Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1919)
- Date
- 1919-05-02
- Page
- Seite 192 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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192 „Aus aller früheren, Literatur sehen wir höchstens - in weiter Ferne die einst so berühmten l-etlros Juives von Marquis di'Argens, dem Freunde Friedrichs des Großen, deren Halbdutzend Bände im sehr uneinheitlichen und kostüm-losen Durcheinander einer Rabbinerkorrespoirdenz nicht bloß denn Inden Bildung und Beobachtung leiht, sondern auch eine philosophisch-ethische Tendenz verfolgt und das Gebot der Nächstenliebe mit einer Anerkennung des Guten im Koran wie bei den.Nazarenern und einem frühen Kosmopolitismus vereint: 1.68 grands liommes appartiennent egalement k tous les peuples: ils sont citoyens de l’univers entier, parce qu’ils font Thonneur ä Vhumanite. Die „Jüdischen Briefe" verdienen, wie unschmackhaft das Nagout auch geworden ist, ihren Platz in der Geschichte der Toleranz. „Natban atmet mehr als Toleranz, denn bloßes Dulden kann auch ans frostiger Gleichgültigkeit oder berechnender Politik kommen: Natban atmet Liebe." Wenn daher auch in den Briefen von und an Lessing der Name von d'Argens nicht vorkommt, und wenn auch in Lessinas Werken, soweit ich leben kann (ein vollständiges Namensreaister besitzen wir nickt) der Name des französischen Schriftstellers ruckt erwähnt wird, so ist es doch wobl wichtig, auf Grund der Mau tbner scheu Angabe die „Jüdischen Briefe" als -eine, wenn auch äußerliche Quelle zu dem herrlichen Drama anzunehmen. L- G. * Aus einer tUincn jüdischen Gemeinde. Wenn unsere alten Weisen die. Mahnung aussprechen: Gebet acht auf die Kinder der Armen, denn von ihnen geht die Thora aus. so kann man dies — mutatis mutandis — auch von kleinen jüdischen Gemeinden sagen. Vergegenwärtigen wir uns das kleine Herzogtum Anhalt, in welchem unter anderen folgende hervorragende Männer des Judentums das Licht der Welt erblickt haben: Moses Mendelssohn, der deutsche Sokrates, geboren zu D e s s a u 1729, gestorben in Berlin 1786, Jsaac Marcus Jost, der Historiker der Juden, geboren m Bernburg 1793, gestorben in Frankfurt a. M. 1860, Ludwig Pbilippson, der Theologe und Publizist, der Begründer dieses Blattes, geboren zu Dessan 1811. gestorben in Bonn 1889, Gotthold Salomon, der Prediger der Hamburger Temvelgemeinde, geboren zu Sandersleben 1784 (nicht wie bei Grätz XI, S. 146: G. Salomon aus Dessau), gestorben in Hamburg 1862, H. Steinthal, der Sprachforscher und Bölkerpsyckologe, geboren zu G r ö b z i g 1823, gestorben in Berlin 1899. und zuletzt Hermann Cohen, der Philosoph, geboren zu Coswig 1842, gestorben in Berlin 1918. Diese kleinen Gemeinden, in denen früher reges religiöses Leben pulsierte, sind (abgesehen von Dessau und Bernburg, die Nabbinatssitze aufweisen) auf eine winzige Anzahl Gemeindemitglieder zusammengeschrumpft. So hatte sich im Anfänge des 18. Jahrhunderts in Sandersleben, der Heimat des erwähnten Gotthold Salomon, eine jüdische Gemeinde gebildet, die nach und nach bis zu 200 Seelen anwuchs: ietzt zählt sie (nach dem Statistischen Jahrbuch des D. I. G. B.) 25 Seelen. Aus dieser Gemeinde liegen mir Aktenstücke (im Besitz des Herrn Martin Lehmann. Magdeburg) vor, die die Jahr? von 1776 bis 1864 umfassen, und einzelne von kulturhistorischem Werte sind. Es sei hier zuersterwähnt die Verfügung, die die Fürstlich Anhaltinische Negierung in Dessau unterm 21. Mai 1778 erlassen hat: sie enthält die „Vorschrift, wie die Judengemeinde zu Sandersleben das Coscher Cohel und die Kassenvorsteher zu erwählen und worinnen deren Verrichtungen bestehen sollen" — und besteht aus 13 Paragraphen, die wir nur auszugsweise wiedergeben wollen. Gemäß 8 1 „wird das Coscher Cohel jedesmal um Ostern, da die meisten Juden einheimisch zu sein pflegen, alle zwei Jahre erwählt". 8 2 bestimmt, daß bei der Wahl des Coscher Cohel die Namen aller zu Sandersleben Schutz habenden Juden, welche 10 Billets und darüber halten, in eine Büchse, auf gleiche Zettel geschrieben, eingelegt werden. Es bleiben diejenigen davon ausgeschlossen, die mit den derzeitigen Kassenvorstehern bis auf Geschwister .Kind verwandt oder verschwägert sind. Nach 8 3 werden fünf von den eingelegten Namen durch ein unmündiges dazu zu berufendes Kind gezogen, welche alsdann das Coscher Cohel ausmachen. Damit keine Zweifel oder Unrichtigkeiten entstehen, ist die Gegenwart eines Deputierten vom fürstlichen Amte dazu zu erbitten. 