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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-05-16 · Heft 20 (16.5.1919) · p. Seite 215

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 20 (16.5.1919)
Date
1919-05-16
Page
Seite 215 (sequence 11)
Language
German
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215 Namen in der Verlustliste und bin deshalb schnell her geeilt Vielleicht, daß ich den Hinterbliebenen irgendwie behilflich sein kann. Wie nehmen sie es denn auf?" „Kommen Sie nur ruhig herein! Ich weiß nicht, ob Sie nicht!da wirklich helfen tönen," erwiderte Burger und zog Klaßner mit sich ins Wohnzimmer. „Wenn Sie auch dem Toten nicht mehr helfen können, vielleicht doch den Lebenden." Bei seinem Anblick konnte Alice einen schwachen Ausruf nicht unterdrücken. Klaßner wollte sie gerade ansprechen, als Bürger ihn unterbrach. „Lassen Sie mich erst sprechen, - alter freund!" Seine Stimme batte einen sorglosen Klang, aber das Erzwungene ließ sich doch nicht ganz verbergen. „Haben Sie denn dies garne Buch allein aus Ihrem Kopfe geschrieben?" Klaßner blickte ihn verständnislos an. „Ich habe es eben gelesen," fuhr Burger fort. „Scheint nur verteufelt interessant und klug zu sein." Er hielt inne und machte sich mit seinem Halskragen zu schaffen. „Nein, das ist es nicht, was ich Ihnen eiaentlich sagen wollte. Ich meine nur. daß-dieses Buch für mich mehr getan hat als mein jüdisches Gehirn, mit dem ich doch meine Millionen zusammengebracht. Das Buch hat mich stolz gemacht, daß ich als Jude aeöoren bin!". „Ich freue mich, dies zu hören." sprach Klaßner ernst. „Aber das iß noch nicht alles." nahm Burger seine mit fieberhafter Lustigkeit begonnene Rede wieder auf. „Erinnern Sie sich, daß wch neulich so eine kleine Auseinandersetzung, so einen kleinen Meinunasaustausch hatten, um festzustellen. wer von uns beiden eigentlich der bessere Mensch wäre? Ich bin nun zu der Ueberzeugung gekommen, daß Sie es sind. Ruhig!" rief er mit angenommener Barschheit, als Klaßner ihn unterbrechen wollte, und sprach dann weiter: „Artur. ich nenne Sie ü'ßt so, weil ich Ihr aufrichtiaer Freund bin; hier nehmen Silo meine Hand, und hier nehmen Sie auch Alice, der ich hiermit feierlich ibr Wort zurückgebe und sie davon entbinde." „Herr Burger!" rief Klaßner zornig, während Alice bei Burgers Wveten mit einem lauten Ausruf aut das Sofa niedersank. ..Sie sind wahnsinnig! Wie dürfen Sie in einein Trauerbaus solche albernen Scherze treiben! Haben Sie denn gar kein Herz?" „Doch, ich Hab' ein Herz und noch etwas me-br davon sogar. als Sie denken möaen. Es tut mir leid, daß Sie so töricht sind zu alauben, daß ich scherze. Ich will nicht behaupten, daß ich in meinem Leben nicht viel Scherz getrieben babe; ich will es sogar gestehen, daß ich auch mit diesem Mädchen seit Monaten eine Art Scherz getrieben, um meine Kraft zu erproben, um dieses Mädchen, trotz oder gerade weaen ihres Sträübens, doch noch niederzuzwingen. - Jetzt aber ist es mein bittover Ernst, und wenn es Sie befriedigen kann, will ich es Ihnen verraten, daß ich mir bei — - - beidiesem —-Scherz ein wenig die Finger verbrannt habe." Seinen letzten Worten konnte man es anmerken, daß er wahr gesprochen. Um aber seine innere Erregung zu verbergen. schlug er wieder seine gewohnte zynische Redeweise an und fuhr fort: „Ihre Mutter. Alice, sprach vorhin, daß sie froh sein werde, einen Mann im Hause zu haben. Dazu aber sind Sie, Artivr, am besten geeignet, um die überschäumende Lebenslust der Mutter zu dämpfen, um die naseweise Stella im Zügel zu halten und um ihre zukünftige Frau mi§ Ihrer Träumerei zu wecken. Ich hätte dies nicht fertig bringen können, darum will ich mich dünne machen und verschwinden. In drei Tagen schwimme ich aus dem Dampfer nach Afrika, von wo ich euch hübsche Ansichtskarten schicken werde. Lebt wohl, ihr Kinderchen, und seid glücklich miteinander! Bleibt hübsch munter und seht euch vor, daß ihr ja keinen Schnupfen bekommt!" Stunde um Stunde schien vergangen zu sein, seitdem Adolph Burger das Haus verlassen, so tief war das Schweigen, so schwer lastete der Druck auf den beiden Zurückgebliebenen. Zaghaft und schüchtern