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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-05-09 · Heft 19 (9.5.1919) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 19 (9.5.1919)
Date
1919-05-09
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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SS. Jahrgang. Nr. 10 Der Gemeindebote. Berlin, S. Mai 1910 Beilage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums" korrrsponden-rn und Machrichtta. HrutfchlsnL. ÜLi& Berlin, 6. Mai. In einer Versammlung des Central- Vereins d e u t scher Staatsbürger jüdi sch e n G l au - b e n s erörterte, wie in der vorigen Nummer bereits mitgeteilt, Abgeordneter Georg Davidsohn die Frage: „Ist Deutschland antisemitisch?" Er stellte fest, daß auch im neuen Deutschland der Antisemitismus unverkennbar noch von den oberen Stellen genährt wird. So hat bekanntlich Prinz Heinrich, der natürlich mit der Zeit nicht mitgegangen ist, vor kurzem in den „Hamburger Nachrichten" die Ausschaltung des Einflusses der Juden aus Handel und Gewerbe gefordert. Bezeichnend für den Geist im Osfizierkorps ist die S ch u l e n b u r g - Affäre, sind die Auslassungen des Generalmajors v. Wriesberg im „Militärwochenblatt", die leider auch nicht den leisesten Hauch vom Geist der neuen Zeit verrufen. Es muß endlich gesagt werden, daß diese Entgleisungen nicht Pie Meinung einzelner Personen darstellen, sondern daß in den Ministerien und anderen Behörden noch ganz der Geist der alten Zeit herrscht. Als der Redner vor einigen Tagen mit dem Stellvertreter des Kultusministers eine Unterredung hatte,, in deren Verlaus er darauf hinwies, daß das „Berliner Tageblatt" sich sehr scharf gegen Herrn v. .Wriesberg ausgesprochen habe, -lautete die „Antwort": „Das „Berliner Tageblatt" gehört eben zu den Blättern, denen Offiziere schon immer etwas am Zeuge geflickt haben!" Angesichts dieser Proben muß mau der von Geheimrat F u ch s geäußerten Ansicht daß der Antisemitismus von heute weniger als früher -in den Erlassen'der Bureaukratie zum Ausdruck kommen werde, einstweilen noch äußerst skeptisch gegenüberstehen. Die Minister, die heute an der Spitze der bureaukratischen Al aschine stehen, wie Wissel, Haenisch, Ernst und Heine, sind persönlich frei vom Antisemitismus, nicht aber ihre Beamtenschaft, die sich zum größten Teil immer noch aus den alten Persönlichkeiten zusammensetzt. Schließlich ist auch m Betracht zu ziehen, daß die alten Gesetze und Verordnungen noch nicht offiziell durch die Nationalversammlung aus der Welt geschafft sind. ' Wie wenig die einzelnen Behörden sich aus den Geist der neuen Zeit um gestellt haben, beweisen die Ai aßnahmen der Berliner Polizei gegen d i e a u s l ü n d i s ch e n Juden. Alan muß sagen, daß die Geheimräte Lindy und Lentz usw. gegen die österreichischen Juden jetzt schlimmer wüten als je zuvor. Aus allen diesen Gründen muß die Bureaukratie genau so überwacht werden wie früher. Jeder, der mit ihr zu tun hat, kann ihr nur mit äußerstem Mißtrauen begegnen. Hierauf äußerte sich Abgeordneter Davidsohn über die Pogromgerüchte und die gehässigen antisemitischen Flugblätter. Das Ausbleiben der mit allen Mitteln vorbereiteten Pogrome sei nur dadurch zu erklären, daß der Kern des deutschen Volkes nicht als antisemitisch angesprochen werden kann, obwohl zugegeben werden muß, daß sich auch unter den Soldaten und ^Arbeitern viele Antisemiten befinden. Ebensowenig wie Deutschland trotz der 15 Millionen sozialistischer Stimmen als sozialistisch angefprochen werden kann, ist es aus Grund antisemitischer Betätigung m verschiedenen Volkskreisen schlechtweg als antisemitisch anzusprechen. Bei Millionen von Deutschen ist der Antisemitismus nicht über die Schwelle des Bewußtseins gelangt, bet vielen ist er auch erfolgreich bekämpft worden'. Der Standpunkt der deutschen Arbeiter zum Antisemitismus ist in der Resolution des Kölner P a r t e i t a ge s der Sozialdemokratischen Partei im Jahre 1893 in durchaus ablehnender Weise festgelegt worden und ist bis heute unverändert geblieben. Arbeiter und Juden haben gleicherweise die Reaktion zu fürchten. Wenn Männer, wie z. B. Schulenburg., wieder zur Macht gelangen würden, so wären die Juden die ersten Opfer. Die Juden müssen deshalb die Errungenschaften der Revolution ausbauen und sichern Helsen. Als Z u k u n s-t sa r b e i t des deutschen. Judentums verlangte der Redner eine straffe Organisation der deutschen Judenheit. Die äußere und innere Unfreiheit, die noch so vielen Juden anhastet, muß abgeworsen werden. Jeder Jude,, der mit seinem Judentum frei