Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1919)
- Date
- 1919-05-16
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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83. Jahrgang. Nr. 20 Berlin, 16. Mai 1010 Der Gemeindebote. Betlase zur „Allgemeinen Leitung de^ Judentums". korrrsponden?m und Sschrichtrn. SmtlchlanL. E. M. Berlin, 13. Mai. Der „Jüdisch-Liberale Jugendverein" veranstaltete am 10. d. M. einen Vortragsabend mit dem Thema „D i e Z u k u n s t s k r a f t des Jude n t u m W\ für den die Rabbiner Dr. V o g e l st e i n (Königsberg), Dr. K e l l e r m a n n (Berlin) und Dr. S e l i g m a n n (Frankfurt a. M.) als Redner gewonnen waren. Der Oberlichtsaal der Philharmonie war von einem großen Publikum aus allen Kreisen unserer Gemeinde gefüllt. Mit der großen! Auhörerschar hatte aber eine aus Soldaten, Studenten und Matrosen bestehende antisemitische Gruppe von etwa 20 Personen Eingang gesunden, die die tausendköpfige Versammlung in unglaublicher Weise belästigte und den vorzeitigen Schluß derselben erzwang. Aum Schutze der Versammlung mußte, da die vorhandene Polizei weder ausreichte noch sich den bewaffneten Lärmmacherngegenüber zu energischen Maßnahmenentschließen konnte, schließlich Militär aufgeboten werden, um den randalierenden Jünglingen, die allerlei Pogromabsichten verkündeten, auf den rechten Weg zu Helsen. Die Reihe der Vorträge eröffnete nach einigen einleitenden Worten des Vorsitzenden «lud. jur. Bruno Woy d a Herr Rabbiner Tr. Vogelste i n (Königsberg) mit geistvollen Ausführungen über das „Verhältnis zwischen Gott und Mensch". An der Hand von Stefan Zweigs „Jeremias" Zeigte er die alles überwältigende Macht der Idee. Auf der Höhe ihres Sieges müssen die triumphierenden Chaldäer erkennen, daß der Geist der von ihnen besiegten Juden nicht zu besiegen und zu zerstören ist. Tiefes Bild ist von eindrucksvoller Bcdeutung in unseren schicksatsvollen Tagen zwischen Krieg und Frieden. Die Imperialisten aller Völker fordern heute mit denselben Begründungen, mit denen man in Deutschland die flandrische Küste oder das Erzbecken von Briey verlangte, weite Teile unseres Vaterlandes „als notwendig für die Erhaltung des Bestandes und der Zukunftskraft ihrer Völker". Die Zukunftskrast des Judentums ist sicherer begründet als durch materiellen Besitz. Unabhängig von allen äußeren Momenten ruht sie in den ewigen Ideen, die das Judentum der Menschl)iit gebracht hat. Solange loir diese Ideen festhalten, sind der Bestand und die sieghafte Zutünftskraft des Judentums gesichert. Ullab hä n g i g v o u S ta a t und B o l t s t u m , o o n La n d> u u d He i m a t, i st es z u tu n f t s k r ä f t i g. Gerade die Gegenwart lehrt eindringlich, daß die äußere Gewalt wohl vorübergehend herrschen kann, aber am Ende doch weichen ums; vor den Ideen ewiger Gerechtigkeit. In unserem Glauben, dem reinen ethischen Monotheismus, liegt der hohe Wert des Judentums für den Aufbau der entsittlichten Welt. Das Judentum, die dogmenlose Religion, fordert die Gotteserkenntnis als höchstes Gebot. Wie die Einheit Gottes dargestellt ist von unseren Lehrern, so wird die Einheit der menschlichen Persönlichkeit als Ziel des Strebens hingestellt. Tie nächsten Ausführungen des Redners gehen in dem Lärm verloren, den antisemitische Zwischenrufe Hervorrufen. Alle Versuche, die Unruhestifter aus dem Saale zu entfernen, bleiben vergeblich, weil die antisemitischen Jünglinge ihren Mannesinut mit Revolvern und Schlagringen 'dokumentieren. Nachdem Ruhe eingetreten ist, erläutert Dr. V o g e l st e i n den Unterschied zwischen Philosophie und Religion: die philosophische Spekulation muß sich das Dasein der Gottheit erst beweisen, für die Religion ist es dagegen selbstverständliche Boraussetzung. Mit dem Geist und dein Verstände.ist dein Menschenauch das Gefühl der Selbstverantwortung des Individuums gegeben. Im Judentum gibt es keine Erbsünde, die den Unschuldigen belastet, sondern die ererbte Fähigkeit zum. Guten. Die ererbte sittliche Kraft, das Sechuß owaus (Verdienst der Väter) ist die Grundlage zur Befestigung der selbst erworbenen sittlichen Persönlichkeit. Das Gebet ist im Judentum nicht in erster Reihe eine Bitte, sondern ein „Selbstgericht". Bekenntnis, Lob und Preis der Gottheit leiten unsere Gebete ein, dann erst die Bitte, bei der wir uns immer wieder prüfen sollen, ob sie würdig ist, vor Gott getragen, zu werden. So tragen unsere Gebete, besonders an den hohen Feiertagen, den allumfassenden