Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1919)
- Date
- 1919-05-23
- Page
- Seite 222 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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222 erbrachen, die anwesenden Inden fürchterlich mischändett, die Synagoge zum Teil zerstört, die Thornrollen wurden in Fetzen gerissen. Tie einschreitende Bälitärpolizei war zu schwach, als .daß sie von der Mcnpe überhanvt beachtet wordenwäre. Eine Kvinpaanie des 1.^. Jn-- fnnterieregiments beteiligte sich an den Plünderungen. Erst nach 24stttndiger Tauer dielten es die Behörden für notwendig, den Ansnafnneznstan'd zu verhängen. Am 24. April brach in Niebytee, Bezirk Strpzow. )vährend des Jahrmarktes ein- Pogrom curs, der von den zum Jahrmarkt in die Stadt gekonmrenen Bauern veranstaltet ivnrde. Es wurden 4 Juden, Schaffer, Bat, Piukas, Strahl, getötet und 10 Juden sckiver verunuidet. In Mielec plünderten am 1. Mm die Bauern die jüdiseben Kau fl öden und Wohnungen. Sie brachten zu diesem Zweck gleich Fuhrwerke mit, mit die geraubten Waren da von tragen zu können. Tie Garnisvn blieb wahrend der Unruhen untätig. Auch in Sutncze fanden Ancscbreitnnoen gegen die Juden statt, bei welchen die Brüder Moses und Manchem Schwalbe und Isaak Felder ertötet un'd Selig Felder schiver verwundet wurden. Tie jüdische Bevölkerung ist geflohen und hat ihr Hab nnd Gut zurücklassen müssen. Bei Aiisschreitnngen, die in Wysota stattfanden, ivurden Simon 9!oumnnn un>d Frau schiver verwnndet. bei Erzessen in Lenka wurde Taviid Schiss nnd sein Sohn schiver vernmndet. Ein bewirders sch reck liclgr Pogrom hat sich ferner in Kolbilsz o iv a abgespielt, wv Inden getötet und alle Geschäfte und Wvhmlugen geplündert ivurden, die Stadt steht angeblich in Flammen. In S t r z y z o iv wurde ein Ritnalmvrdmärchen verbreitet, dein drei Personen zum Opfer gefallen sind. Weitere schwere Ansschreitnng-en haben in Z n e z a n , W p iv k a und 2 e k i stattgefunden. Die Ukrainer verüben weiter Invennrorde. Warschau, <s. Al'ai lSpezialb. d. K. f. d. £.). Tie ukrainischen Truppen haben, wir Kieiver Blätter berichten, vor dem Verlassen von Wolvehsk ein furchtbare-^ Judemnassakre veranstaltet.^ Au diesem Pvgrorn nahmen auch Genossen ans Osten lizien teil. 1500 Inden sind mns Heden gekommen. Ihre Häuter sind geplündert ivvrden. Um die Spuren des Pogroms zu verwischen, steckten die aufgepeitschten ukrainischen Horden eine Reihe von Häusern in Brand. Aach Informationen aus Aviv na sind ukrainische Truppen ansstäudifch. In Kreminieez haben ntrainische Soldatett ihre Offiziere gefangen geuvirnnrn, die Alllnitionsinavazine in die Luft gesprengt und die Kasernen in Brand gesteckt. Später tourdeu Judenpogrome reraustaltek. Tie ukrainischen Geioalttätigteikeu forderteli til>0 Opfer. Erst die eiUgst aus Brvdy herbeigerufenen Truppen vermochten mit Waffengewalt die Ruhe iviederherzustetteu. * Brauting über die polnischen Pogrome« K v p e n h a g e n , den 15. Mai. Bor seiner Abreife von Amsterdam, wv er anläßlich der Svzialistentönferenz iveilte, veröffentlichte der bekannte dänische Sozialistenführer Branting einen Brief in der ,,Hnmanitö", in dem er ans die Aachrichten über Pogrome in Polen himveist, die er von den jüdischen Sozial istenführern Miller und Ehasauvwitsch erhalten hat. Aach einer eingehenden Schilderung der furchtbaren Ereignisse in Polen, besonders in Pinfk, spricht er in diesem Artikel seine Meinung aus, das es höchste Zeit sei, Garantien für Recht und Freiheit, ivie sie vom Präsidenten Wilson proklamiert worden sind, auch für die jüdische Bevölkerung in Polen nnd anderen Ländern Osteuropas zu erhalten,!vv sich in11 kleinen Unterbrechungen immer wieder Szenen, die an das barbarische Mittelalter erhtnmt, wiederholen. * Ter „Evening Standard" berichtet, daß der bekannte jüdische General S i r I o h n M o n a s h , der siegreiche Führer der Australier, als Gouverneur für Palästina vorgeschlageu ivurde für den Fall, daß die zionistischen Forderungen bewilligt werden. Wie „Evening