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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-05-23 · Heft 21 (23.5.1919) · p. Seite 225

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 21 (23.5.1919)
Date
1919-05-23
Page
Seite 225 (sequence 9)
Language
German
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Gattungen vereint. Dorfschöne in bunten Egerländertrachten stolzieren in breiten Reihen die Straßen entlang an dem Sonntag, an dem wir Kuttenplan aufsuchen. Alls einem freien Platze entwickelt sich ein rechter Jahrmarktstrubel mit gellender Karussellmusik; rings Kirmestreiben in den Gasthäusern und auf den freien Plätzen. Wir aber biegen links vom Hauptweg in eine Seitengasse ein, die uns in gelinder Erhöhung zum äußerlich schlichten, sauberen Synagogenhause führt. Eire freundliche Frau öffnet die schwere, knarrende Tür, und wir befinden uns im merkwürdigsten Tempelsaale. Eine Decke mit Ornamenten in reizvollem Barock wölbt sich über der geräumigen Halle, in der die Bänke und braunen Betpnlte sich aneinanderreihell. Der reichgeschmückte Almemor auf der Ostseite, nach der alle Beter, wie herkömmlich, ihr Antlitz kehren, umschließt auch die vom goldgestickten Vorbang verhüllte Lade mit dein Tempelschatze, den Pergament- Thorarollen in ihren stlberdurchwirkten Hüllen, ihrem kunstvollen Behang. Da ist die Thorakrone, der funkelnde Schild, die „Ja.d", die schlanke Silberhand, die beim Vorlesen der Wochenabschnitte, von der Hand des Vorbeters geführt, über die zierlich geschriebenen Zeilen gleitet. Die. künstlichen Blumen, die sich um Altar mtb Säulen winden, sind das Geschenk eines Kuttenplarer Kindes, das, fern im Ausland, in der fremden Weltstadt, des winzigen böhmischen Heimatsortchens in Sehnsucht gedenkt. Neben dem Almemor der gesonderte, der Gemeinde znaewandte Ehrensitz des Rabbiners und gleich daneben, durch eine Umhüllung von buntem Zeug geschont, das wunderlich fremdartige, zu einer Tempelhalle so wenig stimmende ltnb doch hier so beweglich stimmende Möbel - das uralte Damastsofa. Ueber dem Sofa, an der Wand, ans der die Oeffnungen der Frauengalerie herniederlngen, hängt in schlichter Umrahmuna ein in Kunstschrift ausgeführtes Gedenkblatt, das in hohen Worten Preis und Dank kündet für „die Wohltäter unserer Gemeinde, den Förderer jeder Verbesserung und Berscböneruna an Synagoge und Schule, den Gründer des ..Caietan-Stipendinms", Grafen Cajetan von Berchenheimbansen, itnb dessen Gemahlin Wilhelmine, Gründerin der Mädchenschule. Das Damastsofa war also der Ehrensitz des Orts-Gutsbesitzers, der sich als Schutzpatron der jüdischen Gemeinde gefühlt und eifrig betätigt hat. Wenn die inzwischen auf sehr wenige Familien zusammermeschmolzene jüdische Gemeinde von Kuttenplan sich heilte noch den Lnrus eines eigenen Rabbiners und Predigers gestalten kann, so dankt sie das dein erwähnten Eajetan-Stipendium, der Stiftung jenes Grafen von Berchenheimhansen, aus deren Zinsen der Rabbiner besoldet wird. Wenn, zu Lebzeiten des gräflichen Ehepaares, der Rabbiner seine Sabbat- oder Festtagspredigt zu halten hatte, begab er sich wenige Tage vorher in das Parkumzogene, alte Schloß - die jetzigen Besitzer von Kuttenplan haben sich ein neues erbaut , um die Gutsherrschaft einzuladen. Graf und Gräfin erschienen dann gar oft im Tempel und nahmen auf ihrem Ehrensitz, auf dem für sie bereitgestellten Damastsofa, Platz. Graf und Gräfin blieben aber nicht die einzigen christlichen Stammgäste der Synagoge. Sie hatte ihrer mehr. Ein Stückchen voili verheißenen paradiesischen Reich, in dein Lamm m-d Lowe friedlich nebeneinanderlagern, hatte sich im alten Kuttenplan verwirklicht. Hier bildete die gesamte Einwohnerschaft, ohne Unterschied von Glauben, Stand und Besitz, eine einzige Familie. Kennzeichnend ist es, daß inan sich im ganzen Ort mit dein Verlvandtschaftlichen „Tu" anredete. Als vor Jahrzehnten Knttenplan abbrannte ttnb besonders die jüdischen Häuser an der Synagoge den Flammenherd bildeten, da