Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1919)
- Date
- 1919-05-23
- Page
- Seite 219 (sequence 3)
- Language
- German
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2t« Sir Woche. Berlin, 19. 'Mini. ie Bekanntgabe der Friedensbedingnngen hat wie ein Donnerschlag gewirkt und im ganzen Deutschen Reich einen Sturm gerechter Entrüstung entfacht. Die Rcichshauptstadt stand in den letzten Tagen im Zeichen des Protestes, und in allen deutschen Landen sanden und finden überwältigende Kundgebungen gegen den Gelvaltfrieden statt, der nichts anderes als Deutschlands völligen Ruin bezweckt. Alle Parteien und Volksschichten sind einig in der Anfsassnng: Deutschland würde, wenn diese ihm gestellten Forderungen dnrchgeführt werden sollten, materiell und moralisch gelähmt, für alle Zukunft erledigt fein. Das zeigte sich besonders in der großen Sitzung der Nationalversammlung am 12. Mai während der Erklärung Scheidemanns. Nach den Worten des Ministerpräsidenten: „DieserVertrag ist nach der Auffassung derNeichsregierung unannehmbar", erhob sich das vaus und bekräftigte diese Worte mit stürmischen Kundgebungen des Beifalls; es war die entschlossene Kundgebung eines einmütigen Volkswillens in der Stunde der größten Not. Die Reden des Ministerpräsidenten Scheide m a n » und des preußischen Ministerpräsidenten •£> i r s ch , von der Tagespresse vollinhaltlich mitgeteilt, sind von historischer Bedeutung und dürfen, in den vauptzügen, auch in einem ausschließlich den Interessen des IudeutuMtz geiveihteu Blatte nicht fehlen. Ministcrpräsidcnt Scheidcmann führte ans: Meine Damen und Herren! Die Deutsche Nationalversammlung ist heute-Hllstunmengetreten, um am Wendepunkt im Dasein unseres Volkes gemeinsam mit der Reichsregiernng Stellung zu nehmen 511 beut, was unsere Gegner Friedensbedingnngen nennen. Alle sind erschienen, dis auf die Elsaß-Lothringer. denen mau das Recht, hier vertreten 51t sein, jetzt schon -ebenso genommen hat, wie ihnen das Necht genommen werden soll, in freier Abstimmung ihr Delbstdcstinunnngsrecht ansznnben, und uu'mi ich in Fhren Neiheu Kopf an Kops die Vertreter aller deutschen Dtämme imb Länder sehe, die Erwählten vour Rheinland, vour Daargcbiet, von Lst- und Westprenßen, Posen, Schlesien, von Danzig und von Memel, nebelt den Abgeordneten der nndedrohten, die Männer ans den bedrohten Ländern und Provinzen, die - wenn der Wille unserer Gegner zum Gesetz wird - - zum letzten Male als Deutsche unter Deutschen tagen sollen, dann lveisi ich mich von Herzen eins mit Fhnen in der Dchwere und Weihe dieser Dtnnde, über der nur ein Gebot steh eit darf: Wir gehören zusammen, um* müssen beieinander bleiben, nur finb ein Fleisch und ein Blut und wer uns zu trennen versucht, der schneidet mit mörderischem Messer in den lebendigen Leib des deutschen Volkes! Unser Volk am Leben zu erhalten: das und nichts anderes ist unsere Pflicht. L a s s e n Die 111 i ch g a n z ohne t a k t i s et) e G r iv ä g n n g e n s a g e n , w a s it n s e r e n B e r a t n n g e n z n g r n n d e l i e g t : D i e s d icke B n ch , i n d e m h u n d e r t A b s ä tz e b e g i u u e n : D e n t s ch Land v e r z i ch t e t, v e r z i et) t e t, v e r z i ch t e t: d i e s e r s ch a n e r l i eh st e n u d m ö r d e r i s ch e H e r e 11 I) a m m e r , mit de m e i u e m g r 0 si e n V 0 l k das V e k e rr n t - n i s d e r e i g e n e 11 II11 w ürdigkeit, d i e Z n st i m m n n g z u r e r b a r m u n g s l 0 s e n;] e r st ü ek e t n n g , d a s E i n v e r - st ä n d u i s nt i t Be r s k l n v n n g 11 n d H e l 0 t e n t n m a b g e - p r e ß t u n d e r P r e ß t tv e r den soll: di e s B n d) darf n i ch t z u m G e s e tz b u ch d e r;] 11 k unft l v e r d e n. Meine Damen und Herren! Uebernll in Berlin hängt das Plakat, das für unsere Brüder in der Gefangenschaft werktätige Liebe wachrnfen will: traurige, hoffmlngsLose Gesichter hinter Gefängnisgittern. Das ist das richtige Titelbild für diesen sogenannten Friedensvertrag! Das ist das getreue Abbild von der Zukunft Deutschlands! 