Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1919)
- Date
- 1919-05-16
- Page
- Seite 211 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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gefangenen. Durch dieses Hilfswerk soll nicht nur die augenblickliche schwere Lage der Gefangenen verbessert werden, sondern es soll ihnen auch nach der Rückkehr der Uebergang ins Wirkschaftsleben erleichtert werden. Darum richten wir an unsere Leser die dringende Mahnung: Laßt die Sammlung nicht vorübergehen, ohne beizusteuern. * Aus B u d a P e st erhalten wir folgendes vom 9. Mai datierte Privat-Telegramm: Die in der Nahe des ungarisch-rumänischen Kriegsschauplatzes wohnende jüdische Bevölkerung lebt in der größten Angst vor der Invasion der Rumänen. Diese Angst äußert sich eigenartigerweise in einer starken Taufbewegung. Es läßt sich allerdings kein schärferer Kontrast denken als der zwischen der von diabolischem Judenhaß besessenen rumänischen Bojarenherrschaft und der die vollständigste religiöse und nationale Freiheit verkündenden Sowjetrepublik, die schon durch die Zusammensetzung ihrer Führer ein unerreichtes Beispiel der Gleichachtung des Judentums.bietet. Gegenwärtig werden die Juden noch wegen ihrer Magparensreundschast von den Rumänen doppelt gehaßt. Man befürchtet auch, daß die mit den Rumänen verbundenem ungarischen Eegenrevolutionäre bestrebt sein werden, alles Unheil auf das Haupt der Juden zu leiten. Tie Hetze gegen die Inden ist auch das stärkste Mittel der nach dein Auslände geflüchteten Gegenrevolutionäre. Die aus diesen Erwägungen entstandene Massentnuie ist wohl ein lächerliches, aber immerhin sehr charakteristisches Symptom der entsetzlichen Gefahr, welche den Juden bei einem Bordringen der Rumänen drohen würde. * Der Vernrchtungsfeldzug der Polen gegen die Juden. W a r s ch a n , 30. April. (Spezialbericht d. K. f. d. OJ Bon Personen, die am Freitag, den 25. April, Bialystock verlassen haben, wird über schwere Ausschreitungen gegen die Juden berichtet, die dort am genannten Tage ausgebrochen "sind. Als eine Partei gefangener Bolschewisten durch die Straßen geführt werden sollte, wurde die Schließung sämtlicher Geschäfte angeordnet. In den Straßen begann alsbald eine furchtbare Jagd auf Juden, die blutige Mißhandlungen erlitten. Als die Gefangenen die Stadt verließen, schien eine Beruhigung einzutreten. Rach kaum einer Stunde begannen jedoch die Erzesse, dieslnat in nach weit schwereren Formen, von neuem. Banden, die erst vor kurzem in Bialvstock eingetroffen waren, durchstreiften die ganze Stadt, wobei sie sämtliche Juden in systematischer Weise ansplünderten und mißhandelten. Eine furchtbare Bestürzung griff Platz. Um 1 Uhr wurden sämtliche Geschäfte geschlossen und die Straßen lagen wie ausgestorben da, nur aus einzelnen Häusern wurden Rettungsschreie vernommen. Zu dieser Stunde verließen die Gewährsmänner die Stadt, so daß man über die weiteren Vorgänge im ungewissen ist. Aus Königsberg wird den „P. P. N." gedrahtet: In Wilna veranstalteten die Polen seit ihrem Einzuge furchtbare Pogrome. In den ersten Tagen wurden 54 Juden ermordet, viele verwundet und angeblich über 3000 Juden gefangen fortgeführt. Die Metzeleien dauern noch an. Die Inden waren von den polnischen Soldaten und der einheimischen polnischen Bevölkerung ausaeplündert. Der bisherige Schaden wird auf mindestens 60 Millionen geschätzt. Die jüdische Bevölkerung ist andauernd in größter Lebensgefahr und kann Wilna nicht verlassen. Der Lebensmittelverkanf an sich wird verhindert. Auch die Synagoge wllvde ansgeranbt. Nach einer Meldung aus Warf ch a n wurde bei der Einnahme von Wilna durch die Polen der frühere Botschafter der Sowjetregiernng in Berti,n, Joffe, getötet. Ferner wird uns berichtet: Die polnischen „Befreier" der Stadt Wilna gebärden sich als Eroberer schlimmster Art. Ganz Wilna ist in ein polnisches Flaggenmeer getaucht. Den Polen nicht genehme höhere litauische Beamte werden von ihren Posten entfernt. Es finden Judenpogrome noch nie dagewesenen Umfanges statt. Die Statistik des jüdischen Kirchhofs in Wilna zeigt bereits 2015 Beerdigungen an. Viele Juden werden verhaftet. Dabei kämpfen immer noch Inden gemeinsam mit polnischen Legionären! Warschau, 1. Mai. (Spezialbericht d. K. f. d. O.) Aus Li da trifft hier eben ein Bericht ein, wonach dort nach dem Einmarsch des polnischen Militärs ein entsetzliches Blutbad unter der jüdischen Bevölkerung angerichtet wurde. 