Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1919)
- Date
- 1919-05-16
- Page
- Seite 207 (sequence 3)
- Language
- German
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207 ErrMHenscha>sten haben soll, und daß heilsaurer Aivang umhre ssroibeit bedeutet. Neben diesen schon beglänzten Gebieten der Gerechtigkeit, denen die Welt noch am ehesten Sinn und Verständnis entgegenträgt, lagern dunkle Täler und zerrissene Schluchten, die das Auge meidet und dahin der Fuß nicht steigen will. Es blieben, selbst wenn diese Tugend weltübertragend ihren Sitz hienieden ausschlüge, noch immer weite Wüsten des Leides zurück, die urbar zu machen dem Verstände nicht als Pflicht erscheint. Selbst hochstehende Völker wenden sich abgestoßen fühlen bei dem Plan einer Neuordnung der Dinge, die ihnen unnötige Einschränkungen und Verluste unter empfindlicher Einbuße der Früchte ihres Bodens und ihrer Tatkraft anserlegt. Es wird schon nicht leicht sein, die Menschheit dahin zu bringen, daß sie Kolonialerzeugnisse, Oel, . Kakao, Kaffee, Tabak, Gummi, Baumwolle und Farbhölzer, brüderlich und von Rechts wegen teilt, nachdem einmal der größere Teil der Welt seine wenigen Herren gefunden hat. Wenn aber Europa die Rinderherden, den Wolleübevschuß und die Erzvorräte Amerikas ansordert und Deutschland veranlaßt wird, Kohle und Kali vielen Nationen mit zur Verfügung zu stellen, wenn Schwedens Wasserkraft den halben Kontinent init Starkstrom versorgen soll, wird die im Schwinden begriffene Erbitterung aufs neue wachsen. Je höher der augenblickliche Wert eines heimischen Produktes ist, um so stärker der Widerstand gegen eine gleichmäßig geregelte Abgabe bei geringen! Nutzen an jedermann! Italien und Spanien werden ihre Apfelsinen und Orangen nicht so wohlfeil, wie früher Deutschland Kartoffeln oder Rüben, verkaufen wollen und Frankreich den Wein nicht zum Münchener Bierpreise. Es ist wahr, alle die genannten und andere Nationen haben ein Recht, ihre Erzeugnisse durch lange fortgesetzten Fleiß als besonderes Eigentum zu betrachten! Auch die Weltjustiz kann hier einen Abgabezwang nicht ausüben. Doch ein anderes Organ tritt ihr zur Seite, das nicht dem kühlen Verstände, sondern fühlender Ueberlegung entstammt, um durch geordneten Verzicht oder verminderte Nutznießung das nationale Produkt zum Menfchheitswert zu erheben. Tie Stimme der Duldsamkeit wird eingestehen, daß es Sünde wäre, nicht zu zwingenden Ueberfluß zu vergeuden oder härtesten Mangel zu verewigen, Millionen unmäßig genießen und ebenfoviele darben zu sehen. Wenn hierzu die Erkenntnis sich gesellt, wie sehr das einem Lande verliehene Gut vermißt würde, wenn es plötzlich seiner ganz entbehrte, und wie bei gleichmäßiger Verteilung der Gaben dieser Welt der Gesamtheit geholfen werden kann, dann schälen, sich die Menschheitswerte der Duldsamkeit blütengleich aus lange und starr verschlossenen Knospen. Nun tut sich das weite Feld der Zugeständnisse ohne Gegenleistungen auf: der Zutritt der Binnenvölker zum Meere, Durchreise- und Durchfuhrerlaubnis, das gesicherte Verweilen in fremden Ländern, die Mitbenutzung ihrer Bildungsanstalten und Einrichtungen, der Erwerb oder das Geschenk der Einbürgerung, die schonende Verwaltung von Grenzgebieten und Enklaven, die Anerkennung der von der Mehrheit vertretenen Forderungen, der Verzicht des Adels auf überkommene Vorrechte. Alle diese Werte könnten unter Wahrung berechtigter Eigentümlichkeiten in gewisse Grundsätze gebracht und schließlich zu einem umfassenden Einigungsamte werden ohne die Befürchtung, daß damit die Freiwilligkeit der Uebung erstarrt und die Tugend ihren Charakter verliert. Und wenn diese Behörde nur hochherzige Beispiele auszuzeichnen hätte, wie etwa die friedliche Trennung der skandinavischen Brudervölker, so wären Einfluß und Bedeutung dennoch nicht zu