Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1919)
- Date
- 1919-05-23
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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8 Herren (ivtd) B a \) e r , Breslau, .Undftmfjc 1 ->, iiitb 'Alfred B e r ger, Breslau 7, Höfchenstraße <>l. ii. Prenzlan, 16. Mai. (5 i u e ^otalnotiz vor hundert Jahren in der „Spenerschen Zeitung" berichtet über einen hiesigen Juden als Erfinder eines Dampftochtopfes in der Art des bekannten Papimcheu Topfes-. „Ter Schutzjude Amschel Salomon ans Prenzlan hat eine Dampfmaschine erfunden, worin er ohne Wasser und ohne besonderes Teller in einem hölzernen (Gefäße Kartoffeln und andere Früchte in weit kürzerer Zeit als gewöhnlich kocht, nnd die Kartoffeln erhalten dadurch einen vorzüglichen Geschmack. Seine Königliche Majestät geruhten ihm unter deul d. M. dieses zll befehlen, eine solche Bcaschiue vorzuzeigen. Allerhöchstdieselben nnd Ihre Majestät die Königin nebst dem ganzen Hof nahmen am 11. d. Bl. zll Paretz diese Erfindung in Allgenschein uud bezeugten Atlerhöchstdero Zufriedenheit darüber. Ter Amseyel Satomon mußte auch zweirnal in der Maschine kochen, uud ist dieselbe zum Gebrauch in der Hofki'lche gelasseit worden." Braunschweig, 1 (>. Mai. In nuferer Stadt ist das Gerücht verbreitet lvorden, daß die hiesigeil j ü d i s che u A e r z t e den gemeinsam gefaßten Ahwehrstreikbeschl.'Nß der bürgerlichen Parteien durchbrachen tmd Kranke behandelt hätten. Wie nun ans den Kreisen der betreffenden Aerzte mitgeteilt wird, liegt der Verbreitung dieses Gerüchts eine allsgesprochen böswillige Absicht zugrunde. Kein hiesiger jüdischer Arzt hat sich ei mm Streikbruch zuschulden kommen lassen, aber die Antisenlitell versuchen, ihr trübes Geschäft bei allen möglichell Anlässen zei macheil. Tb. M. Eisenach, 16. Mai. Im hiesigen Israelitischen Trauenverein fand am Blittlooch, den 7. d. Bk., eine erhebende Gedenkfeier für die verstorbene Begründerin und lang jährige Vorsitzende, Trau Lydia S k i e b e l, statt. A'ach einem nun Trän lein T a ck e n h e i m wirkungsvoll gesprocheneil Prolog trllg ein Quartett des Synagogenchors die Beethovensche Bl vielte „lieber den Sternen" vor. Dann iinlini die derzeitige Borsitzen de des Vereins, Frau Kommerzienrat Weinstein, das Wort, um in eingehender Schilderung das Lebensbild der Berstorbenell, die skeks in idealster Weife ihre Kräfte dem Dienste der reinen Menschenliebe geweiht hatte, zll zeichnen. Die Entschlafene llahnl nicht nur im Israelitischen Trauenverein, sondern anch in vielen christlichen Vereinen eine führende Stelle ein. In hochherziger Weise hat die Verstorbene auch in ihrem Testamente den Tranenverein de daehr. indem sie ihm die Summte von 2666 Mark vermachte. Zum Schluß der {vcte.n fang Trän lein Else Wolf das „Gebet" von Hitler. Die erhebende Trier hinterließ bei allen Erschienenen. einen kiesen Eindruck. L. Waffel, 16. Mai. D i e Ort s g r n p p e K a s s e l des E e n lt r a l v e r e i n s beut s eh e r Staat s b ü r g e r j ü d i s el) c n G l a u b e n s hielt im großen Saale der Laudesbibliothet am vergangenen Sonntagabend ihre Geueralveruuumluug unter außerordentlich starker Beteilsgmng ab. Alis dein Bericht des 1. Vorsitzenden ging hervor, daß der Verein auch int verflossenen Jahre seiner Aufgabe, die staatsbürgerlichen blechte der deutschen Inden zu lvahrell, voll uud ganz uachgetomulen ist. Zn dem Ende Btai in Berlin stattfindenden Delegiertentage wurden Tabritant Emil R u b e n s o h n llnd Apotheker A n ß b a u m , als Stellvertreter Kallfmnnn Th. Bk o s b e r g und Tr. L ll b l i n s k y von der Versammlung gewählt. Sodann hielt Gemeinderabbiner Tr. L a n g e (Essen) einen außerordentlich gedankenreichen Vortrag über jüdische Tagesfragen, in dem er sich vorzugsweise mit dem schon im Kriege trotz des bernhmlelt „Burgfriedens" wieder erstarkten und neuerdings besonders eifrig geschürten Antisemitismus anseinandersetzte. In beredter Weife wies der Bor tragen de nach, daß der Antisemitismns heute die schlimmste Reaktion in politischem Sinne sei, nnd er führte ferner den Beweis, daß entgegen allen antisemitischen Hetzlügen Judentum nnd Bvtschelvisinns unvereinbare (Gegensätze seien; nur die Persönlichteit des einzelnen könne bei allen politischen Handlungen verantwortlich gemacht werden. Unter großem Beifall der Versammlung bekämpfte der Vortragende ferner alle Bestrebungen, die den deutschen Inden in eine Zwitterstellung zu feinem Vaterlande, mit dem er sich unlösbar verbunden fühlt, bringen wollen. In der sich anschließenden Aussprache kamen noch von den verschiedensten Rednern mannigfach ergänzende Gesichtspunkte zter Sprache. Der Verlauf des Abends nnd der überaus starte Beifall, der den Darlegungen des Hauptredners zuteil