Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1919)
- Date
- 1919-05-09
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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m Sir Woche. Berlin, 5. Mai. ie erste Zusammenkunft der Friodensdelegierten in Versailles. DiePrüfung d e r. V o l l in a ch t e n. Versailles, 1. Mai. (W. T. B.) Im Laufe des gestrigen Tages war dem Grafen Brockdorsif-Rantzau tut Aufträge unserer Gegner telephonisch mitgeteilt worden, daß heute mittag 12 Uhr im Hotel Trianon die Kommission der alliierten und assoziierten Regierungen zur Prüfung der Vollmachten eintreffen würde, und daß der Graf aufgefordert werde, sich dort mit den deutschen Vollmachten einzufinden. Ter Graf ließ erwidern, daß er die deutsche Kommission zur Prüfung der Vollmachten, 'bestehend aus dem Reichsjustizminister Landsberg, dem Generalkommissar Direktor der Rechtsabteilung der deutschen Friedensdelegation Simons und dem Justitiar des Auswärtigen Reichsllrinisteriums Geheimrat Gaus, beauftragt habe, zwecks Prüfung der beiderseitigen Vollmachten zur angegebenen Zeit int Trianon zu sein. Daraufhin kam heute mittag die amtliche telephonische Mitteilung, daß der Präsident der gegnerischen Prüfungstomntifsion Botschafter Jules Camüon den Grafen Brockdovff-Rantzau bitte, selbst kommen zu wollen. Außer Cankbon würden Bonar Law für England, Henry White für Amerika und Matsui für Japan zugegen fein. Da diese Herren sämtlich gleichzeitig Delegierte sind, gab der Graf die Antwort, er werde die deutsche Kommission persönlich einführen. Tie Zusammenkunft fand hellte nachmittag um 3 Uhr 15 Minuten im Hotel Trianon statt, und zwar in ausgesucht korrekten Formen lind unter voller Wahrung der Gleichberechtigung und Gegenseitigkeit. Graf Brockdvrff-Rantzau, die Mitglieder der Prüfungskommission llud Justizrat Schauer als Dolmetscher wurden bei ihrer Ankunft zu den Delegierten der Gegner geleitet. Botschafter Cambon begrüßte sie mit einer Ansprache etwa folgenden Inhalts: Herr Graf! Wir haben Sie gebeten, hierherzukommen, um die Vollmachten der deutschen Delegierten von Ihnen in Empfang zu nehmen. Unserseits werden wir Ihnen die Vollmachten der Vertreter der alliierten und assoziierten Regierungen übergeben. Wir werden Ihre Vollmachten Prüfen, Sie werden mit unseren Vollmachten das gleiche tun. Einige unserer Vollmachten fehlen noch, etwa von zwei bis drei Staaten; sie werden demnächst Nachfolgen. Graf B r o ck d o r f s - R a n tz a u erwiderte in deutscher Sprache: Ich habe die deutsche Prüfungskommission beauftragt, die Vollmacht zu übergeben. Ich stelle Ihnen hiermit den Vorsitzenden der Kommission, Reichsjustizminister Landsberg, vor. Der Minister Larlidsberg stellte hierauf die übrigen Mitglieder der Kommission und Herrn Schauer vor. Herr Cambon stellte seinerseits die ihn begleitenden Vertreter der Großmächte vor, nämlich Lord Hardinge statt Bonar Law sür England, Henry White und Matsui. Er bat dann um die Vollmacht. Graf Brockdorff-Rantzan veranlaßte Herrn Minister Landsberg, die inzwischen von Geheimrat Gaus bereitgehaltene Vollmacht Herrn Cambon zu übergeben, der wiederum die Vollmachten unserer Gegner- Herrn Gaus einhärrdigen ließ. Unter den der deutschen Prüfungskommission vorliegenden Urkunden fehlen die von Italien, Kostarika und Montenegro. Die Vollmacht Serbiens ist im Namen des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen ausgestellt; auf der anderen Seite sind Vollmachten vorgelegt sür Bolivien und Peru, die uns nicht den Krieg erklärt, sondern ymx die Beziehungen mit uns abgebrochen haben, und von dem arabischen Staate Hedschas, der uns weder den Krieg erklärt hat, noch von uns als selbständiger Staat anerkannt ist. Die Vollmachten von Hodschas werden wir nur unter dem Vorbehalt annehmen können, daß die Beziehungen zwischen diesem Staat und der Türkei in einer von unseren ehemaligen Bundesgenossen anerkannten Weife geklärt werden. Ter Inhalt der Vollmachten ist -sehr mannigfaltig. Eine vorläufige Prüfling hat ergeben, daß sie die Delegierten als ausreichend beglaubigt erkennen lassen. Die Unterschiede bestehen hauptsächlich in dem Vorhandensein oder Fehlen ausdrücklicher Vorbehalte wegen einer Ratifikation durch den Souverän oder die Parlamente oder einer Zustimmung