8 4 handelt von der Kassenführung. Die 88 5, 6, 7, 8 und 9 regeln die Steuerabgaben. Jeder Kontribuent soll verpflichtet sein „wenigstens so viel, als die Hälfte seines Vermögens beträgt, anzugeben und darauf, nach Proportion die Haltung des Billets zu übernehmen." '«Das Coscher Cohel soll auch befugt sein, die eidliche Bestärkung zu erfordern." Wenn nach dem Tode des Zensiten sich herausstellt, daß -das Vermögen nicht vorschriftsmäßig angegeben worden ist, so sollen fünf Prozent von der verschwiegenen Summe an die Gemeindekafse " entrichtet werden. Zu dem Vermögen zählten: Barschaft, Kapitalien, Waren, ausgeschlossen bleiben die Mobilien und — die Häuser. § 10 handelt von der Wahl zweier Kassenvorsteher und eines Rechnungs- Observator, „das Beste der Gemeinde, und was zu dessen Beförderung die Wahl gerichtet werde". Nach § 11 ist das Ergebnis der Wahlen den Judenältesten zu Dessau anzuzeigen und diese erstatten ihr Gutachten bei der „Hochsürstlichen Regierung". § 12 enthält Bestimmungen über die Tätigkeit der Kassenvorsteher nach der Bestätigung ihrer Wahl. Der letzte Paragraph belehrt die Vorsteher und den Observator „das Beste der Gemeinde und was zu dessen Beförderung gereichen kann, möglichst zu suchen, überall auf gute Ordnung zu halten und deshalb gemeinsame Beratschlagungen' anzustellen, auck> dafern die Sache von Wichtigkeit, noch zwei erfahrene Männer aus der Gemeinde darin zu sich zu nehmen".-„Nun sollen zwar die Vorsteher sich keiner Herrschaft und ungebührlichen Gewalt über die Gemeinde und deren Glieder anmaßen"; jedoch wird ihnen gestattet, die Namen der den Vorschriften Zuwiderhandelnden „an das Schwarze Brett zu setzen, bis deshalb das Gehörige erfolget". Jeder aus der Gemeinde, heißt es zum Schluß, soll den Vorstehern und dem Observator die gebührende Ehre erweisen und sie auf keine Art beleidigen. M. Spanier. * Eine interessante Episode ans dem Leben Güdemanns. Am 27. Juni 1866 wurde in sämtlichen Synagogen des Königreichs Preußen ein Bittgottesdienst abgehalten, und Rabbiner und Prediger hatten die Aufgabe, die Bedeutung des damaligen Bruderkrieges zu verteidigen und für den Sieg der vroutzischen Waffen zu beten. Selbstredend wurde dieser Bittgottesdienst auch in der Synagoge zu Magdeburg angeordnet. Güdemann war einige Wochen vor Ausbruch des Krieges zum Rabbiner der Gemeinde Wien gewählt und sollte zu den Herbstfeiertagen sein Amt aptreten. Da brachte ihm der Gottesdienst ein schweres Dilemma. Sollte er für den Sieg des preußischen Heeres beten und seinem Adoptivvaterland eine Niederlage wünschen? Außerdem war Güdemann ein Hannoveraner (Hildesheim) und sein 'Herz war gewiß nicht den Preußen zugetan. Der Gottesdienst fand unter Beteiligung der ganzen Gemeinde stattnur der Rabbiner blieb zu Hause! Bei Gelegenheit seines 80. Geburtstages erinnerte ich meinen Landsmann, mit welchem ich öfters in Briefwechsel stand, an diese Episode, und er schrieb mir zurück, wie interessant ihm diese Erinnerung war. Lion Wolfs (Tempelburg). Vüchrrrinlauk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Ueber Friedrich und Dorothea Schlegel. Bon Professor Dr. Heinrich Finke. Köln, 1918. Konrnriifionsverlag und Druck von I. P. Bachem. Die Trennung von Staat und Kirche und das Judentum. Herausgegeben vom Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands. Dr. Dinters Hetz- und Schmährede gegen die jüdische Religion mit Widerlegung von Dr. Wiesen, Landrabbiner in Eisenach. Separatabdruck aus der „Eisenacher Tageszeitung". Eisenach, 1919. I s m a e l. Beilage zum Briese von der Auferstehung der Toten und der Aufrichtung des Reiches Israel. 1. Teil. Barmen, Buchhandlung der Deutschen Buchmiffion. Schlesien. Ein Bekenntnisbuch. Herausgegeben vom Schlesischen Bund für Heimatschutz. 1919. Die Krise der Wiener Judenschaft. Bon Prof. Dr. Samuel Krauß. Wien, 1919. Druck 'der Oesterreichischen ZeAungs-- und Druderei -A ktiengesellschast, Wien III. Bia-l.ik. Nach dem Programm von M. N. Aus dem Hebräischen übersetzt von Abraham Schwadron. 1919. R. Löwit Verlag, Wien-Berlin.