hervortritt, findet größere Achtung als einer, der bei der Diskussion jüdischer Fragen mit harmlosem Gesicht dabeisitzt, als ob ihn die ganze Sache nichts an geht. Die Zeit ist vorüber, wo der einzelne etwas Großes erreichen konnte. Immer siegt derjenige, der die beste Organisation hat. Wenn wir uns eine gute Organisation schassen, werden wir unseren Kampf siegreich durchführen können. — In der Disk u s s i o n sprach Justizrat B r o d n i tz als Vertreter des Hauptvorstandes des Centralvereins dem Redner den Dank für seine interessanten Ausführungen aus und ging dann mit einigen Worten auf. den Artikel von Geheimrat Fuchs ein, der nur an eine Verlegung des Schwerpunktes des Kampfes gegen den Antisemitismus gedacht habe, aber als alter Praktiker wohl genau wisse, daß der Kampf gegen den Antisemitismus in der Bureaukratie noch nicht ausgekämpft sei. Er fordert einen energischen Kampf gegen das Taufjudentum. Wir verachten diejenigen, die uns durch ihrest Abfall in den Rücken lallen, und die alte Regierung, welche die Gesinnungslosigkeit prämiierte. Dipl.-Jng. Herzfeld erklärte, daß sich zur energischen Abwehr des Borwurfs der Drückebergerei, in Berlin ein „Bund jüdischer Frontsoldaten" begründet habe, dessen Mitglied jeder Jude werden kann, der längere Zeit an der Front stand. In der weiteren Diskussion kämen die Vertreter der verschiedenen Richtungen zum Worte, bis die Polizeistunde zum Schluß der Veranstaltung zwang. E. M. Berlin, 6. Mai. Die G en e r a t v e r s a m m l ung des Kuratoriums der Le h r a n st alt für die W i s s e n s ch a f t d c s I u d entu m s, die am 27. v. M. im großen Lehrsaal des Instituts nbgehalten wurde, nahm den Verwaltungsbericht für das abgelanfeue Geschäftsjahr entgegen, zu dem der Vorsitzen'de Justizrat Dr. Arnold Seligsohn erläuternd bemerkte, daß das Jahr 1918 eine tiefernste Zeit für die Entwicklung der Lehranstalt bedeutet. Das Kuratorium hat in Hermann C o h e n, Ludwig G e i g c r und S. Adler drei markante Mitglieder verloren, die dein Institut mit ihrem schwerwiegenden Rat und ihrer ausgezeichneten Sachkenntnis große Dienste geleistet haben. Eine Gedenkfeier für verstorbene Kuratoriumsmitglieder und für die im Felde gefallenen Hörer fand am 16. Februar d. I. statt, in welcher der Vorsitzende des Lehrerkollegiums, Rabbiner Dr. Baeck, auch aller jener Männer gedachte, die bei Entstehung der Lehranstalt vor fast fünfzig Jahren mitgewirkt haben. Hieraus erfolgten die Neuwahlen. Tie turnusmäßig ausscheidenden Mitglieder Geheimer Regierungsrat Professor Dr. M o s s e und Geheimer Oberregierungsrat Professor Dr. Nt c h e v wurden wiedergewählt; ueugewühlt wurden Professor Dr. Ernst C a s s i r e r , Rechtsanwalt Dr. Veit S i m o n und Lucian Picard (Frankfurt n. Nt.). — Im Anschluß an die Generalversammlung fand die Antrittsvorlesung des neuen Dozenten der Anstalt Professor Dr. Julius G u t t m a n n statt, den Justizrat S e l i g s o h n mit einem Hinweis auf die 'besonderen Ausgaben des H e r m ann - Co h e n - Lehrstuhls, der zur Pflege der systematischen Religionsphilosophie begründet wurde, begrüßte und einführte. Professor Dr. Guttmann würdigte die Bedeutung Cohens auf dem Gebiete der Religionsphilosophie. Cohen hat es als Erster verstanden, Brücken zu schlagen zwischen der Philosophie des Mittelalters und der Gegenwart und dadurch auch die von den jüdischen Denkern des Mittelalters geschaffenen Werte für unsere Zeit zu erschließen und nutzbar zu machen. Rückblickend wies Professor Dr. Guttmann daraus hin, daß bei den Philosophen des Altertums von einer Religionsphilosophie als besonderer Disziplin nicht die Rede sein konnte, weil die seelischen Energien, deren Ausfluß das religiöse Lebenbildet, von den alten Philosophen nicht als eigenes geistiges Substrat anerkannt und geltend gemacht wurden. Dies änderte sich erst in der mittelalterlichen Philosophie, aber hier auch nur insofern, als das Verhältnis der historisch gegebenen Religion der allgemeinen wissenschaftlichen Erkenntnis gegenübergestellt wurde. Mit Kants Ueberwindung der Metaphysik hörte dieses Gegenüberstellen zweier einander völlig fremder Welten auf.- Seitdem ist die Religion in der Philosophie anerkannt als Krönung des Sittlichkeitsbegrisfes. Dieser geläuterte Begriff wird auch die Zukunft der jüdischen Religionsphilosophie beherrschen, die gerade für unsere Zeit eine immer wachsende Bedeutung besitzt. Dem Wirken für diese Idee war Hermann C o he n s Leben gewidmet und in diesem Sinne soll der seinem Andenken geweihte Lehrstuhl weiterhin dienen.

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