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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-05-23 · Heft 21 (23.5.1919) · p. Seite 227

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 21 (23.5.1919)
Date
1919-05-23
Page
Seite 227 (sequence 11)
Language
German
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227 Nordfrankreich, im Dezember 1914. Lieber Freund! In den letzten Monaten hatten wir hier stille Saison. In unserem Etappenort entwickelte sich ein regelrechtes Garnisonleben. Würde nicht das dumpfe Donnern der Geschütze wie ein fernes grollendes Unwetter zu uns herüberdrin-gen, so könnte man glauben, wir wären daheim in unserem friedlichen Städtchen. Da kam endlich Sturm in die bisherige Stille. Die Feinde hatten unsere Stellungen erkundet und sparten ihre Munition nicht. Langes Ueberlegen aab es da nicht. Wir stellten dem Feind uns entgeaen. Der Kampf bis zu seiner Besiegung dauerte nur zwei Stunden. Aber es aab auch auf unserer Seite eine Anzahl Toter zu bestatten. Da fühlte ich mich wie zu Hause. Mit dem Spaten in der Hand schaufelte ich den Gefallenen das Grab. Auch von unseren Brüdern waren mehrere dabei. Ich hätte gern erst die TaharoI an ihnen vollzogen, es fehlte an Feit und - - Waffor: ich Hütte sie in TachrichiuI geihüllt, aber hier im Felde gibt es nur Wollsachen. Eirm Grabrede konnte ich ihnen nicht halten, aber ..h-azur. torniin"F bube ich gesprochen. Allerdings konnte ich hier nur die dunkle Seite meiner heimatlichen Beschäftiaung zchaui. Doch auch für die lichtvollere kam endlich Gelegenheit. Das Ehannkäfest war im Arnua. Obw-obl man im Felde nicht wissen kann, was d'-.r nächste Augenblick brmat, dachte ich doch an die Möglichkeit einer Ehannkareier. Ein passendes Lokal hatte ich mir aufs Korn genommen: in dem verlassenen H-ans fand sich ein Tisch. Einem erbrochenen Schrank entnahm ich eine Tischdecke. Stnhta waren auch zur Stelle. Somit war für Unterkunft während der Feier gesorgt. Das Glück war' mir günstia. Ich trieb Wohl mehr als Zwanzig Krieger ans, und wir konnten am Freitag, dem siebenten Tag der Ehannka, da auch der Feldrabbiner Tr. S. ui ilns gehörte, einen Gottesdienst ab-balteu. Wer will vorb-eüm? Ein Kantor von Beruf meldete sich. Wie weihevoll war die Brocho zum Anzünden der Kerzen! Wie schön trug er das Lechu nerannanoI vor! Wie ergreifend wirkte der Schluüsah: „Gott aibt Kraft seinem Volke, Gott wird segnen sein Volk mit Frieden." Wie wußte er geschickt in d«m Lechodaudie die Ehannkamelodie nnterzllbrinaen! Hätte die primitiv hergerichtete Stätte nicht an den Krieg erinnert, man hätte meinen können, nritten in der Svnagoge einer Großaemeinde zu sein. Nach Beendigung ging iedar zu seinem Truppenteil zurück und sie wollten am Sabbatmoraen sich wieder einfinden. Sie kamen fast vollzählig. Ter Rabbiner leitete die ganze Sidre. Wie freute ich mich, die AlijosI und die MizwosI austeilen m dürfen! Da war ich in meinem Element. Auf eine markige Ansprache des Rabbiners wurde Mullas voraetragen. Gerade als der Vorbeter die Worte rezitierte: „Dil aber in deiner großen Barmherzigkeit standest ihnen bei zur Zeit der Not, führtest ihren Streit, verhalfst ihnen zu ihrem Rechte, ließest viele ilnd wenige besiegen . . . Dil aber hast dir in deiner Welt großen Ruhm verschafft - . ", wurden wir durch ein Signal zur Vorsicht gemahnt. Wie durch ein Wunder entgingen wir der Gefahr, >gesangengenomman zu werden. Nissimh erlebt jeder einzelne Krieger fast täglich. Mit der Andacht tour es vorbei. Jeder ging auf seinen Posten, und an demselben Tage machten wir gelegentlich zwölf Franzosen zu Gefangenen. Mir, als Führer der Truppe, wurde das Eiserne Kreuz verliehen." h Vorgeschrieben-e Reinigung 