Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1919)
- Date
- 1919-05-23
- Page
- Seite 226 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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221) 2oh'itf)ctm, dessen sich je eine kleine jüdische Gemeinde rühmen durfte, zurück. Auch diese Gräberstütke, mitten in einem üppigen Tchlvßpark, hatte die Gemeinde ihrem vielgepriesenen gräflichen Gönner zu danken, freilich muhte sie später einmal mit seinem Nachscstger im Besitz stnktenplans wegen der Zllfahrt zum Friedhof einen Prozeß führen, den sie gewann, aber die Beziehungen zwischen Synagoge und Schloß sind doch im ganzen gute und freundliche geblieben. Die alte brüderliche Einhelligkeit der Einwohnerschaft aber gehört, der Vergangenheit an. Ansgestorben, ausgewandert ist die alte Bevölkerung: das neue Geschlecht hat sich seelisch nicht gesund genug erwiesen, um den Giftteimen der Glanbellsgehässigkeit zu nnderstehen, dem Bazillus -des Antisemiteutums. Wohl ist noch heute das Armenhaus Ehristen und Inden offen, wohl ist noch manche alte Einrichtung als Denkmal des einstigen, seligen Friedens zurückgeblieben, aber die alte Eintracht ist geschwunden. Wenn die Gegenwart eine Tochter der Vergangenheit ist, so haben wir es hier mit einer entarteten Tochter zu tun, die ihrer Mutter recht unähnlich geworden ist. Ter Heimweg durch den tiefen, üppigen Wald lässt aber eine Verstimmung nicht auskommen. Einer Natur, die uns so verschwenderisch mit ihren Gaben überschüttet, die Duft und Blüten-, Frucht und Schatten so freigebig spendet, ohne zu fragen, wes Neust imt> Art der ist, dem der Segen zustatten kommt, einer solchen Natur ist die künstlich gehegte Feindseligkeit zwischen den Menschen nicht natürlich. Und wie lvir nun gar, aus dein Wald heranstretend. Marienbad ansaebreitet sehen irn Abendsonnengold, da überkonunt uns ein Gefühl der Gennßheit: der Urieg zrvischen Völkern oder Glaubensgemeinschaften ist eine .strankheitseascheinung, die überwunden wird: der Friede ist der natürliche, gesunde Zustand, der sich sein Recht erkämpfen in u si. Wir lverdeu genesen vom strieg nach außen und innen, genesen auch von den striegsnachwirkungen, das scheint uns der Blick auf den im Frieden gelagerten Trt zu verkünden ist doch Marienbad Ve-rheisiung und Symbol der G e n e i u n g. Meister löergel. der KriegsinvgliÄe. Vvn Ab 2 ch rv e i h e r lGlogau). ie Meisterschaft Bergels rührte davon her, daß er die stunst verstand, schadhaftes Schuhwert in kürzester Zeit auf den Status quo ante bei billigster Preisberechnung herzustellen. Er war nicht Mitglied der ehrsamen Schnhmacherzunft, hatte weder für eine Wohnung noch für einen Laden Miete zu zahlen. Nebenamtlich betrieb er nur sein Handwerk, sein Hauptamt lvar die Schameßstclle, die er seit fast zwei Jahrzehnten in Ab bekleidete. Da hatte er freie Wohnung, Heizung und Beleuchtung und noch anderes völlig ohne Entgelt. Deshalb tonnte er billiger als seine stvllegeu arbeiten. Seit fast zrvei Jahrzehnten waltete er in Ab dieser Doppelbeschäftigung, ist ein stind der Gemeinde und kann als der populärste Alaun dort angesprochen werden. Jedes stiud der Gemeinde kennt ihn: er weist ihnen einen Platz in der Synagoge an und fährt dazwischen, wenn sie aUzuleicht die Würde des Hauies nicht gehörig respektieren. stein Familienereignis in M. ist denkbar, sei es in der Trauer oder in der Freude, wvran er teilnahmslos vorübergeht. Sein Gesicht zeigt aber bei allen Veranlassungen denselben Ausdruck: ob er einem stind seiner Gemeinde die letzten Liebestaten erweist oder lvenn er am