Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1919)
- Date
- 1919-05-16
- Page
- Seite 209 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Bei dieser Konferenz, mo mit allein, ohne Bundesgenossen, der großen Zahl unserer Gegner gegenüberstehen, sind wir nicht schutzlos. Sie selbst haben uns einen Bundesgenossen Angeführt: das Recht, das uns durch den Vertrag über die Friedensgrundsähe gewährleistet ist. Die alliierten und assoziierten Regierungen haben in der Zeit zwischen dem 5. Oktober und dem 5. November 1918 auf den M a ch t f r i e d e n verzichtet und den Frieden der Gerechtigkeit auf ihr Panier geschrieben. Am -1. Oktober 1918 hat die deutsche Regierllng die Grundsätze des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika als FriedensLasts vorgeschlagen. Am 5. November hat ihr der Staatssekretär Lansing erklärt, daß die alliierten und assoziierten Mächte mit dieser Basis unter zwei bestimmten Abweichungen einverstanden seien. Tie Grundsätze des Präsidenten Wilson sind also für beide Kriegsparteien, für Sie wie für uns, und auch für unsere früheren Bundesgenossen bindend geworden. Die einzelnen Grundsätze fordern von uns schwere nationale und wirtschaftliche Opfer. Aber die heiligen Grundrechte aller Völker sind durch diesen Vertrag geschützt. Das Genüssen der Welt steht hinter ihm: keine Nation wird ihn ungestraft verletzen dürfen. Sie werden uns bereit finden, ans dieser Grundlage den Vvrfrieden, den Sie uns vor legen, mit -der festen Absicht zu prüfen, in gemeinsamer Arbeit mit Ihnen Zerstörtes wieder auszubauen, geschehenes Unrecht, in erster Linie das Unrecht an Belgien, wieder gutznmachen und der Menschheit neue Ziele politischen und sozialen Fortschrittes zu zeigen. Bei der verwirrenden Fülle von Problemen. die der gemeinsame Zweck auswirft. sollten wir möglichst bald die einzelnen Hauptaufgaben durch besondere Konnuissioueu von Sachverständigen auf der Grundlage des von Ihnen Vvraelegten Entwurfs erörtern lasten. Dabei wird es unsere Hauptaufaäbe sein, die verlor"! stete Menschenkrast der beteiligten Völker durch, einen internationalen' Schutz von Leben. Gesundheit und Freiheit der arbeitenden Klassen wieder aufzu richten. Als nächstes Ziel betrachte ich den Wiederaufbau der von uns besetzt gelvestnen und durch den Krieg zerstörten Gebiete Belgiens und Nordfrankreichs. Die Verpflichtung hierzu haben wir feierlich übernommen. und wir sind entschlossen, sie in dem Umfang ausnlinbren, der zwischen uns vereinbart ist. Dabei sind wir auf die Mitwirkung unserer bisberiaen Gegner ana-ulernt. Wir können das Werk nstlst ohne die technische und finanstelle Beteiligung der Sieger vollenden: sie können es u-nr mit uns durchführen. Das verarmte Europa ums; wünschen, das; der Wiederaufbau uüt so große'n Erlotg und so wenig Aufwand wie möglich d-urchg-eführt wird. Der Wunsch kann nur durch eine klare geschäftlich' Berständiguua über die besten Methoden erfüllt werden. Die schlechteste Methode wäre, die Arbeit weiter durch deutsche Krwasgefanaeue besorgen zu lassen. Gewiß, diese Arbeit ist billig, aber ne fätnc der Welt teuer zu stehen, wenn Haß und Verzweiflung das deutsche Volk darüber ergreifen würde, daß seine aefangenen Söhne, Brüder und Väter über den Vorfrieden hinaus iu der bisherigen Fron inerter schmachteten. Ohne eine sofortige Lösung dieser allzu lange verschleppten Frage können wir nicht zu einen; dauernden Frieden gelangen. Unsere beiderseitigen Sachverständigen werden zu prüfen haben, wie das deutsche Volk seiner finanziellen Entschädiglmgspslicht Genüge leisten kann, ohne unter der schweren Lasten znsaunnenzubrechen. Ein Zusammenbruch würde die Ersatzberechtigten um die Vorteile bringen, auf die sie Anspruch haben, und eine unheilbare Verwirrung des ganzen europäischen Wirtschaftslebens nach sich ziehen. Gegen diese drohende Gefahr mit ihren unabsehbaren folgen 'müssen Sieger wie Besiegte auf der.Hut sein. Es gibt nur ein Mittel, inn sie zu bannen: das rückhaltlose Bekenntnis zu der wirtschaftlichen und sozialen Solidarität der Völker, zu einem freien und umfassenden Völkerbunds Meine Herren! Der erhabene Gedanke, ans dem furchtbarsten Unheil der Weltgeschichte durch den Völkerbund den größten Fortschritt der