Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1919)
- Date
- 1919-05-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229411--74886-3287362- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
SS. Jahrgang. Nr. 21 Mgemeine Berlin, 23. Mai 1919 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 ITV — Postscheckkonto 32$. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion «nd Expedition stnd an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße $6-$9, ZU richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. 3ur Kongreß frage. Von e i n ein' O este r r e i ch er. — Jjllljull* Die Woche. — Der Versailler Entwurf und düe Judenfrage. Von L. R. — Pogrömchen, Von Sanitütsrat Dr. cherbet (Liffa i. P.). — Das Synagogensosa von Kuttenplan. Von I. Landau. — Feuilleton: Meister Berget, der Kriegsinvalide. Von M. ^schw e itz e r (Glogau). — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindevote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"), Berlin, Memel, Breslau, Prenzlau, Braunischweig, Eisenach, Kassel, Köln Stuttgart, Kopenhagen. — Von Nah und Fern Lur tmngrrhfrsge. ° V on c i n c nt £ c st e r r c i ch e r. ir stehen im Zeichen der Kongresse. Der sogenannte Friedenskongreß, >der jetzt in Versailles tagt, hatte seit drei Jahren Bor ganger in Stockholm, in der Schweiz, in Amerika, hat Begleiter nnd wird wahrscheinlich eine Anzahl von Nachfolgern in allen Herren Ländern erzeugen. Es ist, als wollten, die Menschen näher zusammenrücken, die Kräfte vereinigen und zusammenfassen, um der unheilvollen Zerklüftung entgegenzuwirken, die der Weltkrieg über sie gebracht hat. Es ist nur natürlich, daß dieser Trieb sich auch der Inden bemächtigt hat. In Amerika wurde schon 1915 die Idee, einen jüdischen Kongreß einzuberufen, erörtert, stieß aber wegen des Programms auf Gegnerschaft und wurde verschoben. Am Ende wurde der Kongreß doch abgehalten; ebenso je einer in Kanada, in Griechenland und in der Slowakei. Die Nachrichten über alle diese Kongresse sind dürftig und unklar: sie scheinen jedoch alle eher Parteikongresse gewesen zu sein, auf denen der Zionismus allein in seinen verschiedenen Schattierungen zu Worte kam. Auch in Deutschland und in Deutsch-Oesterreich, wo der Plan eine* jüdischen Kongresses eifrig diskutiert wird, ist man bestrebt, ihm im voraus einen einseitigen Parteicharakter aufzudrücken und ihn zu einem Organ der nationalistischen Bestrebungen zu machen. Die Idee eines jüdischen Kongresses in Deutschland ist nicht neu; bereits vor mehr als fünfzehn Jahren wurde sie in diesen Blättern von Prof. M. P h i l i p p s o n vertreten, nur gebrauchte man dazumal die viel bescheidenere Bezeichnung „Judentag". Der Judentag sollte die gemeinsamen Bedürfnisse, Bestrebungen und Beschwerden der deutschen Juden erörtern und vortragen. Allerlei innere nnd äußere Hindernisse haben den Gedanken damals nicht zur Wirklichkeit ansreifen lassen. Jetzt hat er bessere Aussichten. Und es wäre zu wünschen, daß er nicht die Ursache eines Zwiespalts, sondern eine Quelle der Einigung und der Versöhnung zwischen den Juden Deutschlands würde. Man spricht davon, daß aus den jüdischen Kongressen der einzelnen Länder schließlich ein jüdischer Weltkongreß hervorgehe, der die gesamte Judenfrage oder die Gesamtheit der Judenfragen aufrollen und der Welt zur Lösung unterbreiten solle. Das wäre gewiß eine beachtenswerte Demonstration, nnd die öffentliche Meinung, der einzelnen Länder und der ganzen zivilisierten Welt würde davon sicher Kenntnis nehmen, gleichwie etwa von den Katholikenkongressen einerseits und den Arbeiterkongressen anderseits. Nur muß man sich im voraus über den gewaltigen Unterschied klar werden, der zwischen den Kongressen der Juden und denen» anderer Gruppen religiöser, ethnischer oder sozialer Struktur besteht. Hinter einer jeden dieser letzteren stehen reale, weltbewegende Gewalten: hinter einem Katholikenkongreß stehen die Kirchen der auf ihm vertretenen Länder oder gar die gesamte katholische Weltkirche, eine gebietende Macht mit unerschöpflichen Kräften moralischer und realer Natur: hinter einem Gewerkschafts- oder Sozialistenkongreß steht die organisierte Arbeiterschaft ganzer Länder, mit der Klassen und Regierungen zu rechnen gezwungen sind. Diese Kongresse führen» wirkliche Zwiegespräche mit der Welt, welche aufhorcht, wenn sie reden, und zu ihren Wünschen, die häufig mehr sind als Wünsche, Stellung nimmt. Ein jüdischer Kongreß kann nur Monologe führen, nur die Zeitungen nehmen von ihm Kenntnis, aus Höflichkeit oder auch nur, um die Neugierde und das Sensationsbedürfnis ihrer Leser zu befriedigen. Hinter ihm steht keine irgendwie organisierte Macht, die nötigenfalls irgend etwas mit Gewalt erzwingen könnte. Seine Wünsche müssen' Wünsche bleiben, und es hängt meist nicht einmal von dem Willen der Teilnehmer und ihrer Auftraggeber ab, ob sie etwas zu deren Erfüllung beitragen können. Keine, auch nicht die allerkleinste Macht auf dieser Erde braucht sich an die Beschlüsse eines jüdischen Kongresses zu kehren oder sich gar an sie für gebunden zu halten. Nichtsdestolveniger kann die Aussprache auf einem jüdischen Kongreß zunächst für die Juden selber bedeutungsvoll werden, indem sie eine Klärung der Anschauungen, einen Ausgleich widerstreitender Meinungen herbeiführt, Richtlinien für ein gemeinsames, zielbewußtes Streben zeichnet und vor allen Dingen die jüdische Oeffentlichkeit vor Mißgriffen und Fährnissen warnt, die nichtjüdische aber über das wahre Wesen der jüdischen Bestrebungen, Ziele und Wünsche aufklärt, das öffentliche Gewissen weckt, an das Rechtsbewußtsein appelliert: lauter Mittel, denen nur ein rein moralischer Wert zukvmmt, der aber unter Umständen von nicht zu unterschätzender Bedeutung sein kann. Das aber könnte nur erreicht werden, wenn der Kongreß die Juden als geschlossene Einheit repräsentiert, wenn alle inneren Streitigkeiten und Parteischlagwörter zurückgestellt und ninr das Verbindende und Gemeinsame in den Vordergrund gerückt wird. Ein Kongreß der deutschen Juden hätte zunächst die Stellung der Gemeinden, zu den öffentlichen Gewalten zu regeln und sie, den neuen Umständen gemäß, auf eine sichere Basis zu stellen. Diese Aufgabe allein stellt an die Besonnenheit und Weisheit der führenden Kräfte so hohe Anforderungen, daß alle Unterschiede zwischen den Parteiungen und Richtungen im Innern dagegen verschwinden. Allein! es entspricht den Traditionen« des deutschen Judentums nicht, sich auf die eigenen Interessen' zu beschränken.