Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1919)
- Date
- 1919-05-16
- Page
- Seite 216 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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216 Gemeinschaft der Edlen darzustelleu, daß man bei allem Kopfschütteln ihren Versuch, zum Heile der Menschheit mitzuarbeiten^ verehren und bewundern muß. Wenn wir an dieser Stelle von dieser eigenartigen Dichtung sprechen, so geschieht es nicht bloß, weil wir es für Pflicht erachten, von eigenartigen Erscheinungen der Literatur auch hier zu berichten, sondern weil eine rührende Erscheinung eines jüdischen Knaben in dem Werke vorkommt. Es ist Nahum, ein Kind, das von Meister Hilarion bei einem Pogrom in Rußland gerettet worden ist, nachdem, die Eltern des Kindes und der größte Teil der Bevölkerung des Städtchens der vertierten russischen Gesellschaft zum Opfer gefallen sind. Dieser Nah um wird von Hilarion nicht bloß ben Mördern entzogen, sondern er wird zum wahrhaften Menschen gebildet, zu einem Menschen, der seine Rache und Haßgedanken aufgibt, in seiner Heimat Gelegenste's erhält, seinen Feinden zu verzeihen und Gutes zu tun, di-r dann in Palästina nicht etwa zu einem begeisterten Zionisten erzogen, sondern zum Weltbürger herangebildet wird, und der endlich, der Kultur gewonnen, in innigster Liebe zu Jgmar spürst gcfväfttot und geläutert als Mitarbeiter des Helden bei seinen großen Weltbeglückungsplänen tätig ist. Ob eine derartige Entwicklung eines russischen, der Pogrombewegung cntrisseneu Jünglings sehr wahrscheinlich ift, wagen wir freilich uichr zu entscheiden. Wer die Erfindung eines solchen Menschen und die ganze Art der Ausführung seiner Entwicklung legen ein so schönes Zeugnis von der Menschlichkeit der Dichterin und van :lu*cv Sympathie für Inden ab. daß wir schon ans diesem Grunde das Buch an dieser Stelle erwähnen und unseren Lesern empfehlen möchten. L. G. * — Geschichte der Indenfrage in Pole n. Von Anton v. M a r p l s k i. In deutscher Übersetzung von I. T. I. Verlag Dr. Wedekind u. Eo., Berlin S 14. Preis 4 Mark. Die uns vorliegende Neuerscheinung, flott und lebendig geschrieben, dürste jedes antisemitische Herz höher Magen lassen. An der Hand eines sehr reichen, jedoch nicht immer einwandfreien Quellenmnterials incfrt der Verfasser nachzuweisen, daß die Inden seit Begum ihrer geschichtlichen Entwicklung in allen Ländern, in denen man ihnen, „den Fremdlingen", Gastrecht gewährt hatte, besonders aber in Polen „Parasiten" gewesen sind. ,,die einen Druck aus die lebenspendenden Arterien ansüben mußten". Marvlski, der, Unis ihm niemand verarmen wird, ein begeisterter Pole ist. äußert schon am Ansana seines Buches, daß es für einen Polen ausgeschlossen ist. alle Einzelheiten des religiösen und geistigen Lebens der Inden kennen zu lernen: „die jüdische Religion ist," wie der polnische Historiker Staszyc lagt, den Marylski gern zitiert und auch hier erwähnt. „ein aebeinmisvoller Orden". „Was innerhalb der Mauern indischer Heiligtümer, was im Schoße des Svnhedrions (?) und im Dunkel der Kostale geschehen ist und heute noch geschieht., das bleibt ein ewiges Rätsel." (S. 8.) Das hindert jedoch den Autor nicht, sich des weiteren ziemlich eingehend über den Talmud, „die Unmoral im äfften Testament", den Lollar, die Kabbala, den Chassidismns und alle möglichen geistigen Strömungen, speziell innerhalb des polnischen Judentums, zu äußern. Er gibt allerdings fast immer getreulich die ihm zu Gebote stehenden „Quellen" an. Sehr oft wird Gräh zitiert, aber Meist aus dem Zusammenhang gerissen, wie es dein Verfasser gerade paßt. Viele seit Apions Zeiten her gern verbreitete Vorurteile, geschichtliche Jrrtümer und Verleumdungen. die Juden und das Judentum betreffend, werden in diesem Werke, obgleich so oft von wissenschaftlicher Seite widerlegt, noch einmal warm aufgetischt. Ta finden wir -wieder das uralte Märchen von der „Unreinlichkeit der Inden in Aegypten", von der „künstlerischen Unproduktivität", dem „angeborenen Hang zum Wucher", der „ve.rderblii^eU Ethik des Talmuds" ulw. Neben mehr oder weniger antisemitischen polnischen Autoren