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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-05-16 · Heft 20 (16.5.1919) · p. Seite 212

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 20 (16.5.1919)
Date
1919-05-16
Page
Seite 212 (sequence 8)
Language
German
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gebracht wurden. Der Wssfenlärm dürfte nicht die Sprache der Friedensapostel, die Bemühungen der Delegierten beider Streitteile, zu einer Einigung zu gelangen, stören. Beide Armeen senkten ihre Waffen vor dery Andenken der gefallenen Helden und Hütten es als größtes Verbrechen angesehen, auch nur ein Menschenleben mehr aus dem Gewissen zu haben. Dasselbe wiederholte sich bei den öfteren Friedensverhandlungen, die die Balkanwirrnisse zeitigten. — Welches Schicksal ist aber, den gegenwärtigen Friedensverhandlungen zuteil geworden? Gerade diejenigen Nationen, welche ihre Freiheit aus den Händen der Sieger empfingen, scheinen die Bestrebungen derselben auf Anbahnung eines „Völkerfriedens" und „Völkerbundes" mit gar wenig. Vertrauen auszunehmen. Gerade diese rufen wegeü geringfügiger Grenzstreitigkeiten mit ihren ebenfalls vor kurzem befreiten Nachbarn neue blutige Kämpfe hervor und fragen nicht, ob nicht der Lärm, der von den neuen Kriegsschauplätzen nach der Seinestadt dringt, die Arbeiten der Sendboten des Friedens beeinträchtigen oder gar stören könnte. Freilich zeigten die Friedensverhandlungen in Portsmouth, in London oder auch am Balkan ein viel freundlicheres Bild, indem dort beide Parteien ihre Mandatare mit der Ausgabe betrauten, den Weg der Vereinbarungen zu suchen, und ihnen gleiche Vollm achten und Tendenzen erteilten. Den jetzigen Besprechungen hingegen, zu welchen nur Vertreter einer Partei zugelassen wurden, scheinen manche Nationen nur deshalb wenig Autorität zuerkennen zu wollen, weil ihnen das Merkmal der Einseitigkeit nicht abgesvrocken werden kann. Als wenn die Welt in vier Jahren Weltkrieg zu wenig geblutet hätte' sehen wir diesmal Polen und Ruthenen. Polen und Deutsche. Rumänen und Ungarn, Italiener und Südslawen in einen mörderischen Krieg verwickelt, der die blutigsten Opfer fordert! Als die Zentralmächte zerfielen und die jungen Nationen ihre neugewonnene .Freiheit feierten, da atmeten wir auf, in der Hoffnung, daß die europäische Völkerfamilie einem neuen Frühling entgegengehe und daß Vergewaltigungen von Minoritäten nunmehr zu den Unmöglichkeiten gehören werden. - Die Westmächte, welche die Karte Europcrs neu einteilen und den Grundsätzen Wilsons zum Sieg verhelfen wollten-, mögen gewiß die Hoffnung aehegt haben, daß die neuen Staaten sich in aller Ruhe konstituieren und daß Angriffe mit der Waffe in der Hand nicht mehr Vorkommen würden. Als wenn die Welt an dem ernsten Willen, die Grundsätze des Präsidenten von Amerika zu verwirklichen, verzweifeln . wollte, droht sie von neuem in ein Flammenmeer aufzugeheö!! Und doch hätten diese Grundsätze die Kraft, die zerstörte Welt von neuem aufzubauen, die Wunden der Menschheit zu heilen und ^>en ewigen Frieden vorzubereiten. Die Bestimmungen, daß kein Volk gezwungen werden dürfe, eine ihm mißliebige Staatsform anzuerkennen, der Blockade eines Nachbars unterworfen zu werden, oder daß ein Friedensschluß nie den Keim für künftige Kriege, keine Verbitterung und keine Demütigung enthalten dürfe, die Wilson fordert, hat schon Kant als Grundlagen des ewigen Friedens bezeichnet. Es sind dieselben Grundsätze, die schon die Bibel als Postulate für eine Völkerversöhnung anfstellt. „Wenn dein Feind besiegt wird," heißt es da lSpr. 24, 17), „darfst du dennoch nicht frohlocken, und wenn er eine Niederlage erleidet, darfst du diese n i e zu deinem Vorteil ausnutzen." Also ein Friedensschluß darf dir nicht zum Anlaß dienen. Unzufriedenheit zu verbreiten, das häßliche Wort „vae victis!" zu betonen und Keime für künftige Feindseligkeiten, zu entfachen. - „Wenn dein Feind Hunger leidet, so