Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1919)
- Date
- 1919-05-23
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
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218 <Seit mehr als anderthalb Jahrhunderten hatten die deutschen ^uden innerhalb der gesamten jüdischen (Gemeinschaft die Führung auf allen Gebieten des cj-ei|tinrii und knltnrellen Gebens. Der Kampf für die bürgerliche Gleichberechtigung ist von Mendelssohn zuallererst ausgenommen worden, die Shnthese zivischen Judentum und -europäischer Kultur hat innerhalb der deutschen Judenheit ihre erfolgreichsten und fruchtbarsten Borkämpfer sowohl liberaler als konservativer Richtung gefunden; die Wissenschaft des Judentums ist so sehr von dem Geist und der Arbeit der deutschen Juden durchdrungen, daß man sich aus diesem Gebiete ohne gründliche Kenntnis des Deutschen beinahe ebenscnoenig zurechtfinden kann wie ohne gründliche Kenntnis des Hebräischen: die Organisation des Unterrichts sowie der Wohlfahrtspflege der deutschen Juden ist für die Judenheit der ganzeil Welt mustergültig gewesen: die stärksten Anregungen zu jeglichem Fortschritt im Osten und im Weiten sind von den Juden in Deutschland ausgegangen. Gin Kongreß der deutschen Juden wird also nicht umhinkönnen, den allgemein-jüdischen Frage»: seine dolle Aufmerksamkeit zu widmen, sie allseitig zu erörtern und zu ihnen eine ausgesprochene Stellung zu nehmen. Und da wären zunächst drei Forderungen, die ein jüdischer Kongreß im Interesse der Gesamtjndenheit zu erheben hätte: alle drei in Verlängerungslinie des Prinzips der Gleichberechtigung der Juden in Guropa gelegen. Grstens: A u f h e b u n g der Dt a a t e n l o s i g k e i t der I u d e n. Unter allen Menschen, die dem europäisch-amerikanischen Kulturkrcis angehören, gibt cs nur Juden, die prinzipiell jeglichen staatlichen Schuhes entbehren, die heimatlos sind und jeden Augenblick von ihren Wohnstätten vertrieben werden dürfen, ohne daß damit gegen einen Paragraphen irgendeiner Verfassung oder des Völkerrechtes verstoßen würde. Das sind die Juden in Rumänien, über eine Viertelmillion an der Zahl, zu der aber nächstens vielleicht eine weitere halbe Million hinzukommen dürfte, wenn Veßarabien, die Bukowina, Siebenbürgen, die Dobrudscha, Teile der Türkei und Südungarns an Rnmänien ungegliedert »verden sollten. Die Juden gelten in Rumänien seit 1 S(>r» als „A u s - l ä n d e r, die u n t e r k e i n e m a u s l ä u d i s ch e n S ch u h stehen". Sie sind also verpflichtet, alle Lasten des Staatsbürgers, vorab die Blutstener, zu tragen, haben aber aus keinerlei Rechte Anspruch und können zu jeder Stunde ausgetrieben werden. Dabei gewährt die rumänische Verfassung allen Staatsbürgern ohne Unterschied der Konfession volle bürgerliche und politische Gleichberechtigung. Die rumänischen Juden sind also gleichberechtigte Bürger im vollen Sinne des Wortes. N u r gibt e s e b e u k e i u e r u m ä n i s ch e n Inden. Jeder Jude in Rumänien, mögen seine Vorfahren seit Generationen int Lande ge»voh::t und nie einen: fremden Staatsverbande angehört haben, gilt als Ausländer und mnß, um Heilnatrecht zu erlangen, erst um die Natnralisation nachsuchen, die ihm nur durch besonderen Beschluß beider Kammern des Parlaments und. Sanktion durch den König gewährt werde»: kann. In vn von 100 Fälle»: bleibt dieser tangwierige Jnsta»:ze»:»veg erfolglos. Seit einen: halben Jahrhundert hat sich hieri»» nichts geändert trotz aller politischen Wandlungen, die die ganze Balkanhalbinsel dnrchgeinacht hat. Die rechtliche Lage der Inder: in Rumänien ist viel schlimmer als in dem Rußland Aleranders III. Und das gleiche Schicksal steht den Juden jener Landstriche bevor, die an Rumänien angegliedert »verden sollen. Die rumänische Regierung hat bis zur Stunde keine Miene geinacht, ihr Spstein zu ändern. Gs »väre höchste Zeit, daß diese Frage endlich einmal