Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1919)
- Date
- 1919-05-09
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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8 mittellosen und wirtschaftsschwnchen Volkskreisen entweder unentgeltlich oder gegen Zahlung eines kleineren oder größeren Teiles der Selbstkosten zum Zweck einer Sol- und Seebadekur aufnimmt und sogar während der ganzen Kriegszeit seinen Betrieb mit Ueberwindung der größten Schwierigkeiten in der Verpflegung fast in gleichem Umfang wie im -Frieden durchgeführt hat, sieht sich, wie aus einer Bekanntmachung im Anzeigenteil dieser Nummer hervorgeht, zu seinem großen Bedauern genötigt, in diesen: Sommer -den Betrieb auszusetzen, weil die Oberste Heeresleitung das Gebäude der Anstalt zur Benutzung für ihre Truppen besetzt hat. Die Sperrung des Betriebes ist um so bedauerlicher, als das Jüdische Kurhospital seit 44 Jahren für die leidende Menschheit in ganz Deutschland iunner segensreich gewirkt hat und gerade jetzt, wo es gilt, die Wunden des Krieges zu heilen, und die Volksgesundheit durch Unterernährung so sehr geschwächt ist, durch die Verhältnisse der schweren Zeit gezwungen ist, seine Pforten den Armen und zugleich Kranken zu verschließen. — Köln, 2. Mai. Das h u n d e r t j ä h r i g e B e st e h e n des I s r a e l i t i s ch e n Fra u e n v e r e i n 8 vereinigte Damen und Herren der Jüdischen Gemeinde Kölns zu einer festlichen Versammlung. Frau Geheimrat A u e r b a ch gab in der einleitenden Festrede ein Bild des Wirkens des Vereins in der Fürsorge für arme, kranke und hilfsbedürftige Israeliten. Die Geschichte des Vereins füllt mit der Geschichte der Juden in Köln seit ihrem Wiedereinzug nach der französischen Revolution zusammen. Das ursprüngliche Arbeitsgebiet, Unterstützung und Pflege armer Patienten und Wöchnerinnen und Verrichtung der vorgeschriebenen frommen Handlungen bei sterbenden Glaubensschwestern, hat sich nach und nach, erweitert. Im Jahre 1878 wurde die erste Anregung zur Gründung einer Waisenstiftung gegeben, aus der später das Jüdische Waisenhaus hervorgegangen ist. Die Mitgliederzahl ist von etwa 400 im Jahre 1889 auf 1200 im Jahre 1918 gestiegen, von denen laufende Ausgaben im Betrage von 15 000 Mark zum großen Teil für Erziehung von Kindern, Ferienkolonien, Arbeitsnachweis usw. geleistet worden sind. Der Gedanke, zum Jubelfest dem Verein die Mittel zum Bau einer Lungenheilstätte mit streng ritueller Verpflegung zur Verfügung zu stellen, wurde einmütig aufgenommen. Geheimer Oberregierungsrat v. Hobe überbrachte die Glückwünsche des Regierungspräsidenten; Beigeordneter Dr. Billstein.betonte im Aufträge des Oberbürgermeisters, wie dankbar sich die Stadt Köln der Dienste erinnert, die ihr der Verein in den langen Jahren seines Bestehens geleistet habe. Herr Siegfried S i m o n entbot die Glückwünsche des Vorstandes der Synagogengemeinde, Herr Feilchenf e l d die des Israelitischen Unterstützungsvereins. Weiter begrüßten den feiernden Verein Pastor Fritze als Präses der evangelischen Gemeinde Kölns und eine Vertreterin der Ortsgruppe Köln des Deutsch-Evangelische n F r a u e n b lt n d e s. In fast allen Ansprachen wurden die besonderen Verdienste hervorgehoben, die sich Frau Bendix Auerbach in den drei Jahrzehnten ihrer Amtsführung als Vorsitzende des Vereins erworben hat; der Greisin wurde von der Versammlung lebhafter Tank gespendet. Ein Festgruß, vorgetragen von Hans B l u m enau , und Gesangsvorträge des Opernsängers Friedrich Schorr gaben der Veranstaltung den künstlerischen Schmuck. <r/D Essen, im April. Anläßlich seines Amtsjubiläums war unser Rabbiner Dr. S. S a m u e l Gegenstand zahlreicher Ehrungen. Auf Einladung des Vorstandes waren als Festgäste erschienen die Rabbiner BDr. E o h n (Bonn), T c v i d (Bochum), E '}■ ch e lb a ch e r (Düsseldorf), G a l l i n e r (Gelsenkirchen), Jacob (Dortmund), N e u m a r k (Duisburg). Am Vorabend predigte in der geschmückten Synagoge Dr. David über Habakuk 2, 4. Am Festtage widmete Dr. Emil Cohn an der Thora dem Jubilar einen selten gehörten Wx scheberack) in kalssischem Hebräisch; der Essener Amtskollege Rabbiner Dr. Lange predigte über Maleachi. 