Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1919)
- Date
- 1919-05-09
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gemeinde m Pinsk mit einer Kontribution von 100 0V0 Mark. Der Kommandant erklärte, falls das Geld nicht innerhalb 24 Stunden aungezählt werde, würden die jüdischen Gemeindevorsteher ersüwssen lverden. Der anHeseht.ne katholische Geistliche in Pinst B u t raw a protestiert "feierlich (zogen die Beschuldigung, das;, die erschossenen Juden Bolschewik! waren. Sämtliche Erschossenen waren Zionisten, darunter ältere. Juden von sechzig Jahren. Bukrawa ist nach Warschau abgereist, um der Negierung Beweismaterial vorzulegen. Ter Kommandant von Pinsk Luszynsti, der das Todesurteil erlassen hat, ist abgefetzt.worden. Sämtliche jüdische Zeitungen in Warschau, die über dieses Verbrechen schrerven, werden konfisziert. In Warschau werden massenhaft Proklamationen verbreitet, in denen angekündigt wird, daß demnächst ein großer Jndennwrd stattsinden wird. Jeder hundertste Jude soll erschossen werden. Die Stimmung .der jüdischen Bevölkerung ist verzweifelt. Tie einzige Hoffnung ist die, daß Europa die polnischen^ Bluttaten nicht länger ruhig mitansehen wird. * . „Jewish Ehroniole" weist in seiner 9tummer vom 18. April daraus hin, daß Zurzeit in Paris eine große Anzahl von Juden aus deu verschiedensten Ländern versammelt ist, die alle von dem Wunsch, j die jüdischen Interessen bei dem künftigen Friedensvertrag zu schützen, j dorthin geführt wurden. Die Zeitschrift fährt fort: „Wir wollen . hoffen, daß die jüdische Sache so gut. geschützt wird wie nur irgend! möglich. Uns fällt jedoch die zufällige Art und Weise auf, in bet j diese Delegationen zusammengekommen und. Sie sind, wenn, wir / so sagen dürfen, ein Gemisch jüdischer Atome. Sie.scheinen ohne I Berufung gekommen zu sein und sich gesondert von anderen gehalten zu haben, trotz ihrer in hohem Maße gemeinsamen Ziele ' wenn es nicht gerade Herrn Lucien Wolf (dieser ist ein Gegner j des Zionismus. D. R3 gelungen ist, sie zufanunenznvringen, wie t es seine vor einiger Zeit verkündete Absicht war Das alles ist natürlich sehr charakteristisch für jüdische Bedingungen und Methoden; und spiegelt getreulich die Situation des Judentums der ganzenj Welt wider. Aber ist es zu viel erhofft, daß sich aus diesem Gemisch i eine bestimmte und feste Organisation entwickelt, die für die Zukunft . in gewissem Maße internationale jüdische Zusammellarbeit gewährj leister? Notwenrng ist eine Liga der Juden . . * ' * ’ i D i e I u b c n frag c v o r d c r Svz ja l i st e n f u n f e r e n z. I VI i:t si e r d a nt, ’3). April. Die Internationale Sozialistische Kon-; ferenz nahm in ihrer gestrigen Sitzung einstimmig folgende Neso-! lutron an: Die Internationale Sozialifrische Konferenz erfcnnt den internationalen Eharatter der Judenfrage an und fordert, daß in > Uebereinstimmung mit dem Seloftbestimmnngsrecht die Stellring der Juden ans folgender Grundlage international geregelt wird: 1. Vollständige Gleichberechtigung der Juden in allen Ländern, gleiche Behandlung der jüdischen Bevölkerung bei dem Wiederaufbau der durch den Krieg heimgesuchten Gebiete, internationaler Schutz der Juden und aller anderen natioimlen Minderheiten gegen phyfifche Verfolgungen und wirtschaftliche Unterdrückung; Gleichberechtigung der Juden bezüglich der Ein- und Auswanderllngsfreiheit nach und aus allen Ländern; 3. Nationale Selbstverwaltung ans der Grundlage des Rationalitätenprinzips und der nationalen Gleichberechtigung in den Städten, Provinzen und Genreinden aller Länder, wohin oie Juden in M-engen ziehen; 4. Anerkennung des Rechts des jüdischen Volkes, sich ut Palästina eine nationale Heimat zu schaffen, und die Schaffung der hrerzu notwendigen Bedingungen unter dem Schutze und der Kontrolle des Völterbunoes, der auch me Jntereffen der übrigen Bevölkerung des Landes gewährleisten rnuy; b. Vertretung des jüdischen Volkes im Völkervunde. * Die Handelsbeilage der „Times" vom 22. März enthält einen. Aufsatz abertue Handelsmöglichkeiten m Syrien und Palästina, in dem es folgendermaßen heißt: „Etwa bis zmn Beginn dieses Jahrhunderts war der britische Handel in den Märkten von Syrien und Palästina'vorherrschend, doch seit etwa emem Jahrzehnt vor Kriegsausbruch harten sich Deutschland und Oesterreich vereint, um die Stellung der englischen Fabrikanten zu erschüttern, selbst in den Branchen, in denen diese früher leitend gewesen waren. Die politische Zukunft dieser Provinzen ist zurzeit noch nubestinnnt, aber was auch immer ihr Schicksal sein mag, jedenfalls werden aller Voraussicht nach die .Zentralmächte nicht wieder in die Lage kommen, ihre tommerziell-en und pvlitischeir Interessen zu r erfolgen, ivie sie es in der Vergangenheit getan haben, und infolgedessen wird der von diesen Ländern besorgte Handel für andere Nationen frei werden, die den Wunsch haben, die Situation anszunutzen. Es ist außerordentlich schwer, irgendwelche verläßlichen Statistiken zu erhalten, besonders bezüglich des Anteils jeder einzelnen Kategorie des Jmporthandels, der auf die großen Handelsländer entfällt. Der Import nach Syrien und Palästina erfolgte zum großen Teile um Beirut und zu einem geringeren Teile via Haifa und Jaffa, aber ein beträchtlicher Teil kam aus der Türkei, und da viele der Artikel, deren Herkunft als „ottomanisch" bezeichnet wird, eiaMlich fremdes Fabrikat waren, so sind die Bedürfnisse der vom Ausland versorg reu Gebiete bedeutend größer, als aus den Jmportstatistiken von Beirut, Haifa und Jaffa hervorgeht. Immerhin hat man allen Grund zu glauben, daß die Befreiung der. Bevölkerung von Syrien und Palästina von dev verderblichen lmd rückschrittlichen Herrschaft des türkischen Willens in der nahen Zukunft zu einer beträchtlichen Regsamkeit in diesen Ländern führen wird, die einer großen Entwicklung fähig sind, und daß infolgedessen die Nachfrage nach Waren von außerhalb intensiver werden wird, sowohl zum Zweck ihrer Entwicklung als auch als direktes Resultat derselben." Ter Artikel, der auch die jüdische Handelswelt in Deutschland interessieren dürste, führte dann aus, welche Roh- und Fertigprodukte Palästina wahrscheinlich erfordern wird. Genannt werden: Zement, Bauholz, Nahrungsmittel, Einrichtungen, Strumpfwaren und Kleidungsgegenstände, Eisen und Stähl, Lederwaren, Maschinen, Farben, Ehemikalien und Papierwaren. % herbtt. (Zu seinem 80. Geburtstage.) Ar h e r bst ist am 13. Mär, 1839 in Krotoschm als Sohn 4J. des (hasthofbositzers Bernhard Herbst geboren und durch seine Mutter ein Nachkommen der sehr angesehenen Familie Goldschmidt. Bier Jahre alt wurde er ins Eheder geschickt, mit sechs Jahren ztmt Ehumesch und in die damals blühende Volksschule gebracht, die über 500 Schüler zählte. (Heute dürfte sie wenig über 20 Besucher haben.) Mit 10 Jahren besuchte er die Realschule und mit 17 Jahren das Lehrerseminar in Breslau. Mit 20 Jahren wurde er an der öffentlichen Schule in Rakwitz i. P. angeftellt, die damals und noch später mehr als 50 Schüler aufzuweisen hatte. .Nach 10% Jahren wurde er als erster Lehrer in Ehodziesen (heute Kvlmar i. P.) angestellt. Die Schule zählte damals über 200 Kinder, heute dürste sie von wenig über zehn Kindern besucht werden. Im Jahre 1873 siedelte er nach Lissa i. P. über, wo er 14 Jahre lang als zweiter Lehrer und seit 1887 als erster und Hauptlehrer über 34 Jahre bis 1907 tätig war und am 1. Mai in den Ruhestand nach 48 Dienstjahren trat. "Herbst hatte es sich zur Aufgabe gestellt, seine Zöglinge nicht nur zu unterrichten, sondern auch zu erziehen. Eigenes Beispiel. Auch für die schulentlassene Jugend sorgte er nach Kräften, indem er sie zur beruflichen Ausbildung anleitete, unter Beihilfe des D. I. E. B., dessen Delegierter er heute noch ist. Für seine Standesgenossen ergriff er jede Gelegenheit: so die Gründung der .Lehrervereine in Breslau und Posen, deren Vorstandsmitglied er heute noch ist, und durch das Zustandebringen des Verbandes der Jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche. , In der Synagogengemeinde zu Lissa war Herbst stets bereit, bei gemeinnützigen Angelegenheiten mitzuwirken. So gründete er auf Anregung des Sekretärs des Verbandes der Vereine