1500 jüdische Einwohner sollen im Verlauf von vier Stunden von den polnischen Legionären niedergemetzelt worden sein. * Ue'ber die Judenverfolgungen in Polen schreiben „Die Times": „Wir veröffentlichen heute von einem Korrespondenten, der die beste Gelegenheit hatte, die Wahrheit kennenzulernen, einen schrecklichen Bericht über die anti.jüdischen Pogrome in Polen. Der Bericht unseres Korrespondenten über das Geschehene ist der detaillierteste und eingehendste, der erschienen ist. Er bestätigt und erweitert die Berichte, die unser Land schon von anderen Quellen her erreicht haben. Wir glauben - und wir bedauern sehr, das sagen zu müssen —, daß >r Bericht unseres Korrespondenten nur die Wahrheit ist. Den Poller Borwürfe wegen dieser Erzesse zu machen, mag unsere Gefühle erleichtern, aber würde nicht sehr nützlich sein. Die klare Tatsache, die man nicht vergessen kann, ist, daß diese Exzesse auch uns selbst znm Borwurs gereichen und besonders dem Völkerbund, welcher als verantwortlich für die Haltung seiner Mündel betrachtet werden muß. Bis ein regelmäßiger Staatsapparat geschaffen sein wird, ist es die Pflicht der Mächte, die jetzt in -Paris versammelt sind, die Polen im Zügel zu halten und sie daran zu hindern, das neue Banner der Freibeit zu beschmutzen, welches wir ihnen sauber übergeben haben." Nach den Ausführungen der „Times" urtb dem von ihr selbst publizierten Bericht werden wohl die Polen nicht nnehr die Behauptungen von den Exzessen in Galizien als Verleumdungen bezeichnen können. Es sei zum Schlüsse noch die Meldung eines Korrespondenten des „Amsterdamer Algemeen Handelsblad" wiedergegeben, wonach in Lemberg bei 3620 Anklagen wegen der Erzesse in 2715 Fällen die Täter entdeckt worden seien- Tie Schuldigen waren Soldaten ohne Osfiziere in 1918 Fällen, Soldaten unter Kommando von Offizieren in 494 Fällen, Offiziere allein in 6 Fällen, Soldaten und Bürger in 391 Fällen, Bürger allein in 6 Fällen; in 98 Fällen waren Frauen, ltnb zwar in 14 Fällen Rote-Kreuz-Schwestern mitschuldig. ffriedenskankerens und Kanonendonner. in seltsames Geschick ist der seit einigen Monaten zu Paris tagenden Friedenskonferenz beschieden. Ihre Verhandlungen sollen der geplagten Menschheit -den ersehn h'n Frieden wiederbringen und die Völker der Welt in einem Bund vereinigen. Die Delegierten der siegreichen Nationen fanden sich aus verschiedenen Weltteilen zusammen, um die Grundlagen des künftigen 'Friedens sestzulegen und das Verhältnis der kleinen und großen Nationen zueinander, welche wegen ihrer Nachbarschaft bisher sich gegenseitig bekämpften. nun erträglicher zu gestalten. Wie kommt es aber, daß seitdem die großen Fronten in Europa aufgehoben wurden, nun kleinere Fronten entstanden sind, die noch immer die Ruhe der Menschheit stören? Wie ist es zu erklären, daß trotz Friedensdebatten in Paris gerade die kleinen, eben befreiten Nationen neue Kampfplätze und neue Brandstätten Hervorrufen und die Welt noch immer nicht zur Ruhe kommen lassen? - Wir Zeitgenossen hatten in den letzten zwei Jahrzehnten wiederholt Gelegenheit, die Vorgänge bei Friedensverhandlungen zu beobachten. Wir sahen, daß sobald beide Gegner im russisch-japanischen Treffen ihre Bereitwilligkeit erklärt hatten, den Feindseligkeiten ein Ende zu setzen und eine Allssprache über eine Annäherung anzubahnen, sofort die Kanonen verstummten llnd die Waffen Zllm Schweigen