Standard" schreibt, ist Skr John Monafh als guter Jude stolz auf seine Rasse, besitzt aber auch die Sympathie aller anderen, .was ihm die Möglichkeit bieten wird, and) mit den Arabern und Syriern sich gut zu vertragen. Ta Sir John Monash selbst Ingenieur ist, so bietet seine Persönlichkeit volle Gewähr für die günstige Entwicklung des Landes. Der Verlsiller Lntwurk und die Zudrnkrage. er Vertragsentwurf, der am 7. Mai den deutschen Vertretern in Versailles übergeben wurde, beansprucht auch vom jüdischen Standpunkt das lebhafteste Interesse. Dieser Vertrag wird nicht verfehlen, in der ganzen jüdischen Welt tiefes Erstaunen, ja Erschrecken hervorzurnfen. Ueberall dort, wo Juden leben und kämpfen, in der Alten und in der Neuen Welt, wird man sich fassungslos fragen, wie es möglich war, daß der Herrschaft eines Volkes, das Lemberg, Pinsk und Wilna verschuldet hat, obendrein noch die Juden Posens, Westpreußens und Oberschlesiens ausgeliefert werden. Man wird sich des Gefühls tiefster Empörung nicht erwehren können über den raschen Lohn, der den Mordbuben von Lemberg, Pinsk und Wilna und deren Helfershelfern, Verteidigern und Protektoren zuteil geworden ist. Jeder Tag, jede Stunde bringt neue Kunde von blutigen Judenverfolgungen in Polen, bringt neue Hiobsbotschaften ans allen jenen Gebieten, die vom Fuße polnischer Eroberer betreten werden. Ter Zug der polnischen Legionäre durch Litauen ist für die Inden dieses Landes zum Krenzzug geworden; dünner als Wasser ist unter der Polenherrschast Jndenblut geworden. Dieses alles ist der Weltöffentlichkeit nicht verborgen geblieben, und man durfte glauben, das in diesen Jahren des Unheils in todesähnlichen Schlaf versunkene Weltgewissen wäre durch die Hilferufe der Gemarterten nnd das Todesröcheln der Blutzeugen wachgerüttebt worden. Alan durfte glauben, daß die englischen, französischen und amerikanischen Kommissionen, die in Lemberg geweilt und ihren Völkern, der ganzen» Kultur- Welt Kunde jener Taten namenlosen Entsetzens, jenes Ausbruchs menschlicher Bestialität gegeben haben, die ans dem Boden Galiziens Ereignis geworden sind, daß alle diese nnbestechLichen Zeugen polnischer Blutdurst und polnischer Niedertracht der gesamten Knlturwelt die Augen darüber geöffnet haben, daß die Pflicht des Eingreifens einem solchen Volke gegenüber noch gebieterischer und unabweisbarer fei als etwa gegen die Chmabvrer nnd einen menschenfresierischen afrikanischen Stamm. Sollte nun diese Knlturwelt, sollten England, Frankreich und Amerika entschlossen sein, den Helden von Wilna und Lida zu nienen Triumphen zu verhelfen? Sollten die Herren Wilson, Lloyd George und Eleinencean, derselbe Etemencean, der der Judensrage und dem Jndenelend wiederholt tiefgehendes Interesse bewiesen und während des Balkankrieges mutig für die Inden Rumäniens, die „letzten Sklaven Europas" eingetreten ist, sollten sie genullt sein, den polnischen Mördern den Weg in die Städte Westpreußens und Oberschlesiens zu ebnen? Ist noch, nicht genug jüdisches Blut geflossen? Ist noch Menschenrecht nnd Menschenwürde nicht genug mit den Füßen getreten? Als Vertreter des jüdischen Volkes bei den Friedensverhandlnngen weiten gegenwärtig in Paris die jüdischen Nationalräte des Ostens und die Abordnungen der zionistischen Organisation nnd des amerikanisch-jüdischen Kongresses. Man nuüß, daß der Einfluß jüdischer Persönlichkeiten ans den Gang der Dinge in Paris auch außerhalb dieser Vertretungen erheblich ist; jüdische Politiker und Fachberater sitzen in allen Friedensdelegationen, und namentlich in der amerikanischen spielen Männer wie Strauß und Barnch eine bestimmende Rolle. Geivisse polnische Organe lassen sich von ihren Pariser Vertretern ausführlich über den jüdischen Einfluß in den Friedensverhandlungen berichten. Wir wissen nicht, ivas die Vertreter des jüdischen Volkes in Paris in bezug ans die Sicherung der jüdischen Rechte bisher geleistet und zu leisten Möglichkeit und Gelegenheit gehabt haben. Wir wollen nicht über „Geheimdiplomatie" klagen, weil wir uns