60 Millionen hinter Dtacheldraht und Kerkergittern, 60 Millionen bei der Zwangsarbeit, denen die Feinde das eigene Land zum Gefangenenlager machen! Fch kann Fhnen ans dem unglaublich feinen Gitterrverk, mit dein uns Lust und Licht, mit dem uns jeder Ausblick ans Erlösung verhängt und versagt werden soll, ich kann Fhnen ans diesem Gitterwert nicht jedes Stäbchen vorführen. Lassen Die mich außerhalb unserer Grenzen beginnen: Deutschland wird, wenn diese Bedingungen angenommen würben, nichts inehr sein eigen nennen, was außerhalb dieser seiner verengten Grenzen liegt.' Tie Kolonien verschwinden, alle Rechte ans staatlichen oder privaten Verträgen, alte Konzessionen oder Knpitulationen, alle Abkommen über Konsnlnrgerichtsbarkeit oder Ähnliches, alles, alles verschwindet! Deutschland hat im Ausland anfgehört zu eristieren! Das genügt noch nicht: Deutschland hat Kabel sie werden ihnr weggenommen. Deutschland hat Fnnkenstationen drei Monate nach Fnkrafttreten des Friedensvertrages dürfen diese Dtationen nur noch Handelstelegramine versenden und mir unter der Kontrolle der Alliierten! Also Herauswnrs ans der Anßemvelt und Abschneidnng von der Anßemoelt: denn, was für Geschäfte zu machen sind unter Kontrolle des Kontur reuten oder Vertragsgegners, das braucht ilieht ansgemalt zu werden. Aber noch lange ilieht genug: Gs tüimtc doch noch eine deutsche Beziehung zlnn Ausland bestehen. Also bestimmt der Rat der Vier: „Verträge zlvischen Feinden gelten als nichtig . . . Ausgenommen solche Verträge, deren Ausführung eine Regierung, der alliierten oder assoziierten Mächte zugunsten eines ihrer Dtaatsaugehörigen binnen sechs Monaten verlangt." Wie sagt Wilson so zutreffend? „Der erste Grundsatz des Friedens selbst ist Gleichheit nlld gleiche Teilnahme an gemeinsamem Vorteil." LH. ein Grundsatz, den die Entente bis ins Kleinste verwirklicht sehen ivill, denn ben Dchlußpnnkt nllter die ihr geilehme Art, Deutschland ans der Wett lvegznradierell, setzt sie durch die Bestimmung: „'Kriegsmaßnahmen Deutschlands in bezug auf die Liquidation feindlichen Eigentums sind sofort einznstellen oder wiedergntznmachen. Hingegen behalten sich die alliierten und assoziierten Regierungen das -Necht vor, alles Eigentum, Rechte und Znteressen deutscher Dtaatsangehöriger in ihrem Gebiet znrückzubehalten und zu lignidieren." Das ist das Kerkerbild nach der einen Deite, dem Ausland zu: ohne Dchiffe denn unsere Handelsflotte geht in die Hände der Entente über ohne Kabel, ohne Kolonien, ohne ausländische Niederlassungen, ohne Gegenseitigkeit und Rechtsschutz, ja selbst ohne das Recht, mitznwirken bei dcr Festsetzung der Preise für die von uns als Tribut zu liefernden Waren für Kohle, pharmazeutische Artikel nßv. F ch s r a ge Die, tv e r k a n ls als e h r l i ch er M a n u i ch tv i l l g a r lt i ch k s a g e n a l s Denk s ch e r , n n r n l s e h r - l i ch e r , v e r k r a g s t r e n e r Ni a n n , s v l ch e B e ding n n g e 11 e i 11 g e h e n? W e t ch e H a n d m ii ß t e n i ch t v e r d v r r e n . die s i ch u it d it 11 s i n d i e s e F e s s e l 11 l e g t? Und d a b c i s v l l e it tv i r di e H ä n d e r e g e n , s v l l e n A r beit tun, die D kl a v e ns ch i ch t en s ü r d a s inte rn a t i v n a l e K n p i t a l s ch i e b c n , F v 0 udi e 11 st e f ü rdie g a lt z e W oft l e i st e n! Den Handel im Ausland, die einstige Luelle unseres Wohlstandes, zerschlägt man und macht man uns unmöglich! Und rm Fnland? Die lothringischen Erze, die oberschlesische Kohle, das elfäfsische Kali, die Daargruben, die billigen Nahrungsmittel Pofens nttd Westprenßens: alles soll außerhalb unserer Grenze liegen, 11m die wir keinen höheren Zollschntz ziehen dürfen, als er am I. Anglist 11)14 bestand, wohl aber unsere Gegner ganz nach Belieben und ganz zu unserer Erdrosselung. Fm Fnnern müssen alle deutschen Einlr'mste in erster Reihe den Zahlungen für die Verzollilngen zur Verfügung stehen. Nichts für unser Volk, nichts für Kriegsbeschädigte und Kriegerwitwen, alles eilt Frondienst, für dessen Produkte die Preise vom Abnehmer festgesetzt werden. Fch will Fhnen nicht alle die großen imb kleinen Dehlingen nach tvcisen, iu deren Gesamtheit sich ein großes Volk zu Tode verstricken soll, getreu bcm Wort des Feindes: „Wenn Deutschland in den nächstett 5>0 Fahren wieder Handel zu treiben beginnt, ist dieser Krieg umsonst geführt worden". Was soll ein Volk machen, dem das Gebot anferlegt wird: „Deutschland ist für alle Verluste, alle Dchäden, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Nationeil infolge des Krieges erlitten, verantwortlich." Was soll ein Volk machen, das bei Festsetzung seiner Verpflichtungen nicht nlitreden darf, sondern dem man „billig Gelegenheit gibt, sich zil äußern, ohne daß es an den Entscheidungen beteiligt würde"? Ans dessen eigene