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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-05-23 · Heft 21 (23.5.1919) · p. Seite 228

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 21 (23.5.1919)
Date
1919-05-23
Page
Seite 228 (sequence 12)
Language
German
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228 das flvofie Weltgezänke, wo die Kanonen redeten und die Bajo, nette blitzten, wo die Volker Europas sich -gegenseitig zerfleischten. Doch mit seiner Frage, weshalb so viel hoffnungsvolles Leben vernichtet, so viel strotzende Gesundheit gestört werden mußte, kain er nicht weiter als die anderen, die an diesem großen Welträtsel hernmrieten. Er begriff wohl die „fleischlosen" Tage, kannte er doch die Tage sehr wohl, an denen überhaupt nichts gegessen werden darf. Für Berget war die behördliche Maßnahme über die sparsame Verwendung des Brotes nicht neu. Ihm war es schon vom Elternhaus her eingeimpft, alle Nahrungsmittel in Ehren zu halten und kein Krümchen Brot achtlos auf dem Tisch oder aus dem Boden liegen zu lassen, da der achtlose Umgang mit Brotresten Verarmung nach sich ziehe. Er fühlte sich eins mit den alten Meistern, die vor Lebensmittelwucher warnten, und konnte die verurteilen, in denen der Krieg, da üe selbst von keinem Unheil berührt wurden, kein Mitgefühl für anderer Leid auszulösen vermochte. So wurde aus dem sonst so schweigsamen Mann-e ein redender Philosoph. Er war sich selber kaum bewußt, daß so viele Quellen in ilnn sprudelten, deren Wunderkraft in jenen Häusern wirkte, denen die Kriegsfurie Wunden schlug. Seine Trostworte kamen aus einem fühlenden Gemüte und fanden darum auch Eingana bei den Schwergeprüften, Für uns, so meinte Vergeh hat diese schwere Zeit nicht so viel Schreckhaftes, da unser Leben auch mitten im blühenden Frieden auf den Ernst des Kommens und Gehens, des Blühens und Verwelkens. des ewigen Wandelns von auf und nieder einaestellt ist. Mitten im tobenden Weltbrand tragen wir den endlichen Weltfrieden im Herzen. Und wenn in den früheren Tagen Beraels Lieblinaszitat: ..Alles ist eitel" gewesen war, so stellten sich bei ilnn ießt solche Säße ein, die auf Friedenston gestimmt waren. Von seinem Leid sprach er wenig, und er tröstete sich mit seinem Ahnen Jakob, der auch hinkend durch sein Leben schreiten mußte. Litrrsrilchk Kittkilunyen. — -)i c (i fl i o n s - o u b c nt 11 111. Ehemnitz, min. Zn beziehen durch die Truckfirma I. E. T- Pickenhahn, Ehemnitz, oder den Kommissionär L. Dernau, Leipzig. Biichhändterpreis 1 Mark (bzw. 1,10 Mark!. Ter Inhalt der soeben erschienenen aktuellen Sännst ist die Widerlegung des Standpunktes der Nationaljud-en und die Begründung des Standpunktes der deutschen Inden. Es wird gezeigt, daß weder die gemeinsame Abstammung, noch die jüdische Geistesart, noch die Hoffnung auf eine künftige weltliche Kultur der Indenheit den Rationalismus rechtfertigen, das; aber seine Politischen Folgen kur die deutschen Inden nur verhängnisvoll sein können. Besonderes Augenmerk wird dann dem geschichtlichen Verhältnis von Religion und Ration gewidmet und der Trage, warum und unter welchen Bedingungen auch die weniger religiösen Inden nicht nötig haben, zum Rationalismus abznschioenken. Im Schlußkapitel macht der Verfasser scharfsinnige Unterschiede zwischen den verschiedenen Arten des Rationalismns und schließt daran Vorschläge einerseits über die Stellungnahme der Religionsslideik zu diesen Gruppen inid anderseits zur innerlichen Stärkung des Retigionsjndentnms — Vorschläge, welche in der nächsten Zeit in den Vordergrund der Diskussion treten dursten! Tie Schrift ist zwar meistenteils in gedrängter Kürze abgefaßt, aber in allgemein-verständlichem Stil und in durchaus vornehmem, sachlichem Ton gehalten. Sie faßt alle wichtigen Gesichtspunkte, welche dem Rationalismus gegenüber geltend gemacht werden können, znsainm-en in einer Weise, wie es bisher noch nie geschehen ist! Schon deswegen verdient sie weiteste Verbreitung. Sie wird allen ein n noiitb e h r l i ch es £ r i c n t i e r u n g s mittel sein, welche in dies e r z u r zeit io i ch t i g st e n <y r n g e der deutschen Indenheit sich einen festen Standpunkt schaffen wollen. Aber auch der mit der Materie vertrante Kenner wird durch manche neuen Gedanken und aeistvollen Bemerkungen sich erfreut finden. ### * Siegfried B e r n f eld, Tas