Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1919)
- Date
- 1919-05-23
- Page
- Seite 224 (sequence 8)
- Language
- German
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224 In seinen weiteren Darlegungen setzte Pastor Bickerich auseinander, brtfc, wohin wir auch blicken, nirgends der Anschluß an Polen der Provinz Posen einen Fortschritt bringen würde; im Gegenteil, einen starken Rückschritt, schlimmer, als ihn der Krieg ohnehin schon gebracht hat. Landwirtschaft und Industrie würden Zurückbleiben, und dazu käme der gefährliche Wettbewerb der östlichen Handwerker, die, schlecht ansgebildet, schlechte, aber billige Arbeit liefern werden, und ganz besonders der jüdischen Händler. „Unsere jüdischen Mitbürger", sagte Pastor Bickerich, „werden es mir nicht verargen, wenn ich dieser-Punkt mit erwähne. Wer auch nur einen flüchtigen Blick in die Verhältnisse von Russisch-Polen getan hat, der weiß, daß die dortige Iudensckiaft größtenteils ans einem ganz anderen Standpunkt steht als unsere jüdischen Mitbürger. Das ist eine Tatsache, über die man einfach nicht hinweggehen kann. Daß unsere jüdischen Mitbürger sich für die Hebung ihrer unglücklichen Glaubensgenossen in Russisch-Polen interessieren, das ist ihr Recht, ja ihre Pflicht. Dafür sollten wir uns alle erwärmen. Aber so tute diese Leute nun einmal sind, ihnen unsere Provinz ausliefern, und das geschähe doch bei der Vereinigung mit Polen, das wäre doch sehr bedenklich und würde vielen Geschäftsleuten große Hinderung und unter Umständen den Ruin ihrer Eristenz brinaen." - Wir leben in einer Zeit des Radikalismus. Mit denen, die man loswerden will, verfährt man in radikaler Weise, itnö die Polen schaffen sich die Konkurrenz der Juden vom Halse, indem sie sie, nach Dr. Eisenbarts bewährter Methode, totschtagen. Soll das so oft verkündete herrliche Zeitalter der Versöhnung, Liebe und der Gerechtigkeit mit Pogromen eingeleitet werden tutb soll der ewige Friede nur der des Kirchhofs sein? Doch die Juden sind ja stets ein Volk des unverwüstlichen Optimismus gewesen, und "selbst am Grabe pflanzen sie die Hoffnung auf". Möge aus diesem schrecklichsten der Kriege für sie endlich die Zeit hervorgeheu, welche ihnen die Propheten verkündet haben, die Zeit messianischen Glückes und Friedens: möge der „ewige Jude" endlich die Ruhe sinder, die er sich bnref) eine unsagbare Kette von Verfolgungen und Leiden ehrlich und redlich verdient hat. Dann wird er sich des Wortes „Pogrömchen" nur noch erinnern, als ob es einer uralten Sage, einem Mythos entstammte: dann wird er seinen entsetzt aufhorchenden Kindern und Enkeln davon erzählen, tute von einem Schreckgespenst eines „Märchens ans alter Zeit", das da beginnt: „Es war einmal!"; dann wird für ihn die wahre Lösung des Iudenproblems, die Zeit des Glücks und der Freiheit, das goldene Zeitalter, ein sonniges, „lichtiges" Ehanuka gekommen sein. Das Lynsgvgrnlvka von Kuttenplan. Bon I. Landau. O. mihi praetcritos referat. si Jupiter annns! Vinyl, Acneis. VIIl. 515(1. Cb, gäbe Jupiter mir zur tick die veraanaenen Jahre! n eilt waldumhegtes Tal gebettet, ruht Marienbad zu Füßen der grünen Höhen, von denen die Villen, die palastähnlichen Hotelbauten so fröhlich herniederblicken. Drunten aber entsprndeln den Felsen die heilkräftigen Wunderguelleni, die hier, in dieser Herrgottsapotheke, so reichlich strömen, Kräftigung, Genesung, Verjüngung spendend den vielen Tausenden», die aus allen Richtungen der Windrose allsommerlich sich zusammenfinden, um ihren Iahresbedarf an Kraft und Frische sich zu holen. Etwas Gesundheit einzuhamstern, das wenigstens gilt noch nicht als sträfliches Vergehen in unseren Tagen der wilden Hamster-Treibjagd, in