2, 6; Dr. Jacob zog In seiner Festansprache einen Vergleich zwischen dem Rabbiner einst und jetzt. Der Jubilar legte seiner Dankrede nur e in Wort (aus der Josephs-Geschichte) zugrunde: bilodaj. In der Wohnung des Gefeierten, in der Blumen, andere Gaben und Depeschen sich häuften, führte den Reigen der Abordnungen der stellvertretende Vorsitzende des Vorstands Herr.Sanitätsrat Dr. Mendel an und überreichte eine äußerst ehrende Be Schlußakte der Gemeindebehörden. Von jüdischen Verbänden und Vereinen der Stadt und des Bezirks schlossen sich Deputationen mit Adressen und Geschenken an; auch zentrale Verbände fehlten nicht; darunter der Verband der Literatnrvereine, für den bzw. für den Ortsverein die Herren Dr. David und Rechtsanwalt A b e l sprachen. Rechtsanwalt W e r t h e i m überreichte als Gabe der früheren' Schüler einen Fonds in Höhe vor: 7000 Mark. Viel bemerkt wurde die Ansprache des Herrn Ad. K o ch von der zionistischen Ortsgruppe, „der einzigen jüdischen am Ort, derber Jubilar n i ch t angehört", und die Antwort des letzteren, in der dieser sich zu einem Zion im n i ch t p o l i t i s ch e n Sinne bekannte. . Ihren Anteil an den Ehrungen hatte die Gattin des Jubilars, Frau Anna Samuel geborene Friedländer; den Verwandtenkreis vertrat lt. «. deren Bruder, der bekannte D i cht e r p h i lo s op h Dr. S a l o m o n F r i e d l ä n d e r aus Berlin-Halensee, während der Bruder, des Jubilars Tr. Ernst Samuel (Anselm Nüst) die ersten Nummern seiner neuen Zeitschrift „Der Einzige" als Literarische Huldigung eingesandt hatte. — Stuttgart, 2. Mai. Am 12. v. M. feierte die hiesige Gemeinde das 25jährige Amtsjubiläum ihres allgemein verehrten Seelsorgers, des Geh. Kirchenrats Dr. Theodor Kroner, der im Jahre 1894 sein hiesiges Amt antrat und bis zum heittigen Tage trotz seines vorgeschrittenen Alters segensreich und rüstig seines Amtes waltet. Eine Festgemeinde von mehr als 300 Personen hatte sich ihm zu Ehren im Gotteshause vereinigt und brachte ihm durch den Mund des Vorstandes herzliche Glückwünsche entgegen, die darin ausklangen, daß der Gemeinde und dem verehrten Rabbiner beschieden sei, noch viele Jahre gemeinsam zum.Heile der Gemeinde und des Judentums schaffen zu können. Älltzlsnd. Warschau, 24. April. (Spezialbericht des „K. f. d. O.".) Die jüdische Tageszeitung.„Haint" berichtet über schwere Ausschreitungen Posener Soldaten gegen die Mische Bevölkerung Warschaus, die Montag, den 21. April, begannen und die ganze Woche hindurch dauerten. Die Exzesse, die Montag einsetzten, haben sich am Donnerstag, den 24. d. M., in noch verstärkteren Formen wieder holt. Bereits um 9 Uhr früh scharten sich in der von Juden bewohnten Franziskaner- und Fretastraße Gruppen von bewaffneten Nkititärpersonen, denen sich eine Menge bürgerlicher Polen zugesellte, die die vorbeigehenden Juden mißhandelten. Alsbald erschienen, gleichsam wie auf ein verabredetes Signal, von allen Richtungen her Gruppen von je 3 bis 4 Bewaffneten und nahmen Ecke Franziskaner- und Fretastraße Aufstellung. Als die Zahl aus 50 bis 00 angewachsen war, warfen sie sich mit Gewehrkolben und Bajonetten auf die jüdischen Passanten, von denen viele blutig zugerichtet wurden. Auf der Straße entstand große Verwirrung. Jüdische Geschäfte wurden geschlossen, und. die jüdischen Passanten wehten m den Hofen Zuflucht. Als keine Inden mehr auf der Straße zu sehen waren, drangen die Bewaffneten in die Häuser ein. Sie sperrten überall die Haustore und nahmen in allen Häusern Revisionen unter dem Vorwand vor, sie suchten nach versteckten Waffen . . . Um 10 Uhr erschienen vom 2. Kommissariat einige größere Milizpatrouillen. Als die Bewaffneten sich in ihrer „Arbeit" gestört sahen, teilten sie sich in zwei Gruppen, von denen die eine nach Nalewki, die andere nach Sw. Jerstä ausfchwürmte. Aus Nalewki drang eine Gruppe von 20 bis 30 Mann in die Häuser ein, sperrte die Tore und Ausgänge und nahm in jeder jüdischen Wohnung eine „Revision" vor, bei der sie die Möbel. demolierte, die Schränke ausbrach, das Bettzeug in Stücke riß und die Bewohner mit dem Erschießen drohte, falls ihr nicht die versteckten Gewehre abge- Liefert würden. Bei den „Untersuchungen" raubten sie goldene Uhren, Schmucksachen, Gelb u. a. In einem jüdischen Gasthaus waren sie im Begriff, zwei Kisten mit je 7 Pud Zucker sortzuschaffen, als sie von ankomm enden Milizleuten gestört wurden. Die die geraubten Waren dem Eigentümer zustellten. Auch eiserne Geldschränke wurden gewaltsam erbrochen und des Inhalts entleert. Eine Gruppe Der bewaffneten Plünderer stellte sich im Hose Nalewki 39, neben dem nach Kupiecka führenden Eisernen Tor, aus, wo sie sämtliche jüdischen Passanten blutig mißhandelten und ausplünderten. Erst um 12 Uhr mittags erschien das ganze 4. Polizettommissariat auf Nalewki, wo sich später auch einige Gendarmerieoffiziere einsanden. Man begann die Straße zu säubern. Die bewaffneten Banden, die als aus Posen stammende polnische Soldaten sestgestellt wurden, wurden entwaffnet und zum Teil abgeführt. Später durchstreiften die Nalewki- und Franziskanerstraße Automobile mit Gendarmen, die jeden Bewaffneten anhielten und ihn in Richtung auf die Zitadelle abführten. Ein gleichzeitig in der Markthalle von Sw. Jerska arrangierter Ueberfatl auf die dort sich