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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-05-09 · Heft 19 (9.5.1919) · p. Seite 200

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 19 (9.5.1919)
Date
1919-05-09
Page
Seite 200 (sequence 8)
Language
German
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200 auf der Akademie in Berlin wieder aufnehmen könne." Mit seinem Vetter Salomon Heine in Hamburg führte er den gleichen Vornamen, und beide heißen wohl so nach einem gemeinsamen Vorfahren. Mein Großvater war somit auch ein Vetter v.on dem Vater Heinrich Heines. Wirklich rührend gratuliert nun die alte Urgroßmutter aus Hamburg zur Hochzeit dieses ihres jüngsten Kindes und bedauert so sehr, durch ihr hohes Alter nicht die Reife zu dessen Hochzeit machen zu können. „Herzliebes Kind Salmon" ist er — natürlich auch jüdisch — überschrieben. Meinen Großvater kannte ich nicht mehr. Wohl aber die Großlnutter, welche ein sehr schönes Mädchen gewesen sein muß. Ihr Bild, mit goldbraunem Haar und blauen Augen, gibt davon Zeugnis. Als Siebzehnjährige wurde sie von keinem Geringeren, wie dem späteren Professor Franz Krüger, gemalt, der ein Jugendfreund von ihr war. Auch sie muß, da im Hause der Großeltern die Kinder stets Französisch sprechen sollten, wie mein Vater oft erzählte, viel Wissen besessen haben. Ich entsinne mich ihrer nur als einer alten feinen Frau, welche wundervolle Handarbeiten machte. Letztere Kunst muß ein Familienerbteil gewesen sein. Denn bewundernswerte Spitzenarbeiten sind mein „Familien.schatz". Zum Teil mit der eingearbeiteten Jahreszahl von 1780. Diese befindet sich auch noch auf einem Sticktuch, dessen Farben noch herrlich erhalten sind. Ein ähnliches Tuch vom Jahre 1800 hat jüdische Buchstaben und stammt vermutlich von einer früh verstorbenen Schwester meiner Großmutter, da diese 1800 erst zwei Jahre alt war. Mein Vater besaß natürlich auch seinen bis auf jenem Tewele Rieß zurückzuführenden Stammbaum, welcher 1672 sich unter dem Großen Kurfürsten mit noch fünf anderen Familien in Berlin niederlassen durfte, nachdem den Juden der Aufenthalt in Wien verboten wurde. Und kam ich mal durch die Jüdenstraße, so machte ich gern die paar Schritte bis zum „Großen Jüdenhof", daran gedenkend, daß sich hier vor mehr als 200 Jahren der Ursprung meiner Familie Heimatsrecht erwerben durfte. Die damals freundlich Aufgenommenen hatten sicher schon einen guten Batzen Geld mitgebracht. Tenn die Uebersiedelung mit Kind und Kegel, von Wien nach Berlin kostete wohl ein schönes Stück Geld. Ist es nicht herrlich, so den Spuren seiner Vorahnen nachgehen zu können? Und gerade wir Juden, die wir so viel F a m i l i e n s i n n haben, sollten es uns auch angelegen sein lassen, unsere Familie n g e s ch i ch t e zu studieren. So mancher jüdische alte Brief, der vergilbt in einem Nachlasse gefunden wird, wird wohl einfach zerrissen und fortgeworfen und könnte doch so manches Licht über alte Familienverhältnisse geben. Wir Enkelkinder aber pilgerten voller Stolz am 18. September 1018 nach dem Friedhöfe in der Schönhauser Allee, um zum Gedenken des 100jährigen Hochzeitstages unserer Großeltern einen Kranz aus deren Grab niederzulegen. Ehre aber auch meinem Vater, der so pietätvoll alles von seinen Eltern Stammende für seine Kinder und Enkel aufhob, damit auch diese wissen, daß sie der ältesten Berliner jüdischen. Familie entstammen. Graf Loben?! und die Inden. raf Cobenzl, der Reichsminister der Kaiserin Maria Theresia, wollte den Kammerknechten des heiligen Deutschen Reichs, d. h. den Juden wohl. Die Humanität des Grafen dehnte sich bei seinen Schutzbestrebungen, wie feine und der Juden Gegner ihm bitter vorwarfen, mitunter aus verdächtige Individuen aus, welche die loyalen Untertanen