Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1919)
- Date
- 1919-05-09
- Page
- Seite 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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in der Tochter ihre einzige Stütze. Die leeren Tröstungen ihrer übrigen Verwandten verachtend, zitierte sie Alice zu sich und bat sie, einen Brief für sie zu schreiben. „Ich habe meine Absicht geändert," diktierte Frau Mahlow mit fester Stimme, ohne Alice zu sagen, an wen der Brief gerichtet sein solle. „Ich habe meine Absicht geändert. Es war ein Irrtum meinerseits, daß ich bei meinem Alter durch eine zweite Heirat ein neues Leben beginnen wollte. Von einem anderen Grunde, den ich durch meine zweite Tochter soeben Kenntnis erhalten, will ich vollständig schweigen. Ich erachte auch jeden Versuch Ihrerseits, mir eine andere Meinung beizubringen, als überflüssig und gänzlich unangebracht. Meine älteste Tochter, die auch diese Zeilen in meinem Namen an Sie richtet, wird stets an meiner Seite sein, um mich vor Ihnen und vor mir selbst zu beschützen." Sie nahm Alice die Feder aus der Hand und schrieb mit großen, deutlichen Buchstaben ihren Namen. „Kind, bist du jetzt zufrieden?" fragte sie, das Gesicht der Tochter zu sich emporhebend und ihr liebevoll in die Augen blickend. Alice schlang wieder die Arme um die Mutter und weinte herzbrechend. Eine ganze Weile saßen beide Frauen wortlos auf dem Sofa, sich eng umschlungen haltend. Für Alice war alles wie ein Traum. Die große Trauer und die große Freude, alles schmolz zu einer einzigen Empfindung zusammen. So saßen sie schweigend imd hielten sich noch immer umschlungen. und eine konnte die Herzschläge der anderen verspüren. Nach einer Weile aber -- Alice wußte nicht, nach welchem Zeitabschnitt sie es.bemessen sollte, nach Minuten oder Wocken -.fühlte sie das Haupt der Mutter fester und schwerer ^aus ihrer Schulter, deren Umarmung aber schwächer werden, während die Atemzüge sanftbebend und regelmäßig sich verlängerten. Alice merkte, daß die Mutter eingeichlummert war. Sie wandte den Kopf, um sich von dieser Tatsache zu überzeugen, und da sah sie zwei große Tränen von den Wimvern der Schlafenden sich lösen. Es wurde Alice dabei so weich und so weh im Herzen, daß sie laut aufschluchzen wollte. Bald aber erfüllte sie eine große Freude. Hier hatte sie ja des Rätsels Lösung: die Mutter schien barsch und sogar lieblos, aber nur während des Tages, um aber alle ihre Zärtlichkeiten, die sie für ihre Kinder im Herzen trug, für das Dunkel der Nacht aufzubewahren. Sie weinte während der Nacht, ob sie sich auch während des Tages stellte. Ehrfurchtsvoll küßte sie die Tränen von dem Gesichte der Schlafenden. 31. Alice war entschlossen, der guten Mutter, deren Wesen sie erst jetzt «erkannt hatte, das größte Opfer zu bringen und Burger zu heiraten. Zu ihrem Glück erwies sich aber, daß dieses Opfer nicht nötig war. Denn Burger selbst kam, gerade in jenen Stunden, da er auf Bitten von Frau Mahlow im Hause geblieben war, in «tiefem Sinnen auf den Gedanken, Alice frei zu geben. Zwar ärgerte er sich über Klaßner und konnte ihm zunächst seine Dreistigkeit nicht verzeihen, war daher zunächst keineswegs gewillt, gerade ihn als Nachfolger anzunehmen. Daher griff er mechanisch zu Klaßners Buch, das auf dem Tische lag, blätterte zuerst darin, wurde aber allmählich so davon befangen, daß er gar nicht -davon lassen konnte. Er begriff Klaßners Absichten und Bestrebungen, und er konnte ihm seine höchste Achtung und Anerkennung nicht versagen. Er lächelte, als er sich an die vorhin gesprochenen