Charakter, der den universellen Charakter des Judentums am stärksten dartut. Eng verbunden ist dieser Universalismus mit dem Gedanken der Auserwühltheit. Die vom Judentum verkündete Auserwühltheit ist kein Nationalismus, sondern nach dem Worte des Propheten A mos eine Mahnung, denn er läßt der Erinnerung an Israels Auserwähltheit die strengen Worte folgen: „Darum ahnde ich an euch auch alle eure Sünden." Noblesse oblige, das ist der tiefe Sinn der Auserwählung Israels. Es ist der höchste Stolz des Judentums, daß ihm die Lehre von den: einen heiligen Gott, der sittlichen Natur und dem sittlichen Ziel des Menschen geworden ist. Diese Lehre in ihrer Reinheit zu hüten und ihr nnchznleben, ist die Aufgabe des Judentums, das auf dem Wege der Menschheit zu den höchsten Höhen voranschreiten soll. Das ist die Zutünftsausgabe des Judentums." - „D as Verhältnis desIuden zu m M i tmen schen" untersuchte hierauf Rabbiner Tr. Kellermann in interessanten Ausführungen, d-ie leider andauernd von antisemitischen Zwischenrufen gestört wurden. Als erster der Propheten hat Ezechiel die Mitverantwortung des Menschen für das Wohl und Wehe des Mitmenschen betont. Dieser neue sozialistisch-idealistische Begriff des sozialen Veranüvortungsgesühls ist ganz und ausschließlich aus dem Inden turn geboren. Der größte Vertreter dieses Gedankens ist der zweite «Jesaias, der in der Gestalt des „leidenden Knechtes" den Armen schlechthin zeichnete, dem wir uns mit Liebe widmen müssen, wahre Menschenliebe soll nach den Lehren unserer Propheten den sozialen Schäden mit tätiger Hilfe nachgehen. Daß der Begriff des Mitmenschen nicht auf die eigenen Volksgenossen beschränkt war, beweist das Wort Maleachis: „Haben wir nicht alle einen Vater - hat nicht ein Gott uns alle geschaffen?" Dem Judentum wird gerade heute der Vorwurf gemacht, daß es radikalen Sozialismus gepredigt hat. Wie ungerechtfertigt diese Anschuldigung ist, beweist das biblische Gesetz, daß die Bevorzugung des Armen im Rechtsstreit verbietet. Diese Gesetzgebung ist wahrhafte, freiheitliche Demokratie. . . . Stürmische Zwischenrufe: „Das ist Propaganda für die Judenherrschast! Wir wollen keine Jndenregierung!" und ähnliche Zurufe verursachten einen großen Tumult. Es gelingt, die Unruhestifter, die mit Pogromen drohen, vorübergehend aus dem Saale zu entfernen. Auf den Gängen beginnt eine erbitterte Schlägerei. Die herbeigeholten Schutzleute erklären, daß sie eine Gewähr .für die Sicherheit der Versammlung nicht übernehmen können; -ein Polizeioffizier schließt die Versammlung. Tie Unruhestifter dringen wieder in den Saal und verlangen Genugtuung für die Beleidigung ihrer Soldatenehre. Sie bedrohen das Publikum, bis endlich eine Militärabteilung kommt und die Ordnung herstellt. — Diese Störung einer jüdischen Versammlung, der zweiten innerhalb kurzer Frist, ist vielleicht mehr als Zufall. Sie darf als Wetterzeichen gewertet werden. Das Zeichen ver - k ü ii de t S t u r m! Sch. Berlin, 13. Mai. Der L i be r a l e herein f ü r d i e A n g e l ege n heit e n der I ü d i s ch e n G e m e i n d e (Bezirksgruppen Chavl.ot-tenburg) veranstaltete am 8. d. M. aus Aulaß der bevorstehenden Nep-räseiitautniivahlen seine erste große Versam.mlung in diesem Jahre. Wie der Leiter der Versammlung,, Herr Zahnarzt Lipschütz, hervorhob, gelte es diesmal, den Liberalismns in der Berliner Gemeinde gegen den Ansturm, der Zionisten und Orthodoxen zu schützen. Ter Liberale Verein erblicke deshalb jetzt mehr noch als früher seine Hauptaufgabe in der Förderung der Jugendpflege, in« der Schaf sung eines zeitgemäßen. Wahlrechts, in der Temiotra't.isierun'g der Gemeindeverlvaltnng und in dem Eintreten sür die- Heranziehung «der Franken zur.tätigen Mitarbeilt im Gemeind-eleben., -besonders für die Erteilung des aktiven und passiven Wahlrechts an die Frauen. Zumerstenmal -trete heute i«m Liberalen Verein eine Dame, Frau. Henriette May, als Rednerin vor eine Versa'Mtnilnng. Ter erste R.dner des Abends, Herr Gemeinderabbiner Tr. Keller mann, sprach über die Aufgaben des liberalen Judentunis aus dem Gebiete des religiösen Lebens in der Gemeinde. In eingehenden 'und überzeugenden Ausführungen legte er dar, d.aß Liberalismus nicht, wie von den Gegnern behauptet wurde, Zerstörung, sondern gleichbedeutend mii.t Judeutum sei. Liboral sein bedeute, biic jüdische Religion aus der Grundlage von Freiheit -und« Vernunft inethischem, sozialem und kulturellem Sinne so a.u«s-z,ugestalken, daß sie zur Woltreligion sich entwickeln