jüdische Volk und seine Jugend. Verlag R. Löwit, Berlin-Wien-Leipzig, 1919. Vor mir liegt das eben erschienene Buch von Siegfried Bernseld, „Das jüdische Volk und seine Jugend". Damit hat der Verfasser in das Problem hineingegriffen, das nicht nur alle jüdischen Kreise, sondern die ganze Menschheit aufs tiefste bewegt: das Problem der Erziehung. Tenn die Erkenntnis brickst sich überall uW Mallst Bahn, daß man andere Wege als d'e bisher gegangenen o-Aien müste. um neue Menschen nnt nen-m Idealen ui erstehen, Menschen, die wieder Freude am Leben. Tren.de am Sein haben: nU'd in ist dos Problem der Erstehn na aar k-'ün b"'endoves iüd'sches. I-ßt aber, lim nstr vor der Erfüllung der Zierdemmm stoben, mn rvr<M Iü-uel sich in den nächüen Igbr-'-n mit iüdiichen Menschen ^siedeln wird und w ein neuer St'wt ^ntüebt. Ist ^s eine brennende -i-ree-e. nne iran in d'estin Staate die Erstehung gestalten wird. Und ,'8 bebari do natürlich kstns-r besonderen Erörterung, daß inan versuchen wied. nicht dch Fehleider enravaischen Erüehnna in dos Land mit binnberuinehmeu. ün sarbenn-oben Bildern malt nnn Bernseld ans. wie sich da drüben das Erstebiinasweien gestalten wird, indem er es als schon gegründet anniinmt: er führt uns diireb die Mntt'wheiine. in denen für das unaeboreue Wesen ae'vrat wird, denn Sache des Staates und der Gemeinschaft ist ia das K'nd von de'n Anaenblick an. ivo es sieb unn ersten Male d.n?7,u'kl"7r 'na.ch-k. Wir alanben in Gedanken dst reine Atmosubäre dieses Hanies ^n atmen, die so weit entfernt ist von jeder absichtlichen Wvbttätiokeit. Wenn das Kind dann geboren ist, so sorgen Kleinkinderbein'e für min Wohlergehen. Kleinkinderarnvven nbernebmen im gegebenen Talle feine Leitung. Und wie schön ist d'e Schule, di" es gnfnfmmt. wenn der W'lle;imi Lernen sich in ihm 'bemerkbar macht. In der ..unteren" und der „oberen" Stufe muß es eine Trende gewesen fein, stcb d'e ersten Kenntnisse zu erwerben und ße 'n vertiefen. Wenn das Kind das dreizehnte Lobensjalnorr-estht bat n-nd e« seine geistige Reise uckäßt, dann siedelt es in den Inaendbereich über, um hier noch sieben glückliche Jahre zu verbringen. fern von ieder Erwerbsarbeit. Es hieße das Bernfetd'che Buch ansschreiben. ivollten wir nur e'n schivacbes Bild davon geben. wie sieb das Leben in diesen Siedlungen gestaltete: aber der iunae Mensch, der von dort wegging, muß ein körperlich und geistig reirer Menschgewesen fein und hgfghigt, den Kamps ums Tawin, wenn überhaupt davon in Erez Israel noch im heutigen Sinne die Rede km kann, in veredelter Tornizn rühren. Rnr schade, daß dies alles Ntovie ist, eine herrliche Utopie, die ober aller menschlichen Voraussicht nach eben Utovi-e bleiben muß. Bern selb schildert auch noch, in welcher Weife ein derartiges Scbnlloestn ans die in der Diaspora lebenden Inden zurückwirken müßte, indem er auch hier eine hebräische Erziehung zur Boransfetznug macht. Es ist ihm gewiß, daß er mit diesem Buch unserer Gegennmrt nichts nüßt. denn „wir haben keine Gegenwart, wir Volk der Zukunft". Aber deshalb legen wir das Puch mit einer tiefen Unbesriedignng ans der Hand. Seine Schönheit hat uns berauscht, und wir haben für ein paar Stunden die Weltlichkeit darüber vergessen, aber das hilft uns nickst weiter. Tenn wir hatten mehr von ihm erwartet: wir hatten erhofft, ein Buch zn finden, das uns eine Lösung geben wird kür die Probleme der jüdischen Erziehung unserer Gegenwart, für die Probleme, vor die der jüdische Lehrer iw jedem Augenblick gestellt ist. Unsere Toppeleristenz ist eine Tatsache, mit der wir rechnen müssen. Der westeuropäische Jude kann auch nickst w einfach die Kulturtreiie aus der Erziehung seiner Kinder streichen, in denen er trotz allen Judentums verwurzelt ist, wenn er eben nicht den Weg in das „Land" antritt. Ties aber werden auch von denen, die es wollen, nur die wenigsten tun können, und io endet auch die Betrachtung dieses Buches mit der Bemerkung, daß nicht das Palästinaproblem in der Mitte unseres Interesses allein stehen kann, daß vielmehr der Problem komplex der Diaspora, als der nnferes gegenwärtigen Lebens, durchaus nicht so nebenbei behandelt werden darf, wie das in der Regel geschieht. So ist al'.o Bernselds Buch nicht „das" Buch über jüdische Erziehung, das wir sehnsuchtsvoll erwarten. Tr. Willy Cohn. *

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