trat Alice m Klaßner hin. „Haben Sie dies von ihm erwartet?" fragte sie leise. „Jawohl!" rief er froh, ihre Hände erfassend. „Ich hatte schon längst den garten Kern unter der rauhen, stacheligen Schale erkannt. Ich Hab!? es von ihm erwartet. Abev auch du hast doch eigentlich -ein Wunder erwartet! Nicht wahr, meine Lea?" - „Lea?" fragte sie mit freudigem Erstaunen. „Jawohl, Lea!" wiederholte er und schien das Wort förmlich zu liebkosen. „Und wenn dich jemand fragen sollte, wie dein zukünftiger Gatte heißt, dann antwortest du, Abraham Klaßner! Wir beide haben heute wieder von unserem Rechte Gebrauch gemacht und unsere alten ehrlichen jüdischen Namen angenommen, die wir von unseren Vätern überkommen!" Wenige Wochen später fand die Trauung des glücklichen Paares statt. Litrrarilchk Mitteilungen. — Das blaue Feuer. Tie Aesckichte einer Berufung. Roman. Von Frauces Küthe. 1918, München bei Georg Müller. Es würde nickt schwer sein, eine Parodie auf dieses eigenartige, durch und durch phantastiscke und doch hockpoetische Werk zu schreiben. Frauces Külpe. deren frühere Romane wir in diesen Blattern mehrfach angezeigt haben, suckt sich ihre Problome nicht in der Niederung, sondern in der Höbe. Sie will nicht nur unterhalten, sondern erheben und .zeichnet sich, was für unsere Iw ecke besonders wichtig ist. dadurch aus. daß sie in ihren Dichtungen jüdiscke Persönlichkeiten nicht nur gelegentlich erwähnt, sondern deren Berührungen mit Andersgläubigen in den Mittelpunkt ihrer Erfindungen stellt. Während sie sonst uns von Zuständen oder Er e Hui neu unterhielt. die im Osten Europas spielten, oeleitet sie uns diesnuil nach der Schweiz und gewährt mitten im Weltkrieg ein Bild tiefen Friedens, und während sie die gewaltigen Ereignisse, von denen die Welt bewegt wird, wohl andeutet. haben die Ereianisse. von denen sie berichtet, mit den schaudervollen Vorgängen des Weltbraudes nichts zu tun. Denn das. was sie berichtet, ist so unwirklich, und so unwahrscheinlich wie nur möglich. Der Held des Romans, Iamar Fürst, ein schöner und hochbegabter Jünglina. wird von dem Meister Hilarion. einem Weltverbesserer großen Stils, erzoaeu lnib zum Weltbeglücker ausgebildet. Er bewahrt sich körperliche und seelische Reinheit trotz aller Versuchungen, die insbesondere von ckn-em Amerikaner Mordnunt wider ihn ausgeübt werden, der in seltsamer', fast komisch erscheinender Weise, bei einer Eisenbahnfahrt, mit dem Jüngling zusammentreff-end. als böses Prinzip ihn verfolgt, durch Machtkitzel, -Sinnenreiz ihn zu verlocken sucht, schließlich aber elend scheitert und - wir übertreiben nicht, sondern erzählen schlickt das von der Verfasserin Berichtete — durch einen Bierwagen getötet wird. Jgmar, von seinem Vater, einein großen Forscher, dem Meister Hilarion überlassen, dann aber gelegentlich mit ihm und seiner zweiten Frau, einer reizvollen Amerikanerin zusammenlebend. entwickelt sich im Gegensatz zu seinem Vater, der aus dem Jüngling einen großen Gelehrten machen möchte, zum Volksschullehrer, der in dieser Tätigkeit Weltbeglückung und Verbesserung der niederen Klassen du rckzusetzen unternimmt, und findet st.in Lebensglück in einer schönen reichenSchwedin, die er beim ersten Anblick glühendliebt nnd deren Liebe er im Sturm erobert. Daß dann schließlich der Großvaker dieses Goldfisches sich mit der Witwe des alten Fürst gleichfalls vermählt, gehört zu den an Seltsamkeiten reichen Buche der merkwürdigen Schriststellerin. Man sieht aus diesen kurzen Andeutungen. mH welch absonderlichen Vorgängen die Schriftstellerin uns unterhält, und welch eigentmnliche Ansprüche sie au den guten (*>lau(>en der Leser macht. Das. was sie berichtet, ist so seltsam und nuivahrscheinlich, daß man oft Mühe hat. ihr zu folgen und sich häufig eines Lächelns nicht enthalten kann. Und doch steckt in dem ganzen so viel redlicher Wille, eine solche Begeisterung für Nlenschheitsideale, ein solches Vertrauen auf das in den Besten und Einsamen ruhende Streben nach Beglückung der Massen mtb Fortführeu der Menschen zu dem höchsten;]\ok: die Autorin weiß in Hilarion und feinem Schüler eine so großartige

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