2) Ltervekleider. Gebet am Grabe. I Psalm;>.z. '') EhrenverrichtUll'gen. “) Wunder. Leben Sie wohl, schreibe^ Sie mir, bitte, was es bei uns daheim Neues gibt, und grüßen Sie meine liebe Gemeinde! Ihr Bergel. Als ob das gar nichts bedeuten sollte, so nebensächlich erwähnt Meister Bergel die Ehrung, die sein Hauptmann fürfein Verhalten und seine ansopfernde Tätigkeit eingegeben hatte. Er wußte selbst nicht, daß er auch ein Held sei. Aber seine Gemeinde war stolz auf die äußerlich kennbare Ehrung ihres treuen Dieners. Mehrere Wochen kam von Bergel keine Nachricht. Eines Tages, es war am 15. Schewat, dein Tage, an welchem nach unserer Ueberlieserung die Saftleitung in den Bäumen beginnt und die Vorboten den Frühling eintäuten, kam er selbst in M. an. Im Krankenfahrstuhl wurde er ins Lazarett gebracht. Er hatte die Hälfte eines Beines im Felde eingebüßt, als er seinem toten Hauptmann ein Grab schaufelte und nicht des Zischens der Schrapnells und der Flintenkugeln achtete. Ter Höllenlärm um ihn ging ihn bei der Arbeit nichts an. Dankbar zeigte sich dem trefflichen Helden seine Gemeinde- Tie Schmerzen, die er zu ertragen,' und die Langeweile im Lazarett wurden durch die Teilnahme, die ihm von seinen Verehrern entgegengebracht wurde, sehr gemindert. Das Tischchen neben seiner Lagerstätte konnte kaum die Fülle der Liebesgaben bergen, die man ihm brachte. Jeder Verwundete, der mit ihm die Stube teilte und als geheilt entlassen lvurde, bedauerte es, den durch Bergel so behaglich gewordenen Ort mit einem weniger gemütlichen wieder vertauschen zu müssen. Von den erlesenen Gaben, die in so großer Fülle ihm gebracht wurden, teilte Bergel den größten Teil mit seinen Karneraden. Der Geruch der Desinfektionsmittel wurde in seiner Station rondem herrlichen Tust seiner Zigarren und Zigaretten unkenntlich gemacht. Tie vielen eßbaren Gaben an Schokolade, Marmelade, Gebäck und dazu manche Flasche Wein boten Genüsse, die jeder seiner verwundeten Genossen gern hin-nahm. Nach vielen Monaten konnte Bergel die ersten Gehvcrsrlche mit Stock und Krücke machen. Mit Energie überwand er die Schivierigkeiten dieser Fortberoegungsmethode. Täglich wuchs die Sicherheit im Gehen, und obwohl er sich anfangs gegen den Gebrauch eines Ersatzteils für das verlorene Bein wehrte, fand er sich, doch bald mit der Annehmlichkeit desselben zurecht. So humpelte er denn biti-tf] die wohlbekannten Straßen seines Städtchensals invalider Feldgrauer, .und alle Bekannten gaben ihre Freude über seine Genesung zu erkennen. In der ganzen Zeit seit Ausbruch des Krieges ereignete sich in seiner Gemeinde nichts Besonderes-. Es war, als hätte das Schicksal seine Tätigkeit nur ans die Kriegsschauplätze gelegt und für die Daheimgebliebenen keine Zeit gehabt. Nur in seinen Fernwirkungen hat es den Schrecken des Kriege? heim-getragen. „Ki an ba.jis aselior en schom mos7) und Berget trauerte mit ihnen und fühlte mit ihnen. Nach einigen Wochen konnte er ichon ohne Krücke, nur von einem Stock gestützt, gehen. Weder an der Front noch in der Garnison fand er nun Verwendung, aber sein Amt in der Gemeinde nahm er in seinem ganzen Umfang wieder auf. Freiwillig übernahm er eine neue Aufgabe. Täglich machte er im Lazarett einen Besuch, suchte das Los der Leidenden durch angemessene Unterhaltung etwas zu mildern und kann niemals mit leeren Händen. Liebevoll nahm man auch ans Berget Rücksicht: er wurde um* mit den notwendigsten Arbeiten betraut, um ihm viel Ruhe zu lassen. Das Ruhen und Warten hatte er in den Monaten wohl gelernt. Mit seiner Philosophie, die sich vorher in einem engen Rahmen erging, wagte er sich hinaus m 7) Fast jede2 Hans gatte einen Verlust zu vetlagen.

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