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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-05-09 · Heft 19 (9.5.1919) · p. Seite 195

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 19 (9.5.1919)
Date
1919-05-09
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
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m kann diese Erwägung eine ausschlaggebende Bedeutung nicht bekommen, weil auch aus der Seite unserer Gegner nicht bloß zionistische Juden sind, insbesondere sind die Kongretzthesen der amerikanischen Juden durch die Wünsche, und Interessen der nichtzionistischen Inden stark beeinflußt. Ich gestalte mir, darauf hinzuweisen, daß die Formel des Amerikanisch-jüdischen Kongresses, die nicht von einer nationalen Heimstätte, sondern nur von einem jüdischen Gemeinwesen (Commonwealth) spricht, gerade der Rücksicht auf die nichtjüdisch-nationalen Juden ihre Entstehung verdankt. Ich darf ferner daraus Hinweisen, daß sowohl die Fragen der nationalen Autonomie in den Ländern der jüdischen Massensiedelnng als auch die Frage der kulturellen Autonomie in allen anderen Ländern nicht bloß vom zionistischen Standpunkt allein aus zu lösen sein werden, sondern eine Berücksichtigung, der Wünsche der deutsch-nationalen Juden erheischen, wenn dadurcl/ nicht ihre Stellung im Vaterlande und sonstige Interessen Gefahr laufen sollen. Ich zweifle nicht daran, daß der auserwählte Sachverständige nach besten Kräften bemüht sein wird, objektiv zu sein, indessen haben doch schon die bisherigen Einigungsverhandlungen zwischen dem von der „Bjod" ernannten Sachverständigen mit dem Herrn Referenten vom Auswärtigen Amt gezeigt, wie schwer, ja unmöglich es ist, ohne Zusammenwirken beider Richtungen zu einem allen Dellen gerecht werdenden Ergebnisse zu gelangen. Ter Hinweis, daß dann auch die Orthodoxen einen Vertreter verlangen könnten, ist nicht stichhaltig, weil es sowohl unter den Zionisten wie unter den Nichtzionisten Orthodoxe und Liberale gibt, und daher nur der Gegensatz von national-jüdisch und national-deutsch in Frage kommt. Sollte es, was ich nicht annehme, im jetzigen Stande der Dinge unmöglich sein, auch einen Vertreter der national-deutschen Juden als dauernden Sachverständigen in den 38er Ausschuß zu delegieren, so bitte ich, daß wenigstens dann aus ihren Reihen auch ein Vertreter zugezogen wird, wenn es sich im Einzelsalle um jüdische Fragen handelt. Tie bloße Zuziehung des Referenten würde einen Ausgleich nicht herbeisühren, einmal deswegen nicht, weil die im „Eentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" und die im „Verbände der Deutschen Juden" organisierten Juden in ihm nicht einen Vertreter ihrer Interessen sehen, und weil wir alle wünschen, daß der Referent als Reichsbeamter vbjektiv über den Parteien stehen soll. Ta es sich um eine von mir seit einem Menschemlller erstrebte Synthese jüdischer und vaterländischer Interesse:: handelt, hatte uh mich in meinen: Gewissen für verpflichtet, die Auffassung der uichtzionistischen Juden im gemeinschaftlchn: Interesse von Vaterland und Glaubensgemeinschaft zur Geltung zu bringen." * Aus Bamberg wird uns unter dein 25. April geschrieben: Veranlaßt durch verschiedene Artikel des „Bamberger Volksblattes", in welchen antisemitische Auslassungen enthalten waren, sowie durch einen Aufruf des Deutschen Rad- und Motorradverbandes „Concordia" dahier, in welchem zum Eintritt in die Voltswehr zum Kampfe gegen das fremde „Judengesindel" anfgefvrdert wurde, hal eine Abordnung der hiesigen Jüdischen Gemeinde, bestehend aus Herr:: Rabbiner Dr. Eckstein und dem Vorstande Justizrat Dr. Werner, heute eine Besprechung in: Ministerium des Innern nachgesucht und bewilligt erhalten. Sie hat darauf hingewiesen, daß die Beschimpfung der jüdischen Gesamtheit, wie solche früher zu Kurt Eisners Zeiten gegen die Führer der Revolution sowohl in zahlreichen Presseorganen als auch in öffentlichen Versammlungen und Anschlägen erfolgte, nunmehr auch wieder eingesetzt habe, weil einige Führer 'der kommunistischen Bewegung in München jüdischer Abstammung sein sollen. Es wurde die darin enthaltene Verallgemeinerung eines Vorwurfs und die Beschimpfung der Juden als solche als gewissenlose Verhetzung weiter Volkskreise bezeichnet; auch wurde die Befürchtung ausgesprochen, es könnte diese Bewegung weiter uiu sich greifen und zur Störung der allgemeinen Ruhe und Ordnung hier und anderwärts führen. Im Interesse der Juden Bayerns wie der Allgemeinheit und auch der Regierung selbst wurde gebeten, diesem Treiben von Regierungs wegen Einhalt zu tun und