Menschheitsentwicktnng herzuleiten, ist ausgesprochen und wird sich durchsetzen. Nur wenn sich die Tore zum Völkerbund allen Nationen öffnen, die guten Willens sind, wird das Ziel erreicht werden; nur dann sind die Toten dieses Krieges nicht umsonst gestorben. Das deutsche Volk ist innerlich bereit, sich uüt seinem schweren Los abzufinden, wenn an den vereinbarten Grundlagen des Friedens nicht gerüttelt wird. Ein Friede, der nicht -im Namen des Rechts vor der Welt verteidigt werden kann, würde immer neue Widerstünde gegen sich aufrnfen. Niemand wäre in der Lage, ihn mH gutem Gewissen zu unterzeichnen, denn er wäre unerfüllbar. Wir werden das uns übergebene Dokument mit gutem Willen imb in der Hoffnung prüfen, daß das Endergebnis unserer Zusammenkunft von uns allen gezeichnet werden kann." * Airs dem Anhalt des Friedensvertrages. Das Landheer: 70 000 Mann Infanterie, 30 000 Mann Kavallerie. Keine II-Boote. Nur 6 Schlachtschiffe, nur 6 leichte Kreuzer. Keine militärischen oder maritimen Luftstreitkräfte. Beschuldigung des Kaisers wegen Verletzung der Heiligkeit der Verträge. Interalliierter Gerichtshof gegen schuldige Personen. Zunächst 1 Milliarde Pfund Sterling Kriegsentschädignna als Anzahlung. Einbehaltung aller Kolonien. Ungültigkeitserklärung des Vertrages von Algeciras. 15 deutsche Kabel zur Verfügung der Alliierten. Tie territorialen Bestinnnungen des Friedensentwurfs enthalten, außer den; dauernden Verzicht auf Etsaß-Lotbrinaen, den zehnjährigen Verricht auf Kehl und den Verricht aus alle Rheinbrücken bis zum rechten User. Ferner den Verzicht ans das Saargebiet, einschließlich erheblicher Teile der baverischen Pfalz, ans fünfzehn Jahre mit endgültigem Verlust der Gebietshoheit, wenn die Saarbergwerke nach Ablauf dieser Frist nicht in Gold zurückgekanft werden oder ein Plebiszit für Frankreich entscheidet. Sodann den Verzicht aitf N entral-M o r es net und Preußisch- Moresnet sowie die Kreise Enpen und Malmedy zugunsten Belgiens. Weiter den Verzicht aus Oberschlesien. Posen nnt Lissa, Birnbaum, Scbneidemühl. aus Westpreußen mit Thoru. Graudenz und einem breiten Streifen bis zur Ostsee von westlich Elbing bis westlich Putziger Nehrung einschließlich der Freistadt Danzig zugunsten Polens. Schließlich die Abstimmung in Nord- und Mittelschleswig nach drei Zonen: das nördliche Drittel im ganzen, die beiden südlichen nach Gemeinden mit einfacher Stimmenmehrheit. Das ist kein Verstäivb inungrieben, das ist ein brutaler Gewaltfrieden. Die Wilsonschen Grundsätze sind durchbrochen und an deren Stelle Demütigungen unerträglicher Art gesetzt. Tie Blätter alter Parteien stimmen darin überein: Ein Frieden auf dieser Grundlage würde den Keim zu neuen, noch schrecklicheren Kriegen in sich tragen und eine fortgesetzte Beunruhigung der ganzen Welt bedeuten. Weiter als je würden wir von dem ewigen Frieden entfernt sein. Kein Volk könnte sich seinen Kulturausaa-ben widmen, und das Gefühl der Revanche würde bei den Völkern der besiegten Länder m gegebener Zeit mit elementarer Gewalt zum Durchbruch kommen und noch schlimmere Orgien feiern, als wir sie jetzt erlebt 'haben. Es liegt in der Natur der Sache, daß sich in diesem Augenblick, wo noch nicht einmal der authentische Tert bekannt ist, ein abschließendes Urteil nicht fällen läßt. Aber daß wir diese Bedingungen nicht mit Haut und Haren schlucken können, davon dürften auch die EnLenteregierungen im Innern überzeugt sein. Den Krieg baben wir verloren, aber unsere Ehre geben wir nicht preis. Und ehrlos wären wir, wenn wir eine solche Demütigung ruhig hinnehmen würden. * Trauer im Reiche. Acht Tage keinerlei L u st b a r k e i t e n. Der Präsident des R e i ch s m i n i ste r r u m s hat an die Regierungen der Freistaaten folgendes Telegramm erlassen: „In schwerer Not und sorgenbelastet hat das deutsche Volk in den Monaten des Waffenstillstandes den Friedensbedingungen entgegengeharrt. Mit ihrer Bekanntgabe ist bitterste Enttäuschung und unsägliche Trauer über bn* ganze Volk gekommen. Diesen Gefühlen aller Deutschen wird öfsentlich Allsdruck zll geben sein. Alls Beschllif; der Reichsregierllng werden die Regierungen der Freistaaten ersllcht, zu veranlassen, daß für die Dauer einer Woche alle öffentlichen Lust-