Worte erinnerte, daß er diesen Mann nicht für würdig erachtet, in seine Schuhe zu treten! — -. Eine innere Unruhe trieb -ihn wieder im Zinuner heruni. Er legte -das Buch weg und fuhr sich mit der Hand über die feuchte Stirn. Plötzlich ging die Tür auf.und Alice stand vor ihm. „Es tut mir leid, daß ich dich so lange habe allein lassen müssen," sprach sie und trat dicht an ihn heran. „Ach ja, der arme Julius!" stotterte er gedankenlos. Sie bat ihn mit den Augen, nicht weiter davon zu sprechen. „Ich hatte dir zugesagt, am Sonnabend dir eine bestimmte Antwort zu geben. Sei nicht böse, daß es erst heute geschieht. Ich will nun mein Versprechen einlösen und stelle es dir anheim,-unseren Hochzeitstag zu bestimmen." „6-m, hm! So, so!" Er trat einen Schritt zurück. „Du kannst also unseren Hochzeitstag anbcraumen. für wann du willst," wiederholte sie. „Hm, hm!" kam es auch jetzt wieder Liber seine Lippen. Er steckte die Hände in die Taschen und hielt seine Blicke zu Boden gerichtet. Nach einer kurzen Weile aber sprach er ernst: „Alice, höre aufmerksam ut. Willst du mir ehrlich und aufrichtig sagen, ob du mich meinetwegen, meiner Verdienste wegen, wie man. zu sagen pflegt, heiraten willst oder geschieht es auf Zureden und Veranlassung anderer?" Ms Antwoc-t slblich sie zu dem Tische hin, auf den sie die Hand legte, um sich zu stützen. „Fällt es dir gar so schwer, es mir zu sagen?" fragte er. „Macht es denn bei dir einen so großen Unterschied, welcke Gründe mich dazu veranlassen? Genügt dir denn nicht die Tatsache, daß ich dich heiraten werde, wann du nullst?" fragte sie demütig und ergeben. ..Ich sollte wohl meinen! Fue-ilich . . Achselzuckend unterbrach er sich selbst und schwieg. „Adolph!" zitterte es von ihren Lippen, als er sich ihr wieder näherte. „Beruhige dich, kleines Mädchen. Ich bin dir nicht böse." Alices Gedanken wirbelten und stürmten berzbeklenunend auf sie ein. Ihr weiches Herz hatte ihr eingeredet, daß Burgers Freude ihr das Opfer leicht -machen wird. Statt dessen stellt er so eigenartige Fragen, die kein Glücksgesübl erkennen lassen, sondern gerade auf das Gegenteil, auf Ausflüchte. hindeuteten. Sollte ihr auch etwa diese Befriedigung der Opserwilligke-it genommen werden? Sollte ihr Söelenkampf wieder aufs neue beginnen? Sie ließ sich auf den nächsten Stuhl nieder und zerrte nervös, unbewußt, an ihrem Taschentuch. Burger stand jetzt am Fenster, den Rücken ihr zugewandt. (Schluß folgt.) Litrrsrilchr Mittnlungm. — W isse . w a s du d e m G 0 t t e s l e u g n e r n nt w orte n soll st. Sprüche der Väter. Ein Büchlein zur Bekämpfung des Materialismus von H e r m a n n Cohn, Nürnberg, Verlag Sänger u. Friedberg, Frankfurt a. M. 1916. Der Verfasser dieser schon 1916 erschienenen Schrift steht durchaus auf orthodoxem Standpunkte. Ties kann uns jedoch nicht hindern, seine Arbeit zu würdigen. Sie ist eigentlich gegen Haeckel gerichtet .- wie weit liegt diese ganze Schrift und die Zeit, in der sie erschienen ist, hinter uns. Die acht Abschnitte 1. Die jüdische Weltanschauung, 2. Die exakte Wissenschaft, 3. Versuch eines logischen Veloeises für die Eristenz eines Schöpfers des Weltalls, 4. „Fesch meajin, die Weltschövfung aus Nichts “ findet.durch die moderne Wissenschaft ihre Bestätigung. 5. Warum ist die materialistische Anschauung minderwertig gegenüber der metaphysischen?, 6. Das .Leben". 7. Theistischer Materialismus, 8. Wisse, was du dem Gottesleugner antworten sollst, sind recht lesenswert. Man muß freilich immer bedauern, daß in ihnen fein Mann der Wissenschaft, sondern ein Laie spricht. Der