reiche ihm Brot dar, und wenn er vom Durst geplagt wird, so gib ihm Wasser zum Trunk", denn Hungerblockade ist selbst gegen einen Feind verwerflich! (Spr. 25, 20.) Möchten doch die Freunde der Bibel sich auf diese biblischen Lehren erinnern, und die Zukunft der Menschheit im Sinne derselben aufbauen. Sonst laden sie auf sich eine ungeheuere Verantwortung vor Gott, der Geschichte nnd der menschlichen Gesellschaft. D o b r i s ch, iin April 1919. Dr. I. Eisenberg, beeideter Gevichtsdolmetscher und Translator für Arabica et Hebraica. Akkorm der Nrljgjonslchulen. Von -einem S ch u l m a n n. ie große Schickfalsstunde unseres Landes hat auch eine solche in unserem jüdischen Schulwesen zur Folge von einem Umfang, von einer Bedeutung, wie sie noch nie erlebt wurde. Religion ist jetzt gänzlich Privatsache geworden. Es erübrigt sich zu fragen, ob man diese Tatsache begrüßen oder beklagen.solle; es heißt,.sich mit ihr abfinden. Was werden die Folgen sein? Unsere Religionsschulen rechneten ja wohl auch schön vor dem Zusammenbruch damit, daß der Staat sich nicht um sie kümmert; aber immer war doch noch Religion ein obligatorisches Fach, und so kam ein gewisser Schulzwang auch unserem Schulbetrieb zugute, der nunmehr gänzlich beseitigt ist. Viele Elemente werden sich jetzt zweifellos ganz zurückziehen, einige werden sich Privatschulen oder Privatlehrern zuwenden, und zwar besonders in Hinsicht auf den eng beschränkten Lehrkreis unserer Schulen. Namentlich das jüdische Proletariat, das aus den frommen Kreisen des Ostens hereingeströmt ist, verlangt vielmehr Chumesch, selbst ein bißchen Raschi und Mischna, und wird, daher von den Religionsschulen wenig befriedigt, so daß die private Konkurrenz trotz des höheren Schulgeldes — das ist längst kein Geheimnis mehr - in wachsendem Maße auf die Frequenz drückt. Ein Teil wird uns ja wohl auch in der veränderten Zeitlage treu bleiben; doch ob immer, ist bei der zunehmenden Indifferenz höchst fraglich. Es kommt alles darauf an, uns konkurrenzfähig zu erhalten. Das können wir aber nur, wenn der Lehrplan eine energischere Bearbeitung der Jugend erlaubt. Gerade unsere besten Lehrer empfinden de:i vorhandenen Lehrplan als beengend statt befreiend. Wir brauchen auf jedem Gebiet mehr, vor allem auch mehr Zeit. Es wäre z. B. dringend vonnöten, die Jugend nicht nur theoretisch, sondern praktisch mit dem religiösen Leben bekanntzumachen. Die Schule muß in den Gottesdienst einführen, muß gegebenenfalls Gottesdienste veranstalten können, Ehanukaseiern, Sederfeiern. Es ist traurig zu sehen, wie wenig die Jugend mit dem Siddur umzugehen weiß, den sie mühselig übersetzen lernt, von Machsor und Ehnmisch ganz zu schweigen. Es gilt, alle Fächer inniger mit dem Leben zu verknüpfen, damit wieder Freude und Lust an der heiligen Sache in den Kinderherzen einzieht. Was die Zeit betrifft, so liegt ja der Einwand nahe, daß die weltliche Schule nicht mehr Zeit für die Religionsfächer verstattet. Er ist jedoch leicht zu entkräften, wenn man jetzt endlich mit der Konfessionsschnle Ernst macht. Schaffen wir eine Schule, wo weltliche und geistliche Fächer einträchtig zusammenwirken, nicht um uns hochmütig zu separieren, sondern um der Zukunft unserer Kinder willen. Tann wäre alles aus breitere Basis gestellt und die Zukunft unseres Schulwerkes sicher gegründet. Es müßte uns die Möglichkeit gegeben werden, das Einjährigenexamen an unseren eigenen Anstalten absolvieren zu können; es müßte das jüdische Gymnasium sich neben einer parallelen Realschule gleicher Ordnung sich aus solchem Untergrund erheben, so daß auch das Abitur unseren Anstalten eingeräumt wird. . Tann, und nur dann, wenn die gesamte Bildung unserer Jugend, gekrönt und gekräftigt durch die humanen Werte unserer Religion, in unserer Hand liegt, werden wir eine Religionsschule haben. Und in der Tat. die humanen Werte des Judentums sind sieghaft genug, um im

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