schädigten. Unter jenen waren selbstverständlich die Juden gemeint. So enthalten die geheimen Gesandtschaftsberichte eine Wehklage des Weihbischofs Josef v. Nitschke von Bamberg über auffallende Protektion, welche Cobenzl den Juden angedeihen läßt. Er ließ sich am 26. Oktober 1751 vernehmen: „Gleichwie ich mir noch immer auf hochderoselben alle Gnade und Wohlwollen ohngernein zähle, so muß ich mir die Freiheit nehmen zu eröffnen, was gestalten ich vernommen, als ob Euer Excellenz denen Juden Marx und Ignaz Schuester. mit welchem wir gesummte von Nitschkische Erbintressenten zu Wetzlar in proceß verfangen seyndt, dero hohe Protection hätten angedeihen lassen; wenigstens rühmen sie sich damit zu Wetzlar, und geben sogar vor, einige vorschreiben nach Wetzlar erhalten zu haben. Ich bin aber von Euer Excellenz aemeinkündiger Justizliebe dergestalten überzeugt, daß Hochselbe auch mir und den meinigen dero Protection hierunter zuzuwenden um so ehender geruhen werden, je offenbarer die justitia causae auf unserer seithen stehet, wie Hochdieselben ob der nächsten Tägen von mir eingesandten 3pecies facti von selbsten Erleucht ermessen werden; ich will daher gehorsamst gebeten haben, besagten Juden fernerhin dero hohen Vorspruch, oder wenigstens in so lange nicht angedeihen zu lassen, bis meine Information eingelangt seyn wird." Am 20. Oktober sandte er das Promemoria ein, daß Se. Excellenz wahrnehmen möge, „von was Gattung die gegnerischen Juden sehen". Das Promemoria vermag jedoch an dem Entschlüsse des Grasen nichts zu ändern. Die geheimen Gesandtschaftsberichte enthalten auch einige Briefe von Juden an Cobenzl, welche geeignet sind, Streiflichter auf seine Beziehungen zu den Juden zu werfen. Max Hirschl schreibt aus Wien am 16. Oktober 1743 an den Grafen: „Euer Hochgräfl. Er. sehr gnädige Zuschrift vom з. praet. hat in mir diejenige Devotion, welche man einem solchen gnädigen Herrn ohnehin schuldig ist, verdoppelt; nur hätte wünschen mögen, daß die dermaligen Umstände so beschaffen, daß in der liquiden Praetension an König Stanislaus etwas zu effectuiren wär. Weil nun Euer Hochgräfl. Er. keinen Ausweg annoch wissen, so hole diese affaire zu hochderoselben gnädigen Angedenken opportuno tempore u. zugleich mich gehorsamst empfehle, Mw." Ein andermal schreibt er in demselben Jahr: „Gleichwie Euer Hochgräfl. Er. hohe Gnade gegen dero unterthänigen Diener bei der vor dero angetrettenen Abreise gemachten gehorsamsten Aufwartung so weit gegangen, daß Hochdieselbe gnädig befehlen wollen, wegen der bekannten König Stanislaischen affaire unterthänig zu schreiben, also wollen Eiter Hochgräfl. Er. nicht in Ungnade vermerken, daß ich, der hin и. wieder besonders durch die erwähnte Zeithero in capitali n. Interesse uneinbringliche Post in großen Verfall u. Abgang des Vermögens gekommen, Hochdieselbe so unterthänig als inständigst angehe, daß Euer Hochgräfl. Er. gnädig geruhen wollen sich eines solchen bedrängten Dieners in hohen Gnaden anzunehmen u. sich nach denen seines Erachtens dermalen favorable ereignenden Conjuneturen u. Vorrükung der königl. ungarischen Armee gegen Lothringen auf ein oder andere thunliche Art zu dem seinigen zir verhelfen. Euer Hochgräfl. Er. ist annoch gnädig erinnerlich wie angelegentlich ehemals diese Affaii'e von dem Herrn Schwiegervatter Herr Karl Graf von Pallfy recommandiert worden. Enegard dessen dann an der hohen Huld gebethener Maßen gehorsamst nicht zweifle u. je wichtiger solche hohe Clementz wär, je mehr werden Euer Hochgräfl. Ex. auf sich andurch dero gehorsamsten Diener zu seiner reellen schuldigen Dankbarkeit verpflichtet machen, welcher dann in der unterthänigen Hoffnung hochderoselben Aitshilfe in tiefster Devotion lebelang verbleibt."

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