Vertreter des Volkes, schienen das richtige Verständnis für die von Moses auf die Befreiung Israels von Truck und Knechtschaft hinzielenden Bestrebungen und den Glauben an die Möglichkeit ihrer Vorwirkli-ch-ung gehabt zu haben. Nach dem Bericht der heiligen Schrift versammelte Moses um sich die Aeltesten des Volkes, um gemeinsam mit ihnen vor Pharao zu erscheinen und von ihm im Namen des Ewigen die Freilassung der Kinder Israel zu fordern (Erodus -h 16 18). Allein vor Pharao waren nur Moses und Aaron erschienen. Wo, fragen unsere Weisen, waren die Aeltesten geblieben? Die Antwort lautet: Sie schritten hinter Moses und Aaron einher, unterwegs aber zogen sie sich einer nach dem anderen „verstohlen" uirnck, und als jene an den königlichen Palast gelangten, sahen sie sich von alten verlassen und erschienen vor dem mächtigen Vharao ganz allein. Der Ewige aber - fahren unsere Weisen sinnig fort sprach: „Wie schwankend und kleinmütig habt ibr, Führer Israels, euch genügt! So wahr ihr lebt. wird Wb die Feit kommen, wo ihr euch gegen euren Millen auf euren bescheidenen Matz nniückziehen werdet." Als später Moses am Sinai im Begriff war, den Berg zn besteigen, um die Gotteslehre m empfangen, sprach er zn den ihn begleitenden Aeltesten Israels: ..Zieht' euch ietzt Zurück und wartet am Fuße des Berges, bis ich wied-erkebre^." Erst nach dem Auszug aus Aegypten war aus Israels Mitte der gemeine knechtische Sinn, der Freiheitsideäle nicht fassen kann, gewichen: erst ..als alle Dornen ans dem Weinberge", d. h. als alle bösen Geister, die Israel in Mizraiim in ihrem Banne gefangen hielten, aus seiner Seele entfernt waren, war es in den Stand gesetzt, die Osfenbarnna am Sinai zn erleben und die es bis ans den heutigen Tag erhaltende Lehre zn erfassen, daß die Voraussetzung für seinen Fortbestand der Glaube an einen ans Leid und Elend rrlösenden Gott, das Merkmal seines Volkstums die -Heiligung des Lebens und der Gesinnung ist"). Nicht umsonst ergeht immer von neuem an uns die Weisung: In jedem Zeitalter ist -der Mensch verpflichtet, sich vorznstellen, er sei selbst ans Aegypten gezogen, und au jedem Tage sei ihm die Lehre so neu wie an dem Tage, als er sie am Sinai erhalten. Der tiefe Sinn, der in dieser Mahnung liegt, darf nicht unbeachtet bleiben. Ein jüdisches Volk ohne das sinaitische Gesetz als Grundlage ist ebeuso undenkbar wie eine jüdische Glaubensgemeinschaft losgelöst von allen historischen Erinnerungen Israels, auf denen, sie aufgebaut ist. Wer den Sinai erklimmen will, ohne vorher die drückenden Skla-venketteu Aegyptens abzustreifen, kann seine Höhe ebensowenig erreichen wie derjenige die wahre Freiheit erlangen kann, der, kaum ans Mizrajim gezogen, sich den beschwerlichen Weg zum Sinai -) Exodus rabba 5. h Schar, B'schaltach.

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