Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1919)
- Date
- 1919-05-16
- Page
- Seite 208 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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208 — - neuem Sinne Kinder der Welt, ausgiebiger Seuchenschutz, andauerndes Streben p>r Schaffung wirksamerer. Heilstvsse, Stiftungen, die nicht beschämen und in der Vollkraft des Lebens gespendet werden und nicht nur angesichts des Todes oder aus Furcht vor iihm - ja, dieses alles wird möglich sein und übertroffen werden, bis man die Zeiten der Vergangenheit vergißt und ihr Gedächtnis böse Träume schilt. Noch mehr, noch mehr, hinauf, hinauf!, schallt der Jubelchor der Erlösten. Tie ganze Schöpfung wir>d zum rauschenden Danklied des waltenden Gottesgeistes. „Liebe und Treue grüßen sich, Heil und Frieden küssen sich. Treue sproßt aus der Erde hervor, Heil schaut vom Himmel hernieder." Wann! endlich kommt diese Zeit? Laßt sie uns heute beginnen! Wir wollen in dieser Stunde antreten zum großen Werke. Nicht zu viel beraten über die Form der Verwaltung und den Beginn der Gestaltung! Uns leite die Notwendigkeit der Entfaltung! Auch der kleinste Schritt, der vorsichtigste Abbau entschleiert die verhüllten Ziele und hebt den gesunkenen^ Mut. Gerechtigkeit und Duldsamkeit sind schon Liebe, und haben wir ernstlich begonnen, so treibt uns keine Macht zurück. Plant nicht allein für künftige Geschlechter, laßt die Lebenden schnell Anteil nehmen an den Menschheitswerten! Bit Mache. 23-c rliit, 12. Mai. ic Ueberreichuug der Friedensbebingungetr im Trianon- Palast-Hotel zu Versailles hat sich ohne Zwischenfall vollzogen. Am Mittwoch, den 7. Mai, wenige Miauten nach 2. Uhr evöffnete Clemenceau die denkwürdige Versammlung mit einer kurzen Erklärung, in der er hervorhob, die Stunde zur Regelung der durch den so grausam ausgezwungenen .Urieg entstandenen Abrechnung sei gekommen. „Sie verlangten den Frieden, wir sind bereit, ihn zu gewähren. Das Buch, das Ihnen überreicht wird, enthält seine Bedingungen. Wir werden Ihnen die nötige Zeit lassen, die die internationale .Höflichkeit gebietet, um sie zu prüfen. Wir werden aber für die notwendigen Borkehrungen und Sicherungen sorgen, damit auf diesen zweiten Versailler Frieden, der einen so schrecklichen Krieg abschließt, kein weiterer folge." Hierauf gab Clemenceau den Inhalt der Fragen bekannt, über die von den deutschen Delegierten innerhalb 14 Tagen eine schriftliche Antwort gegeben werden solle. Ergehe von deutscher Seite schon früher Bescheid, so werde auch die Entente eine schleunige Gegenantwort erteilen, tun binnen einer weiteren noch zu bestimmenden Frist die endgültige schriftliche Entschließung von deutscher Seite zu erwarten. Inzwischen überreichte der Generalsekretär des Friedenskongresses der alliierten und assoziierten Mächte, Duteste, dem Grafen Brockdorsf- Rantzau ein Buch mit dem Entwurf der von der Entente vorgeschlagenen Präliminarien. Nachdem die Dolmetscher in englicher und deutscher Sprache die Erklärung Clemenceaus der ganzen Versammlung zur Kenntnis gebracht hatte, erhob sich Clemenceau zu der Anfrage, ob jemand eine Bemerkung zu machen wünsche. Hierauf gab Graf B r o ck d o rff - Ra n tzau. zu erkennen, daß er das Wort wünsche, und verlas sodann sitzend eine längere Erklärung in deutscher Sprache, wobei die einzelnen Sätze von den Dolmetschern Iustizral Scherer und Dr. Michaelis ins Französische und Englische übersetzt wurden. Der Vortrag des Grafen Brockdorss-Rantzau war sehr ruhig, stellenweise erhob der Reichsminister merklich seine Stimme. Die Versammlung folgte seiner Rede mit größtem Interesse. Nach Beendigung der Erklärung stellte Clemenceau noch*- mals die Frage, ob weitere Bemerkungen gewünscht würden, und schloß hierauf die Sitzung. Der denklvurdige Akt bauerte von 4 Uhr 5 Minuten bis 3 Uhr 50 Minuten. Die deutschen Delegierten kehrten sofort nach dem Hotel des