Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1919)
- Date
- 1919-05-23
- Page
- Seite 223 (sequence 7)
- Language
- German
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22S der enormen Schwierigkeiten tutb Kompliziertheiten dieser Aktion voll bewußt sind. Es sind Fehler gemacht worden. Man kann unseren Vertretern den Vorwurs nicht ersparen, das; sie in der Verfechtung der jüdischen Rechte in den Tiasporaländern von Anfang an jede Energie und namentlich auch jedes einheitliche geschlossene Auftreten vermissen lassen.; Wie sehr dieser Vorwurf berechtigt ist, beweisen die für die I Situation sehr bezeichnenden Auslassungen des führenden jn- ’ dischen Blattes Englands, des „Icwish Ehronicle" vorn - 18. April: „Eine große Anzahl von Juden aus den verschiedensten Ländern ist zurzeit in Paris versannnelt, die alle! von dem Wunsch, die jüdischen Interessen beim künftigen Friedensvertrag zu schützen, dorthin geführt wurden. Wir wollen hoffen, daß die jüdische Sache so gilt geschützt wird wie nur irgend möglich. Uns fällt jedoch die zufällige Art; und Weise auf, in der diese Delegationen znsammengekommen I sind. Sie sind, wenn Nur so sagen dürfen, ein Gönn sch indischer Atome. Sie scheinen ohne Berufung gekommen zu i sein und sich gesondert von anderen gehalten zu habein troll ibrer in hohem Maße gemeinsamen Viele - wenn es nicht - gerade Herrn Lnciän Wolf gelungen ist, sie znsannnenzilbrinaen, wie es seine vor einiger Veit verkündete Absicht war. Das alles ist natürlich sehr charakteristisch für jüdische Bedingungen und Methoden und spiegelt getreulich die Situation des Judentums der ganzen Welt wider. Aber ist es zu viel erhofft, daß sich aus diesem Gemisch eine bestimmte und feste Organisation entwickelt, die für die Zukunft in gewissem Maße internationale jüdische Zusammenarbeit gewährleistet? Nötiwendig ist eine Liga der Inden. Wir honen, daß die Delegationen in Paris nicht auseinandergeden werden, ohne eme permanente Körperschaft zu bilden, der bestimmte Ausgaben übertragen werden, besonders das Recht; und die Pflicht, repräsentative Inden ansalten Ländern! periodisch oder jedenfalls in dringenden Fällen zusammenj znrufen." Das ist ja alles schön und gut, nur scheint es uns vor allem darauf anznkommen, daß diese „Methoden" imb dieser Wirrwarr nicht erst dann überwunden werden. numu es zu spät iß, und daß „eine bestimmte und fette Organisation, die internationale jüdische Zusammenarbeit aewährleittet". niebt erst für die Znkllmt. sondern für die unmittelbare schick- 1 salsschwere (Gegenwart, für diesen entscheidnuasreirhen Anaenblick in Aktion tritt. Wir nässen nicht, ob dies augenblicklich; tatsächlich der Fall ist, ob es gelungen ist, früh aenug der Schwierigkeiten Herr zu werden und eine gemeinsame einheitliche und zielbewusste Aktion für die jüdischen Rechte dnreb- Zirsübren. Bereits Mitte vorigen Monats hat bekanntlich im Hause des jüdischen Konsistoriums in Paris eine Aussprache zwischen dem Komitee für Nationale Rechte der Inden der Alliance Israölite Universelle und dem Joint Kommitkee in London stattgefnnden. die der Möglichkeit der Zusammenarbeit galt. In dieser Beratung, die unter dem Bovrsitz von Louis Mars halt stattfaud, vertraten Sokolow, Thon und Ussischkin die zionistischen Grundsätze, und außer ihnen kamen noch von gegnerischer Seite der Präsident der „Allianee", Sah, deren Sekretär Bigart, der Präsident des Joint Kommitkee! Wolf, ferner Reinach und der frühere englisch-jüdische Minister | Samuel zum Wort. Aus Vorschlag des galizischeu Vertreters,! Dr. Leon Reich, wurde ein Ausschuß zur Prüfung der Entwürfe für eine der Friedenskonferenz zu unterbreitenden Denkschrift eingesellt. Es wurde dabei das Bestreben an den Dag gelegt, eine gemeinsame Durchführung der Aktion zu ermöglichen. lieber die Ergebnisse dieser Beratung ist indessen nichts bekannt geworden, und