beteiligte sich der Ortspfarrer besonders eifrig am Löschen und vermauerte mit. eigener Hand die Fenster an der Wohnung des jüdischen Gemeindevorstehers, mit den Flammen den Ein- | gang zu versperren. Bei freudigen Anlässen trat die Einhelligkeit der Einwohnerschaft in Stimmung und Gesinnung nicht minder klar zutage. Bei den Trauungen im jüdischen Tempel trug so manch liebes Mal der christliche Münnergesang,verein vom oberen Chor herab seine festlichen Gesänge vor. Und über das Grab hinaus währte die Treue, die Christ und Jude sich hier gegenseitig hielten. War da ein alter, einsamer jüdischer Schuldiener krank geworden. Ein befreundeter Bauer kam gern, wann immer er sich eine Stunde abgewinnen konnte, herüber, um nach dem armen Schuldiener zu sehen, mit ihm klug über Weltdinge zu schwatzen, zu philosophieren und um ihm gelegentlich beiznstehen. Eines Tages fand er den Schuldiener besonders verdrossen und traurig. Er jammerte über das elende Dasein, das er so allein und verlassen aus dieser Erde führte, „und wenn ich nun bald sterbe", fügte er hinzu, „wird kein Mensch um mich trauern, wird kein Mensch für mich beten". — „Sach das nicht", antwortete der Bauer, „eure jüdischen Gebete kann ich natürlich nicht hersagen, aber das verspreche ich dir, alle Jahre an eurem höchsten Feiertag, am Vorabend des Versöhnungstages, werde ich in euren Tempel kommen und, so gut ich es kann, in meiner christlichen Art für dich beten." Und er hielt treulich Wort. Alljährlich am Kol-Nidre- .Abend kam unser Bauersmann, blitzsauber gewaschen, in seinem besten Sonntagsstaat in den Tempel, loo inan ihm gern einen Ehrenplatz freihielt, um zu beten. Da mag immerhin auch manch urchriftliches Vaterunser emporgestiegen sein zum Himmel und mag dort wohlgefällig ausgenommen worden sein als ein rührend-schönes Zeichen der Verbrüderung in Kuttenplan, über die rechte Freude herrschen konnte im Himmel und rechte Genugtuung ans Erden. Noch einmal verweilt der Blick bei dem seit undenklichen Zeiten niemals mehr benutzten Damastsofa am Almemor- Ehrenplatz, das doch so erbauliche Dinge zu erzählen weiß. Noch einmal gleitet das Auge zur oberen „Frauenschul" und an den Wänden entlang, an denen noch manche eingerahmte Tafel in Prächtiger Zierschrift von dem Wohltäter und Gönner der kleinen Gemeinde, vom Grafen Berchenheimhausen, kündet, dann wenden wir uns zu jenen, die noch Zeugen der Paradiesischen Eintrachts- und Friedenszeiten in Kuttenvlan waren. Alls dem Friedhofe sind sie zu finden: auf dem seit nun gerade drei Jahrzehnten nicht mehr benutzten, seit 1888 geschlossenen Friedhof. Mitten im Schloß-! Park, umschlossen und verborgen von mächtigen Baumaruppen, ist er gelegen. Wenn der Jude den Gottesacker, ans dem er letzte Ruhe findet, stets so rührend schon den „guten Ort" nennt, hier ist er ein gar herrlicher Ort. In der hohen Mauer, die ihn umzieht, ist die stark verrammelte Tür angebracht, die sich durch das schwerfällige alte Schloß nur widerstrebend offnen läßt und im Ausgehen ächzt, als klagte sie über die ungewohnte, unwillig erduldete Störung. Drinnen aber, ans dem alten Totenfelde, welch ein Leben! Einen welligen Hügel hinan zieht sich die Gräberstatt bis zu einer Rninemnauer. Tie Grabsteine sind vielfach halb in den weichen Boden gesunken oder sind eingefallen, die sehr beredten hebräischen Inschriften sind oft nioosüberzogen, von Wind und Wetter unleserlich gemacht; zwischen den wirr umherliegenden alten Grabsteinen aber ein wahrhaft tropisches Blühen und Prangen und Sprießen. All die hohen Gräser und Blumen scheinen die Gräber verdecken, überdecken zu wollen; große, leuchtendrote Erdbeeren blinken und locken, und bunte Käfer, sarbenprangende Schmetterlinge haben die Stätte des Todes zum Tummelplatz ihres kurzen, sonnigen Lebens ersehen. Mit einem Gefühl, als hätten nur für die Storung um Entschuldigung zu bitten, ziehen nur uns von dieser Wunderstätte seligen Friedens, von dem schönsten

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