Hochzeitstag dem Rabbiner den strdduschbecher reicht, -den Becher, ans welchem Braut und Bräutigam gemeinsam trinken. Bitteres und Süßes, so denkt Meister Berget dabei, haben Mann und Frau gemeinsam zu kragen. Doch sein Leitmotiv, das er dem Spruchschatz des stohclet entnahm: „Alles ist eitel, -stammen und Gehen, Blühen und Welken, Hoch und Niedrig", flicht er jeder Unterhaltung als Schlußsatz ein. Berget lvar auch -Soldat gelvesen lind hatte ohne Fohl und Tadel seine zwei Jahre abgedient unto es zum Rang des Unteroffiziers gebracht. Tie stramme Haltung, die er sich aus der Militärzeit in den Zivilbernf hinübergerettet hatte, ging aber nur bis gl seinem Mund. Ton hatte er nicht in der Gewalt, -steinen Anstrag nimmt er ohne Einwendung entgegen. Selbst wenn seine Behörde die Gebetszeilen festsetzt, was stets nach dein privilegierten Lnach geschieht, setzt er sein „Das stimmt nicht" dagegen ein. Die -strieasfanfare rief auch die Gestellllugspflichtigen in Ab zu den Waffen. Auch Meister Berget, er ist noch nicht vierzig Jahre alt. gehört zum Landsturm und erwartet fieberhaft den Tag, an welchem er zum -stampf fürs Vaterland hinausziehen muß. Er steht ganz allein. Nicht Frau und) .stind würden ihm den Abschied in die ungewisse Zukunft schwer machen. Aber „meine Gemeinde/' wie er seinen Wirkungskreis mit Vorliebe zu nennen Pflegt, „wird sie ohne meine fürioraende Liebe die Trennung vvn mir verwinden und überdauern können? Wer wird die Jahrzeiten, die ich alle im Gedächtnis habe, den Mitgliedern ansagen, daß sie die Frist nickst verfehlen? Wer lvivd dafür sorgen, daß zu den Gedächtn'staaen das Minian vollzählig fein wird, da durch Einstu stuna vieler Genossen große Lücken entstehen? Wer lvird io lieb-.'voll und kunstgerecht all die Arbeiten ansführen, die dein Scheidend'n ans dieser Welt lvenn ein solcher Fall, was Gott verhüten möge, in der strieaszeit eintreten würde - aebühren?" Solche Fragen legte er sich in den ersten Prüfnngsvollen Tagen des begonnenen Weltenbrandes vor. Ihm ist seine Gemeinde nickst eine Summe steuerzahlender Leute. Sie ist ihm mehr. Alle sind seine Verwandten. Schützlinge und Freunde, jeder steht seinem Herzen gleich nahe. 'Ans Beraels sonst aleichmäsiigem Gesicht zeigt sich jetzt eine -stum'merfalte. Zwei Seelen leben nun in seiner Brust. Die eine gehört dem Vaterland, das er glühend liebt, die andere seiner Gemeinde. Auch für ihn fnm die Srdcr der Einbcrnfnng. Ter letzte Ananst'Morgen, „da die Rosen blühten", brachte ihn mit gleichen Kameraden in den nächsten Garnisonort. In Feldgran gekleidet und in voller .striegsrüstnng im überfüllten Militäruw ging die Fahrt nach dran Westen: das bewies seine erste Feldposttarte ans Bonn. Spärlich nur trafen in der Folge Nachrichten von Berget ein. ■ Ihren Unterton bildete eine stlaae, die sich darin kundgab. daß der Feldzug ihm wenig Befriedigung gewährte. Sein einförmiges Leben in der Gemeinde hatten stillen stör Per verweichlicht. Die furchtbaren Tagesmärsche, die kilometersresserischen. lvaren für seine Füße, die nur im Geviert seiner Gemeinde sich so lalige elastisch bewegen konnten, sehr schwer. Sicherlich, so dachte er, haben meine Ahnen in ihrer vierzigjährigen Wüstenwandernng lind aus ihrem rlchotvsen zweitallsendjährigen lveltgeschickstlichen Hernmirren solche Eilmärsche nie tennengelernt. Er marschierte nicht mehr, sondern hinkte hinten nach lmd lvar froh, wenn er seinen Truppenteil nickst verlor. Viele Wochell vergingen, da kam endlich lvieder ein Lebenszeichen voll Meister Berget. Es lvar ein mehrere Bogen umfassender Brief und lautete: