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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-05-09 · Heft 19 (9.5.1919) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 19 (9.5.1919)
Date
1919-05-09
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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KL. Jahrgang. Nt. 19 Berlin, 9. Mai 1919 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementS'Preis: durch den Buchhandel oder die pyst (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 5 Rl. — Postscheckkonto 52H. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 4S-4S Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße H6-H9, zu richten, Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Religion. Von Sladtrabbiner Tr. Veh re n s (Güttingen). IflUJUU. — Die Woche. — A. Herbst. Von — Israels Aufenthalt in Aegypten (im Rahmen der ägyptischen Geschichte). Von Rabbiner Dr. Zloersti (Insterburg). — Ein Ehekontrakt vor 100 Jahren. Von Ida Basch-Zachart. — Graf Cobenzl und die Inden. Von I. B. Münz. - Feuilleton: Jedem das Seinige. Roman von M. Pulvermann. — Literarische Vtitteilungen. — Sprechsaal. Der Gerrrenr-evote (Beilage zur „Allgemeinen Zvitung des Judentums"): Berlin, Tilsit, Beuthen O.-S., Posen, Crone a. d. Br., Kolberg, Köln, Essen, Stuttgart. Warschau. — Von Roh und gern. OkttgilM. Vvn Ttadtraübiuor Dr. B c h r c n s lGöttingen). 3ur Verbrüderung ward einst die Religion berufen, als Himmelstochter stieg sie zu den Menschen herab, als Inbegriff ihres Sehnens, Ahnens und Verlangens. Dennoch scheidet sie die Geister durch das Bekenntnis, das ihre Formen bindet. Zu,m Kampf rief sie ihre Getreuen von Geschlecht zu Geschlecht, der geschärft ward durch den Glauben an die Ideale, durch die Ehrfurcht vor den erhabenen Zielen und Aufgaben der Menschheit. Solange wir die Unterschiede, die in dieser Welt walten müssen, in ihrer üppigen Mannigfaltigkeit nicht auslöschen können, so lange werden wir die Gegensätze nicht verwischen können, die - mit uns geboren — ihr geschichtliches Recht behaupten. Wie die Entwicklung verlaufen wird, vermag niemand zu sagen. Ob eine Angleichung auseinanderstlebender Gewalten und Geistesmächte möglich und zu wünschen ist, ist letzthin eher ein Streit der Meinungen, der Stimmung der Zeiten entspringend, und nicht entscheidend für Wert und Werk der Religion. Die vornehmste Tugend, in der sie verwurzelt ist, die Treue, übt und gewährt sie ihren Anhängern, die dem natürlichen Verlaus ihrer Linie Nachfolge leisten. Ihr Wesen sucht sie darum nicht so sehr in den Unterscheidungsmerkmalen, die auf die Eigentümlichkeiten der einzelnen Formen und Erscheinungen sie verweisen, als in der Kraft, Bedeutung und Leistung, wie sie in dem eigenen Kreise sich aufzeigen lassen. Zum Spielball der Parteien, zum Schlachtruf tiefgreifenden Zwistes und Haders erkoren, läuft sie Gefahr, an Weihe und Heiligkeit einzubüßen in den Reihen ihrer Getreuen, die leichtlich zum blindlings handelnden Uebereifer wandeln ihre Liebe: Verirrungen, vor denen gerade ihr wohlverstandenes Wesen uns bewahren sollte. Tief grabt sie ihre Spuren, ihre Wurzeln in das Menschenherz, aus dessen tiefinnerstem, gewaltigem, erschütterndem Erleben ihr Gold sie schürfen muß. Ueber die Bitternisse und Mühen des Alltags läßt sie ihre verklärenden Strahlen gleiten, über die Wehmut, die Vergänglichkeit des Augenblicks breitet sie den Schleier ewiger, unsterblicher Wahrheiten. Aus den Zweifeln, die uns bannen, aus den Sorgen, die uns gefangennehmen, erhebt sie den Geist zu dem Glauben an die Kraft, die schöpferisch über uns waltet, fesselt sie den Blick durch das Ideal, das hienieden Zeit und Raum überwindend sich verwirklichen soll. Sie läßt den Sonnenglanz der Heiligkeit und der Weihe in das bange Gemüt leuchten, sie belebt die bekümmerte Seele durch das Gotteswort, das erfrischend und verjüngend, erneuernd und festigend den irdischen Weg zu bestimmen, zu beeinflussen vermag- Nicht an der Vergangenheit nur haftet das Auge; mutvoll der Zukunft entgegenzuschreiten und ernst den Willen zu betätigen allen Hemmnissen zum Trotz, lchrt das Schicksal, das einst die Kraft messianischer Verheißung erschuf. In ihren Händen birgt die Religion den Frieden des Herzens, die innere Geschlossenheit der Persönlichkeit, die Festigkeit des Charakters, die Halt und Sicherheit gewähren in den Wandlungen des Lebens- Diese köstlichen Kleinodien erheben zur Ehrfurcht gegen den Menschen, gegen seine Würde, Gesinnung und Leistung, zur werktätigen Nächstenliebe, zur sozialen, schöpferischen Arbeit den Willen des einzelnen, steigern über menschliches Maß hinaus seine Kraft. Eine Welt des Innenlebens und des Eigenlebens tut sich auf vor dem Zauberstab der Religion, der viel verkannten, viel geschmähten Geistesmacht. Mt leidenschaftlicher Energie baut an ihrem Reich die Bibel, deren Farbenpracht und Reichtum, deren Schönheit, Eindringlichkeit und Gestaltungskraft weit über allem Lob erhaben jedem Geschlecht aufs neue sich offenbaren, wenn es nur aus diesem Born das eigene Sehnen stillen will. Auf diese Gedanken drängt uns die Gegenwart mit Sturmes Gewalt. Die Welt, die an sich selber, an Materialismus und Mammonismus sich verloren hatte, braucht neue Ideale, an denen sie sich wieder aufzurichten vermag aus dem Meer des Blutes und der Tränen. Noch immer reifen goldene Früchte an diesem unvergänglichen Baum der Erkenntnis. Wir brauchten sie nur dankbaren Sinnes zu empfangen. Es ist der Stolz des Judentums, daß es diese Ideale gelehrt und gelebt. Mag das Bild sich wandeln, unter dem sic in die Erscheinung getreten. Was will das besagen gegenüber dieser wirklichen Leistung. Daß wir der Formen nicht entraten können, bedarf nicht des Nachweises. Kann doch selbst die Hoheit des Gedankens nicht des Gewandes der Sprache entbehren. Aber die Wahrheit leidet nicht, wenn sie im Wechsel der Zeiten in andere Schleier sich hüllt. Die Grundlehren bleiben dieselben, ob auch die fortschrittlichen Gruppen des Judentums dem Geist der Zeiten Genüge tun in der Anmut und der Schönheit der Formen. Mag man uns darob schelten. Wir bleiben fest in unserer Ueberzeugung, daß unbeschadet der Verdienste anderer Religionen das Judentum in der Höhe seiner Gotteserkenntnis, in der verständnisvollen Würdigung der Religion, in der Wertung ihres prophetischen Geistes und ihrer messianischen Zukunstshoffnungen die Grundzüge seiner Lebenskraft und Lebensmöglichkeiten erblickt. Religion und religiöse Schöpfungen bedingen die Erörterung dieser Gedanken allgemeiner Richtung in breiter Oeffentlichkeit, bedingen ihre Propagierung in unseren religiös gerichteten Zeitschriften. Was man als selbstverständliches Gemeingut vvraussetzt, bedarf immer wieder nachdrücklicher Hervorhebung.

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