vor der europäischen Leffentlichkeit aufgerollt »vürde. Z»veitens: K e i i: Staat soll b e r e ch t i g t sein, in n e r h a t b s e i n e r a ch t s p h ä r e i n p o l i t i s ch e r o d e r b ü r g e r l i ch e * H insi ch t i n b e z u g a u f Ein - :v a n d c r u n g o d e r G i n b ü r g e r n n g j>d i s ch e A u s - l ä u d e r a n d e r s z u b e h a n d e ln a l s n i ch t j ü -d i s ch e A u s l ä n d e r. Selbst in Ländern, die die Gleichberechtigung der Juden theoretisch und praktisch dnrchgesührt hatten, wurde diese Gleichberechtigung nur ans die inländischen Juden angewandt: Ausländer jüdischen Glaubens wurden in sehr vielen Fällen, offen oder versteckt, gegenüber nichtjüdischen Ausländern benachteiligt, inden: ihnen unter allerlei Vorwänden entweder die Ginivanderung und Riedertassnng erschwert oder gänzlich Verivehrt und die Aufnahme in den Staatsverband verweigert rourde. Das ivar ein lleberrest aus den Zeiten der völligen Rechtlosigkeit der Juden und bildete eine arge Lücke in dem Prinzip der Gleichberechtigung, die dadurch in manchen krassen Fälle:: gänzlich aufgehoben lvurde. In den nächsten Zeiten kann diese Frage für hnuderttausende Inden von größter Tragweite »verden. Die Folgen des Krieges »verde»: ungezählte Massen zur Auswaudernng zlvingen. Was soll ans den Inden »verden, »nenn der Ein»oa»:dererstaat sie unter minderes Recht stellt als die nichtjüdischen Einwanderer? Drittens: K e in St a a t » o l l b e r e ch t» g t sei n, d : e I u d e »: e i n e s a n d e r e »: S t a a t e s, u: i t de u: e r K r i e g f ü h r t, o d e r e i»: e s G e b i e t e s, das e r e r - o b e r t h a t o d e r d a s i h n: ungegliedert »v n r d e, g e g cn d i e h e i n: i s ch e B e v ö l k e r u n g z u m i ß - b r a u ch e n. Seit hui dertiünfzig Jahren, nämlich seitdem die Inden angefangen haben, an den: kulturellen und bürgerliche»: Leben der europäischen Völker regeren Anteil zu nehmen, und dadurch befähigt »vurden, ein politischer Faktor zu »verden, haben alle Staaten bei der Grwerbung neuer Provinze»: die darin vorgefn»:de::en Juden »:ach dem Prinzip „!)iviele ek impera!" gegen: die »nchtjüdische Bevölkerung anszuspieten gesucht, indem sie sie zum Schein begünstigten, de:: Neid und den Haß der Uingebung gegen sie entfachten und sie dann schutzlos dem Gegner auslieferten. Kein großer und kein kleiner Staat hat es unterlassen, die »vehrlosen Juden ans diele Weise zu mißbrauchen. Bedenkt »nun »nt::, wie viele Provinzen jetzt von der einen Souveränität unter die andere übergehen »verden, so »nuß »na»: sich sagen, daß für die Inden jener Provinzen eine Periode schwerer Heimsuchungen beginnt. Die neuen Machthaber »verden überall nach be»vährten Mustern de»: Juden allerlei Avance»: vorspiegeln, um sie ans der althergebrachten Gemeiuschaft mit ihrer Uingebung herauszulocken und sie zu isoliere:: und kraft dieses Gegensatzes für sich Vorteile herausznschlagen. Schließlich kommt es zu einer Verständigung oder gar einen: Ausgleich zwischen der Macht und der nichtjüdischen Bevölkerungsmehrheit. .A:non und Mvab machen, »vie schon der Talmud sagt, Friede»: miteinander und neh»»:en gemeinsam die Juden anfs Korn. Gs »väre natürlich eine Jllusio:: zu meinen, daß »noralische Grwägnngen die Haltung der Machtpolitiker von heute auf morgen zu ändern vermöchten. Allein die Grörterung dieser Frage ans einen: jüdische»: Kongreß vor der »veitesten Leffentlichkeit »vürde viel dazu beitragen, die Stellung der Juden in de»: nengebildeten Staaten Mittet- und Osteuropas zu erleichtern, ihnen und der gesainken Judenheit viele Bitternisse und traurige Guttäuschnugen zu ersparen. Die deutsche»: Jude»: »vären es ihrer Vergangenheit schuldig, »venu ihre Vertreter zusaminentreten, diese drei Probleine einer eingehenden Diskussion zu unterziehen und deren Bedeutsamkeit der Gesmntjudenheit nachdrücklich vor Augen zu führen.