unterschätzen. Wie die Naturschätze vielleicht deshalb ungleichmäßig verteilt sind, um den Menschen nach einer Zeitspanne der Selbstzucht zur Duldsamkeit zu geleiten, so hält auch dje vielstufige und mannigfaltige Entwicklung des Gemüts¬ und Geisteslebens der Völker und des Individuums ihren Heilsplan in Bereitschaft. Gleichartigkeit ist als Ausgangspunkt vom Hebel und das Uniforme keineswegs das Zieh Also niemals etwa Vereinigung der Religionen, Preisgabe, oder Verwässerung der Nationalitäten, Aufsaugung der friedlichen Minderheiten! Wie die Jahreszeiten nur durch den Wechsel ihre Reize entfalten, nur die Gegensätze von Meer, Land, Feld, Wald, Ebene und Gebirge uns erfreuen, weder ein Ton noch eine Farbe allein Harmonie darstellen, hartes Lachen nicht froh und unaufhörliches Schluchzen nicht mitleidig macht, so sind die Menschheitswerte der Duldsamkeit nicht starr, sondern immer aufs neue der Veränderung unterworfen. Oft werden sie von den Forderungen der Gerechtigkeit kaum zu trennen sein, im Grunde genommen noch darüber hinausgehen, dann wieder so wenig faßlich und bestimmbar, daß auch ernste Köpfe ihre Beachtung und Behandlung verschwendetes Gefühl nennen. Als einziges Erkennungszeichen bleibt eben das Flüssige des Gebietes, und daß es immer die zwar widerstrebenden Herzen rührt. Für seine Bewertung wachse ein klareres Bewußtwerden, dieses Element unseres Seelenlebens nicht auszuschalten und ihm die Stellung eines führ wichtigen Erziehungsfaktors einzuräumen, den die Menschheit grundsätzlich gemeinsam beachten und fortbilden soll. Den kommenden Rat der Duldsamkeit mag man sich als Vereinigung, erfahrener Greise vorstellen, die viel erlebt und Böses erlitten haben und nun befreit vom Drängertum der Jugend in Milde und Nachsicht auch für strittige Fragen jenseits der Rechtsgrenzen feines Gehör zeigen und den flüsternden Fernruf des Leides fühlend wahrnehmen. Der lebenskräftige Mann geht auf Eroberungen aus, sucht ganz Neues, will es bezwingen, nicht immer an- und einreihen. Ihm sagt kein Wegweiser und keine Landkarte, nur die innere Stimme der Sehnsucht: Irgendwo liegt das Gebiet, das volle Seligkeit gibt, das Land der Liebe! Darum sucht und sucht er, bis er es selbst entdeckt. — Wie es feststeht, daß zwei füreinander bestimmte Menschen sich finden müssen, und wären sie durch Meere getrennt, so ist es ganz gewiß, daß noch einmal neue Menschheitswerte geboren werden, die nicht der urteilende Verstand noch die mitleidige Seele erzeugt, sondern die schöpferische Liebe. So müssen die Weltwerte, die die Zwecke der Menschenliebe in sich tragen, erfunden werden, und nur die Liebe kann sie hervorbringen, stark machen und segnend fortwirken lassen. Was vorausschauende Geister gepredigt haben, die Zeit des Guten auf Erden, fällt nicht als Himmelsgeschenk der Menschheit zu, sondern quilt aus ihr heraus und strahlt svnnengleich empor. Die Werte der Gerechtigkeit spenden Licht, die Werte der Duldsamkeit Wärme, die Liebe allein gewährt Fruchtbarkeit und Leben. Gesundung und Gesundheit, Erhaltung und Kräftigung der Menschheit setzt sich die weltvereinigte Liebe zum Ziel. Eine radikale Umwandlung der Armennot, die Aufhebung der bloßen Augenblickshilfe und des Almosens, die ausgedehnte Gewährung ehrender Arbeit und die Erhaltung der Arbeitslust sind ihre Sendboten. Der verbürgte, Anteil am Glücke der Welt, die Raumbeschaffung für lachende Heimstätten und friedliche Eilande, frohe Siedlungen und trauliche Asyle sind ihre Gaben. Kranke und Sieche vergessen dort ihre Gebrechen, eingewiegt von sanften Mütterhänden der Barmherzigkeit, die ärztlichen Kerntruppen besiegen jeden Feind, der gegen die Menschheit anrückt; keine Katastrophe wird mit Sammlungen oder Wohltätigkeitsveranstaltungen erledigt, sondern mit tätigem, vorbereitetem Beistand. Die Waisen und Vaterlosen werden in