denen es so streng verpönt ist, seine Kinder zu nähren, die Leidenden zu stärken: in diesen Tagen, in denen Leben-wollen fast ein todeswürdiges Verbrechen ist. Lebenskraft, Verjüngung schlürfen wir aus den Marienbader Heilquellen, Zukunft also spendet uns jeder Becher. Im letzten Sommer aber zum erstenmal sollte ich gewahr werden, daß uns hier auch die Vorgänge n heit zur Arznei werden kann, zu einem Heiltrank für die Seele, wie die Kreuz-, Rudolfs- und Ferdinands-Brunnen es für den Körper sind. Suchten die Alten im Lethetrank den Trost des Vergessens, so haben'wir diesmal einen schönen Trost gefun'den im Erinnern. In Marienbad also war's, oder richtiger in einem kleinen Oertchen, kaum zehn Minuten Eisenbahnfahrt auf der Strecke nach Pilsen, knappe zwei Stunden herrlichen Waldspaziergangs hinter Marienbad. Hier, in der äußersten Nordwestecke Böhmens, zu oer schon die Kuppen des bayerischen Fichtelgebirges herübergrüßen, lagert das kleine Städtchen Plan und, als eine Art von Ableger dieser Stadt, das Oertchen K u t t e n p l a n. Geographiegeschichtlich und sprachlich ein merkwürdiges Fleckchen, ein merkwürdiger Name! Wohl der einzige Ort in Europa, der einen hebräischen Namen trägt. Tenn die Bezeichnung „Kutten" hat nicht etwa mit der Mönchskutte etwas zu tun, sondern ist in der polnischen Aussprache der damaligen böhmischen Inden das hebräische Wort „Kuten" (klein); der Name bedeutet also: Klein-Plan. Ueber die Entstehung des Ortes aber erhielt sich die folgende Ueberlieserung: In der Stadt Plan, die auch ein der heiligen Anna geweihter Wallfahrtsort ist, erhob sich vor langen Zeiten einmal eine der damals so häufigen Jndenverfolgungen, die zu einer Jndenrertreibung ausartete. Die Juden lagerten etwa ein halbe Stunde vor Plan auf freiem Felde und entsandten eine Eitbvtschaft nach Wien an den Kaiser mit der Klage über ihre Verfolger. Ter Kaiser entschied wörtlich: ,, Die Juden s o l l e n bleiben, w o s i e s i nd." Gemeint war, daß sie in Plan zu verbleiben haben. Da sie aber nicht mehr int Bereiche der Stadt waren, hielten sie sich streng an den Buchstaben des kaiserlichen Bescheides, blieben mtf dem Feldfleck, auf dem sie gerade waren, und gründeten das Oertchen.Klein- Plan, „Kuten Plan", das jetzige K u t t e n p l a u. Nach einer anderen Ueberlieserung sollen die Juden bis zum Eintreffen der kaiserlichen Entscheidung in Plan geblieben, dann aber durch List aus der Stadt gelockt worden sein, damit sie draußen erst, ans freiem Felde, die kaiserliche Entscheidung empfangen, und also „bleiben, wo sie sind"! Alls blindem Haß geboren, entwickelte sich der kleine Ort zn einem Sitz der Menschenliebe. Bon der Unduldsamkeit gezeugt, wurde Kuttenplan zu einer Heimstätte rührender Verträglichkeit und inniger Verbrüderung der Glaubensgemeinschafteu. Das alles erzählt uns - - ein merkwürdiges und sonst kaum noch vorkonrntendes Einrichtungsstück in einem Tempel --das S y tr a g o g e n s o f a von Kuttenplan. Seit dem seligen oder auch unseligen Erodillon und seinem Roman „Le sopha", das er, Iltens a non lueendo, eine „moralische Erzählung", „conto moral", nannte, stehen die Sofa- Erzählungen in keinem guten Rufe. Hier aber lauschen wir gerührt und erhoben alle dem, was uns dieses uralte und Ehrwürdige Tamastsofa von der innigen Verbrüderung der Konfessionen erzählt. In der eigenwilligen Unregelmäßigkeit der wenigen, von Gärten unterbrochenen Straßenzüge, in der häufigen Abtvechslung von Bauernhütte und Geschäftshaus, in den breiten Torwegen der Gastwirtschaften gibt Kuttenplan das Bild eines alten Marktfleckens, eines ans dem Torf zum Städtchen sich umgestalteuden Ortes, der noch freundliche.Züge der beiden