in der Oesfentlichkeit dagegen Stellung zu nehmer:. Der Minister erklärte zu den Aussührrmgen der genannten Abordnung sein volles Einverständnis und ermächtigte dieselbe, die Oefsentlichkeit davon zu verständigen, daß die Regierung die gekennzeichnete antisemitische Bewegung entschieden mißbillige und nicht nur durch Einwirkung aus die Presse, sondern auch durch sonstige ihr geeignet erscheinende Maßnahmen baMen einzusthreiten versuchen werde. Es freut uns, sowohl im.Interesse unserer jüdischen Mitbürger als auch der Allgemeinheit, daß dieser Schritt unternommen wurde und zum vollen Erfolge führte. * Aus Kölnwird uns geschrieben: Der „D e u t s che Schutz- und T r u tz b u n d" verbreitet die Nachricht, daß die deutschen Mädchenschulen in Saarlouis es abgelehnt haben, bei den: Einzüge des Marschalls F o ch einen Begrüßungsspruch auszusagen.. „Einzig und .allein die jüdische Mädchenschule hat sich dazu bereit gefunden. Die anderen haben den Stolz ihres Deutschtums, durch ihre Weigerung bekundet und bestätigt." Diese Nachricht, die von den antisemitischen Zeitungen eifrig nachgedruckt wird, ist eine L ü g e. I u S aarlvuis g i b t es k e i n e j ü d i s ch e M ädche n s ch u l e.. Dagegen -wollen wir dem „Deutschen Schutz- und Trutzbund" verraten, daß in ganz Sträßburg nur ein einziger Geistlicher es war, der es ablehnte, an den Empfangsfeierlichkeiten für den französischen Sieger teilzunehmen, und daß dieser einzige aufrichtige Mann — der Oberrabiner von Straßburg war. * Unter der Ueberschrift „Die Untersuchungskommission in Pinsk" wird dem K. f.'d. O. aus Warschau, 20. April, berichtete Die von: polnischen Landtag eingesetzte Nntersuchungskvminission, die bereits behufs Untersuchung der blutigen Ereignisse in Pinsk eingetroffen war, mußte infolge der christlichen Feiertage ihre Tätigkeit unterbrechen und nach Warschau zurückkehren, wo sie gestern abend anlangte. Am Donnerstag begibt sie sich wieder nach Pinsk. Einzelheiten über die Ergebnisse der bisherigen Ausforschung können noch nicht zur Veröffentlichung gelangen. Die Pinsker jüdische Bevölkerung glaubt zuversichtlich, daß die Untersuchung die Wahrheit zutage fördern und die Grundlosigkeit der polnischen Verleumdungen und' Anschuldigungen beweisen werde. Vorläufig wurden u. a. außer der genannten Zahl der durch das polnische Militär Ermordeten noch andere zehn Opfer sestgestellt, deren Namen bekanntgegeben werden. Das Kommissionsmitglied Abgeordneter Prilucki erklärte in einer im jüdischen „Zentral-Theater" stattgefundenen Massenversammlung, daß die Ausforschung mit aller Energie vor sich gehe und zu der Hoffnung berechtige, daß sie bald die volle Wahrheit über die- Bluttat ans Licht bringen werde. Ein in Warschau eingetroffener Augenzeuge der Pinsker Greuel berichtet über die näheren Umstände der blutigen Vorgänge folgendes: Die Beratung im „Bet-Am" (jüdisches Valkshans) fand mit Erlaubnis des Stadtkommandanten statt und wurde bereits mehrere Tage zuvor öffentlich angekündigt, so daß sie kein Geheimnis war,.. Ortsansässige Judenfeinde verbreiteten das Gerücht, im Volkshaus wären 16. Gewehre und ein Maschinengewehr vorgefunden worden., was jedoch nicht der Fall war. Es wurden 140 Personen verhaftet, zumeist ältere Leute und Zionisten. Es waren stadtbekannte Persönlichkeiten, Politiker, Kausleute, Apotheker, Lehrer, Buchhalter und Studenten. Aus den 140 Verhafteten wurden ohne jede Untersuchung 47 herausgezogeu, die Jüngste:: (bis zu 35 Jahren), die bald darauf erschossen wurden. Einige der Berhasteten verfielen dem Wahnsinn. Unter denen, die erschossen.werden sollten, befand sich auch der 60 Jahre alte geachtete hebräische Ortslehrer Himmelmann, ein Familienvater von mehreren Kindern. Auf sein Flehe:: um'Mitleid wurde er von den Soldaten frei gelassen. Auch er ist wahnsinnig geworden. Es wurden noch andere zehn Juden erschossen, die zufällig die Straße passierten. Die Erinordeten wurden ans die Wagen der zwangsweise herbeigeholten jüdischen Fuhrleute geladen und in einen: abseits liegenden Massengrab auf dem jüdischen Friedhof beerdigt. Tie Trauer in der Stadt ist unbeschreiblich.. Die jüdischen Geschäfte sind geschlossen. Niemand darf Pinsk verlassen, noch in die Stadt 'kommen. * Einem Bericht des Kopenhagener Zionistischen Bureaus über den Pinsker Jüdenmord entnehmen wir folgende Notiz: Alle Synagogen sind geschlossen. Tie jüdische Bevölkerung wird zu Zwangsarbeiten'geschleppt, wobei viele junge Leute erschossen werden. Die polnischen Militärbehörden belegten die - Jüdische

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