Reservoirs zurück, wo Reichsminister Graf Brockdorff-Rantzau der ganzen deutschen Delegation einen eingehenden Bericht über den Verlauf der Sitzung erstattete. * Die Erklärung des Grafen Brockdorff-Rantzan. V e t f a i 11 c s., 7. Mai. (W. T. B.) Die Ansprache, mit der Reichsminister Graf Brockdorf-Rantzan die Friedensvorschläge in Empfang nahm, hatte folgenden Wortlaut: „Meine Herren! Wir sind tief durchdrungen von der erhabenen Aufgabe, die uns mit Ihnen zusammengeführt hat, der Welt rasch einen dauernden Frieden zu geben. Wir täuschen uns nicht über den U m f a n g unserer Niederlage, den Grad unserer Ohnmacht. Wir wissen, daß die Gewalt der deutschen Waffen gebrochen ist. Wir kennen die Wucht des Hasses, die uns hier entgegentritt. Und wir haben die leidenschaftliche Forderung gehört, daß die Sieger uns zugleich als Ueberwundene zahlen lassen und als Schuldige bestrafen sollen. Es wird von uns verlangt, datz wir uns als die allein Schuldigen a m K riege bete n neu; ein solches Bekenntnis wäre in meinem Munde eine Lüge. Wir sind fern davon, jede Verantwortung dafür, daß es zu diesem Weltkriege kam und datz er so geführt wurde, von Deutschland abzuwälzen. Die Haltung der früheren deutschen Regierung auf den Haager Friedenskonferenzen, ihre Handlungen und Unterlassungen in den tragischen zwölf Hulitagen mögen zu dem Unheil beigetragen haben, aber wir bestreiken nachdrücklich, daß Deutschland, dessen Volk überzeugt war, einen Verteidigungskrieg zu führen, allein mit der Schuld belastet ist. Keiner von uns wird behaupten wollen, daß das Unheil seinen Laus erst in dem verhängnisvollen Augenblick begann, als der Thronfolger Oesterreich-Ungarns den Mörderhänden zum Opfer siel. In den letzten 50 Jahren hat der I m p e r i a l i s m u s alle r c uro* P ä i f che n Staaten die internationale Lage chronisch vergiftet. Die Politik der Vergeltung, die Politik der Expansion und die Nichtachtung des Selbstbestinnnnngsrechts der Böller hat zu der Krankheit Europas beigetragen, die im Weltkrieg ihre Krisis erlebte. Die russische Mobilmachung nahm den Staatsmännern die Möglichkeit der Heilung und gab die Entscheidung in die Hand der militärischen Gewalten. Die öffentliche Meinung in allen Ländern unserer Gegner hallt wider von den Verbrechen, die Deutschland int Kriege begangen habe. Auch hier sind wir bereit, getanes Unrecht einzugestehen. Wir snw nicht hierhergekommeu, um die Verantwortlichkeit der Männer, die den Krieg politisch und militärisch geführt haben, zu verkleinern nno begangene Frevel wider das Votlerrecht abzttleugnen. Wir u icderhot.'u die Erklärung, die bei Beginn des Krieges im Deutschen Reichstag abgegeben wurde: Belgien ist Unrecht geschehen lind wir woben es wieder gutmachen. Aber auch in der Art der Kriegführung hat nicht Deutschland allein gefehlt. Hede europäische Nation kennt Taten und Personen, bereit sich die besten Volksgenossen ungern erinnern. Ich will nicht .Vorwürfe mit Vorwürfen erwidern, aber wenn man gerade von uns Buhe verlangt, so darf man den WasfenstiUstano nicht vergessen. 6 Wochen dauerte es, bis wir ihn erhielten, b Monate, bis wir Ihre Friedensbedingungen erfuhren. Verbrechen im Kriege mögen nicht zu entschuldigen sein, aber sie geschehen im Ringen um den Sieg, in der Sorge um das nationale Dasein, in einer Leidenschaft, die das Gewissen der Völker stumpf macht. Die Hunderttausende von Nichtkämpfern, die seit dem 11. November an der Blockade zugrunde gingen, wurden mit kalter Ueberlegnng getötet, nachdem für unsere Gegner der Sieg errtmgen und verbürgt war. Daran denken Sie, wenn Sie von Schuld und Sühne sprechen! Das Maß der Schuld aller Beteiligten kann nur eine unparte rische Untersuchung feststellen, eine neutrale Kommission, vor der alle Hauptpersonen der Tragödie zu Worte kommen, der alle Archive geöffnet werden. Wir haben eine solch; Untersuchung gefordert, itnb wir wiederholen die Forderung.