wird besonders Prof. Rohling (S. 135) als eine dem Verfasser maßgebliche talmudische Autorität zitiert. Auch der bekannte „Hammer"-Antisemit Fritsch fehlt nicht. Es erübrigt sich, näher auf den Inhalt des sehr parteiisch geschriebenen Werkes einzugehen. Die Tendenz tritt fast überall scharf hervor und zeigt sich besonders deutlich zum Schluß, wo der Autor die Lösung der polnischen Judenfrage gefunden zu haben glaubt: „Die Judensrage kann bei nns einzig und allein nur dadurch gelöst werden, daß man die Inden von allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens in Polen verdrängt. Die Provinz Posen hat dieses Programm bereits verwirklicht. Mit 'der fortschreitenden wirtschaftlichen Wiedergeburt dieses Gebietes verschwinden dort auch die Juden. Sobald dies erst im> Königreich Polen und in Galizien durchgesetzt ist, wird sich auch für unsere Gesellschaft die Aussicht auf eine normale Entwicklung eröffnen. Durchsetzen aber kann es jedes lebensfähige und zielbewußte Volll Von uns allein hängt es ab, ob die Juden jetzt schon damit beginnen können, die ersten Blätter eines neuen Buches ihrer Geschichte auszusüllen, das den .alten Titel' Exodus führen soll." Damit ist das Buch zur Genüge charakterisiert. — Drei literarisch wertvolle Antiqua r iatsverzeichnisse veröffentlicht soeben das Buch- und Kunstantiquariat Oskar R a u th e, Berlin-Friedenau, Handjerystr. 72. Katalog 74, betitelt: „Folklore und Mystik", bringt interessante Werke über Aberglaube, Alchimie, Fabel, Faust, Lied, Märchen, Mythologie, Philosophie, Sage, Spiritismus usw. Katalog 75 heißt „Das alte Buch" und verzeichnet, nur Werke vor 1800 sowie eine Abteilung „Bibliologie und Bibliographie". Diesem Kataloge geht eine interessante Abhandlung aus dem 18. Jahrhundert voraus betr. das „Anktionsunwesen". Katalog 76: „Autographen und Graphik" bringt nur Stücke aus diesen Gebieten vor 1800 und ist eine Ergänzung zu Katalog 75. Süchernnlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Jakob K l a tz k i n : Probleme des modernen Judentums. Jüdischer Verlag, Berlin 1919. H u g o Berg m a n n : Jawne und Jerusalem. Jüdischer Verlag, Berlin, 1919. Sch. Gorelik: Golus, Zion und Romantik. Jüdischer Verlag. Berlin. 1919. Theodor Herzt: Der Judenstaat. Neue Auflage. Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Otto Marburg, Vorsitzendem des Zionistischen Aktionskomitees. Jüdischer Verlag, Berlin, 1918. Dr. E. S i m o n s o h n : Die jüdische Volksgemeiude. Jüdischer Verlag. Berlin. 1919. Nach um Gold mann: Die drei Forderungen des jüdischen Volkes. Jüdiscker Verlag, Berlin, 1919. Richard Lickthei m. Der Aufbau des jüdischen Palästina. Jüdischer Verlag. Berlin, 1919. Spinoza B e d i v i v n s. Eine Fibel für Anfänger und Verächter der Phitosovhie. Mit 22 Figuren im Terte. Berlag von Mar Rockenstein. Berlin. Die Forderung des Tages. Bon Rabbiner Tr. E o h n in Basel. (Abdruck aus dem ..Israelit". 31. August 1911.) „Arzenu", Verlag der Agudas-Jisroel-Organiiatiou. Zürich, 1919. Jsmael. Beilage zum Brief von der Auserstehung der Toten und der Ausrichtung des Reiches Israel. 1, Teil. Barmen, Buchhandlung der Deutschen Buchmission. Schlesien. Ein Bekenntnisbuch. Herausgegeben vom Schlesischen Bund für Heimatschutz. Breslau, 1919. Der G e i st der Internationale in Bern. Bon John j de Kay. Ans dem Englischen überseht von Earl Ernst und Rita! Matthias. Z u r G e s ch i ch t e der Juden in F f ö r s h c i m. Von Be- .Erksrabbiner Dr. Adolf Kober. Sonderabdruck aus „Nassauische Hennatbsätter". 21. Jahrgang, Nr. 3/4, 1917/18. Tie Kri-s.e der Wiener Judenfchaft. Von Prof. Dr. S a m u e l K r a n ß. Wien. 1919. Truck der Oesterreichischen Zeitnngs- und Drnckerei-Aktien-Gesellschast, Wien III. A H e b r e w U n i v e r s i t y l o r Jenisale in , By H. Sa eher. Published by the Zionist Organisation, London ] W. 1. 1918. | The British Palestine Committee Publieation No. 1: British Projeets for tho Bestoration of the Jews. By Albert M. Hyamson. | F TL Hist., 1917. j Antiqnariatsverzeichnis Nr. 74: Folklore und Mystik. Buch- und > Knnstantiquariat Oskar Ranthe, Berlin-Friedenau, Handjerystraßc 72.