der durchschlagende Erfolg der Politik der Herren Paderewski und Dmowski spricht ja dafür, daß dieser Aktion, falls sie überhaupt stattfaud, eine bleibende Wirkung kaum beschieden war. Es steht jedoch zu hoffen, daß 1 es sich bei der gegenwärtigen Sachlage nicht um Endgültiges und Abgeschlossenes handelt, sondern um eine vorübergehende zeitweilige Konstellation,. Wie der Vertrag von Versailles nur einen Entwurf darstellt, so dürste auch der in ihm ausgesprochenen vorbehaltlosen Auslieferung des poseufchen, westpreußischen und oberschlesischen Judentums au Polen nur die Bedeutung eines vorläufigen Modus zukommen, die einer endgültigen Prüfung und Regelung der Dinge nicht staudhalten närd. Wir vermögen nicht zu glauben, daß die bei der Auslieferung voll Beßarabien und Siebenbürgen an Rumänien gelunchten Fehler in Posen, Lbcrschlesien und Westpreußen wiederholt werden. Das jüdische Blut, das in diesen Tagen aus der Erde Polens und Galiziens sehreit, ist ein furchtbarer Warnnngsrnf, der nicht überhört werden wird. Die Lebellsfrage der Juden Posens, Weftpreußeus und Lberschlesieus ist ein Punkt, über den es keine Ateiuilugsverschiedenheit innerhalb der jüdischen Richtiingen selbst geben kann, der dazu angetan ist, die Möglichkeit und Notwendigkeit des geschlossenen Auftretens aller Gruppen auch denen, die aus Eigenbrötelei oder auch aus Grundsatz der Einheitlichkeit im Wege stehen, vor Augen zu führen. Der Vertrag von Versailles ist nickst Ulir für das deutsche Volk, sondern auch für das Gesamtjudentum unannehmbar. Wir protestieren gegen ihn im Rameu der Gerechtigkeit, der Menschlichkeit und der Kultur. ls. K. Koyrömchrn. Ven Smitätsrnt De. Lcherbel lLissa i. P.p Pastor ]>riin. ]i<*. B i ck e r i eh in Lissa i. P., ein gründlicher Kenner der Geschlchkc Posens und Polens und ein hervorragender Geschichtsforscher, hat bei der Gründungsversammlung des Deutschen Volksrats in Lissa ain •24. November HMcS, die äußerst zahlreich besucht war, eine bedeutsame Rede gehalten über das Thema: „Was würde die Provinz Polen beim Anschluß an Polen zu erwarten haben?" Diese vor einein halben Jahre gehaltene Rede enthält manches, was für uns Inden allch gegenwärtig von größtem Interesse und beherzigensivert ist. So finden die schrecklichen Vorgänge in Lemberg imb in anderen Städten Galiziens und auch Polens eine eigenartige Beleuchtung durch folgende Erzählung Bickerichs. Er erklärte, daß bei dein in dem polnischen Volke glühenden, von nnverautloortlichen Händen je und je geschürten Fanatismus sich nationale lind religiöse Momente seltsam dnrchdringen, und fährt dann fort: „Ich -zweifle nicht, daß die Zusage der Glaubensfreiheit ehrlich gemeint ist, aber ob die polnischen Führer hernach auch die Masse werden im Zaum halten können, und ob gegen vorkommende Ausschreitungen bei polnischen Gerichten und Behörden Recht und Hilfe zu erlangen sein wird, das ist mir sehr fraglich. Hier haben meines Erachtens auch besonders unsere jüdischen Mitbürger zu fürchten. Als ich vor zwei Jahren in Warschau war, erzählte uiir ein höherer deutscher Beamter, er habe einen einflußreichen polnischen Herrn gefragt, wie sie es denn in ihrem neuen Reich, wenn sie erst am Ruder wären, mit den Inden halteil wollten. Bekanntlich sind die Illden im sogenannten russischen Anteil sehr zahlreich und stehen größtenteils ans einer sehr niedrigen Kulturstufe. Ta habe der polnische Herr gesagt: „Run, da lverdell wir zunächst wohl ein kleines Pogrömeh e n vornehmen." (!) Ich erinnere an die hetzerische Art, in der erst vor einigen Wocheir der polnische Stadtverordnete Lewaudowski in Posen in öffentlicher Versammlung über die Inden geredet hat, und an Vorkommnisse, wie sie kürzlich in Warschau sich abgespielt haben. Schon hat England sich veranlaßt gesehen, eine Warnung dorthin ergehen zu lassen, daß IudenversoiglUlgen nicht geduldet werden würden."