der Regierungen und Staatsoberhäupter. Bekanntlich hatte Clemeuceau in feinenr zwecken Telegramm gefordert, daß die deutschen Delegierten die gleiche Vollmacht haben müßten wie die Delegierten her alliierten mib assoziierten Mächte. Jedenfalls findet sich für den Inhalt der deutschen Vollmacht irgendein Vorbild unter den Vollmachten der Gegner, so daß auf die Anerkennung der deutschen Vollmacht gerechnet werden darf. Die Vollmacht der deutschen Delegation ist eine Generalvollmacht. Die Ueberreichung des Friebensvertrags ist bis heute noch .nicht erfolgt. Man nimmt an, daß die Verzögerung der Ueberreichung eine Folge der Abwesenheit der Italiener ist. Nach -den neuesten Meldungen aber treffen Orlando und Sonnino am Mittwoch wieder in Paris ein, und eine weitere Meldung des W. T. B. vom 5. Mai lautet: Ans die Anfrage der deutschen Delegation, wann das Fried-ensdokument überreicht werden würde, ist heute nachmittag die Antwort eingegangen, das; die Ueberreichung am Mittwoch, den 7. Mai, nachmittags 3 Uhr, im Trianon-Palace-Hotel stattfinden werde. Die nächsten Tage werden also die Entsechidung über Deutschlands Schicksal der Welt zur Kenntnis bringen. * Wie die politische Tagespresse meldet, sind als' Finanzsachverständige von der deutschen Regierung Herr Dr. M o s l e r, Direktor der Dresdener Bank in Berlin, und Herr Oskar O p p e n h e i m er , Inhaber des Bankhauses Lincoln Menny Oppenheimer in Frankfurt a. M., nach Versailles berufen worden. Ferner wird gemeldet, daß auf Vorschlag der preußischen Regierung Tr. Iaffo aus Posen zum Sachverständigen sür Ostsragen in der Friedenskonferenz ernannt worden und bereits nach Versailles abgereist ist. * Unter dem Titel „Zur Berufung Strucks in die Friedensdelegation" bringt die Nr. 3 der „Mitteilungen des Syndikus des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" folgenden Artikel: Zu Mitgliedern des Großen Ausschusses der Friedeusdelegatiou waren seinerzeit Professor Sobernheini als Dezernent für jüdische Angelegenheiten im Auswärtigen Amt, Herr Lichtheim von den Zionisten, Herr Pinchas Cohn von den Orthodoxen und Herr Geheimrat Fuchs berufen worden. Die Bestätigung dieses Herrn ist vor fitrgem erfolgt. Run hat die deutsche Regierung tn den 3m* Ausschuß, der nach Paris geht, als einzigen jüdischen Vertreter, neben je einem Vertreter -der evangelischen und katholischen Religion, den Misrachist Struck delegiert. Es mag vom deutschen Standpunkt ans zu verstehen sein, daß man einen Zionisten seiner internationalen Beziehungen wegen bevorzugt hat, aber die Interessen der nationaldeutschen Juden werden bitrd) einen Zionisten - - gegen die Persönlichkeit Strucks ist im übrigen nichts einzuwenden mtu unvollkommen vertreten werden. Um diesen Gesichtspunkt zur Kenntnis der deutschen Negierung zu bringen, hat Geheimrat Fuchs das nachstehende „Memorandum" an den Grafen v. Brockdorsf-Rantzau gerichtet: „Euer Erzellenz beehre ich mich folgendes vorzutragen: In den Sachverständigenausschuß der Friedensdelegation ist aus den Reihen der deutschen Inden nur ein Vertreter der zioniilrscheu (misrachistischcn. d. h. orthodoxen) Richtung gewählt wordeu. Die im „Verbände der Deutschen Judeu" und im „Central-Vereiu deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" organisierten Inden, die in ihrer überwältigenden Mehrheit nicht jüdisch-national (Zionistisch), sondern national-deutsch sind, befürchten, daß Hieralls eine Schädigung ihrer jüdischen und vaterländischen Interessen erwachsen tonnte. Als der Führer des 200 000 Mitglieder umfassenden Central-Vereins und zugleich als der von der „Vereinigung jüdischer Organisationen Deutschlands zur Wahrlmg der Rechte der Jllden des Ostens" (Vjod) vorgeschlagene Sachverständige für die Vertretung der Interessen der nationaldeutschen Juden erlaube ich mir die Bttte, and) einen der Unsrigen zll oen Friedensverhandlungen zlizuziehen und entweder den „Verband der Deutschen Juden" oder den „Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" um die Präsentation eines Vertreters der national-deutschen Juden zll ersuchen. Ich kann mir denken, daß sich die Reichsregierung bei ihrer Auswahl von dem Gedanken hat leiten lassen, es habe ein Zionist bessere Fühlung mit den zionistischen Inden der anderen Länder. Indessen