murde, bewiesen, daß die Kasseler Iudenßhaft ebenso die unbedingte Treue gegenüber dem deutschen Vaterland wie die volle Durchführung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung fordert und gewillt ist. sich gegen alle antisemitischen Angriffe entschlossen zur Wehr zu fetzen. £2 Köln, 16. Mai. In einer gut besuchten Versammlnng von jüdischen Eltern der Schüler mehrerer höherer Schulen Kölns, die am 0. Mai im Sitzungssaal der Synagoge Glocke nga sie stattsand, legte Herr Rabbiner Dr. S ch e f 1 e l o w i 1; die nmoürdig-e Stellung des jüdischen Religionsimterrichts gemäß den preußischen Gesetzen dar uud beleuchtete gleichzeitig die neuesten Erlasse des Kultnsministerinuts. Aach sehr lebhafter Distnssion wurde ein Elternausschuß gebildet uud gelaugte folgende Entschließung einstimmig zur Annahme: „Unter der unseligen. Politik der früheren preußischen Negierung, die konsequent daraus hinzielte, uns Inden durch erniedrigende Ausnahmebestimmungen die Religion ans unseren Herzen zu reißen und die demgemäß auch das System der Trennung von Schule nnd Religion seit jeher unnachsichtig gegen uns angewandt hatte, haben tutr deutsche Inden seelisch schwer gelitten. Obgleich mm bereits sechs Monate feit Ausbruch der Revolution verflossen sind, erfährt noch heute in Preußen die jüdische Religion in den Schulen die gleiche unwürdige, stiefmütterliche Behandlung, die ihr unter der alten preußischen Regierung zuteil wurde. Wir jüdische Eltern, die nur überzeugt sind, daß unsere Religion den Menschen zur höchsten Pflichterfüllung erzieht, protestieren gegen die beschäutende Ausnahmestellung, die der jüdische Religionsunterricht in den Schulen noch heute einnimmt. Bis zur endgültigen Regelung des Berhällnisses zwischen Schule und Religion durch die Landesoersammlung verlangen um' den gleichen obligatorischen Eharatter des jüdischen Religionsunterrichts, wie er für den christlieheu feststelst. Wir müssen ferner darauf bestehen, daß in den Schulen die religiösen Anschauungen der jütischen Schüler in allen Unterrichtsfächern vor Anfeindungen und Kränkungen gesichert sind. Wir verlangen, das; der jüdische Religionslehrer berechtigt sei, an den Gesamt- und Klassentonferenzcn teilznnehmen, nnd daß er zu allen Sondertonserenzen, in denen über einen jüdische!; Schüler beraten wird, eingeladen werde. Wir protestieren gegen den neuesten Btinisterialerlaß, gemäß welchem die Entscheidung über die Teilnahme am Religionsunterricht vom 14. Lebensjahre ab der gerade in den Tlegeljahren befindliche Schüler selbst zu treffen hat. Tiefer Erlaß ist geeignet, die elterliche Autorität nnd Zucht zu untergraben. Gerade in heutiger Zeit, in der die Jugend durch den Krieg zum großen Teil verwildert ist, vermag eine solche Verfügung schwere sittliche Schäden unter der Jugend anzurichten. W i r b e t r a eh t e n o b l i g a t o - r i s ch e u R e l i a i o n s u n t e r r i ch t als noboendig für die sittliche Erziehung uud Eharatleröilduug der Jugend'. Ter bloße Bkoralunterriclst, der. die Sitteulehreu nur als Rützlicksteitsgefetze hinstellt, bietet keinen auuäherudeu Ersatz für die Religion, die die Sittlichkeit aus dem Urquell göttlicher Vvlltouunenheit Hervorstrumen läßt nnd alles Gute. Edle nnd Wahre als heilig ansielst und so den natürlichen menschlichen Egoismus am wirksamsten einzudämmen vermag." Es;onrde beschlossen, zahlreiche Uulerschristen für diese Entschließung in der Gemeinde zu sammeln, um sie dann der Preußischen Landes-; Versammlung zu unterbreiten. Der Kampf für vollständige Gleiehberechtigung und Wahrung unserer heiligsteu Güter müßte heute iu allen jüdischen Gemeinden ausgenommen werden. Durch einen Ab-; geordneten der Preußischen Landesversamwlnng ist obige Resolution bereits dem Kultusministerium überreicht worden. — Stuttgart, 16. Mai. In hochherziger Weife ist, mie dieser Tage in der Generalversammlung der hiesigen Ehevra Kadischa bekanntgegeben wurde, eiu-e Tamitienstistung von einer Bl i l l i o n M a r t zur Erbannng eures jüdischen Kranteuhauses in hi-esiger Stadt zur Bersügnng gestellt worden. Die edlen Stifter wollen nicht genannt sein. R'ach den eiusbveiteu bekannt gervordeucu Pedinguugeu soll das in Bälde zu erbauende Krankenhaus iu streng religiöser Weise geführt werden nnd auch Nichtjltden zugänglich sein. Schon seit taugen Jahren ging man hier mit dem Plan eines jüdischen Krankenhauses um. Greifbare Gestalt erhielt dieses Projekt erst, als die Ehevra 1911 einen bestimmten Grundfonds bereitstellte. Es ist zu hoffen, das; anch dieser Fonds in Bälde die Höhe eines Betriebskapitals erreicht, wi-e im der Stiftuugsnrtunde zur Bedingung gemacht worden ist. Dia Stadtgenreinde Stuttgart hat sich bereit erklärt, für diesen Bau einen j Bauplatz kostenfrei zur Verfügung zu stellen.