Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1919)
- Date
- 1919-05-02
- Page
- Seite 191 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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191 nicht neidisch und mißgünstig. Im Gegenteil, ich bin froh, daß ein großer Wohlstand bei unserem Volke vorhanden ist- Das Geld hat ja immer eine Waffe gebildet, mit dem wir den Ansturm unserer Feinde abwehren konnten. Auch jetzt wäre es mehr als Torheit, die Macht des Goldes nicht anerkennen zu wollen. Es hat einen guten 'Klang und vermag manche Disharmonie im Leben auszugleichen. Soweit dies also in Betracht kommt, habe ich alle Achtung vor Ihnen, Herr Burger; zumal ich mir stets bewußt bin, daß das Genie sich nicht nur durch Meißel, Pinsel oder Felder bekundet. Gold ist ebenfalls gemünzter Verstand." Burger lachte wieder. „Das haben Sie sehr schön gesagt- Sie sind wirklich nicht auf den Kopf gefallen. Sie sehen ein, daß >Sie mit den Krallen nicht zum Ziele kommen, darum wollen Sie es jetzt mit den Sammetpfötchen versuchen. Stimmt es?" „Sie irren sich abermals!" rief Klaßner mit glühenden Augen. „Ich habe nicht die geringste Neigung, Ihnen zu grollen oder zu schmeicheln. Wie ich Ihnen bereits gesagt, werde ich Alice Mahlow heiraten: damit hören ja alle Beziehungen zwischen Ihnen und mir vollständig auf. Ich wollte vorhin nur andeuten, daß, weil das Gold Ihnen eine gewiffe Macht und dadurch ein gewisses Recht verleiht, es doch nicht mehr als billig ist, daß Sie auch gewisse Pflichten übernehmen. Meinetwegen genießen Sie bis zum Ueberdruß, verschaffen Sie sich alle Freuden und Vergnügungen, die für Geld käuflich sind: aber suchen Sie nicht die ganze Welt zu beherrschen und jeden Ihre Macht fühlen zu lassen. Glauben Sie nur nicht, mit Ihrem Gelde auch die geistige Selbständigkeit anderer unterdrücken zu können! Sie glauben schon alles getan zu haben, wenn Sie von Ihrer reichgedeckten Tafel hin und wieder dem Hunde auch einen Knochen hinwerfen. Oder haben Sie schon jemals versucht, sich zu der Höhe Ihrer Verpflichtungen, Ihrer Verantwortlichkeit aufzuschwingen? Ist Ihnen denn schon jemals der Gedanke gekommen, daß Sie nur dann Ihren eigenen Fortbestand sichern, wenn Sie auch die Welt um sich bestehen lassen?" (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Geschichte der freien Stadt [fra n kfurt a. M. (1 81 4 — 18 6 6). Von Richard Schweiner. Im Aufträge der Städtischen Historischen Kommission. Dritter Band, II. Teil, Frankfurt a. M., Joseph Baer & 1918. In dem vorliegenden Band, mit dem ein wichtiges, aufschlußreiches Werk zum Abschluß gelangt, wird der Juden verhältnismäßig wenig gedacht. Ende 1851 wurde (S. 33) der Vorschlag gemacht, daß die Juden weder in den Senat kommen, noch an der gesetzgebenden Versammlung teilnehmen dürfen. Zwei Jahre später wurde ein organisches Gesetz vorgeschlagen und angenommen, das den Juden das aktive n-nd passive Wahlrecht zurückgab. aber bestimmte, daß nicht mehr als vier Israeliten in die gesetzgebende Versammlung kommen sollten, und weiter festsetzte, daß den Israeliten die Senatorenstellen, die Bürgerrepräsentation, die Richterstellen und alle Aemter. die mit der Verwaltung christlichen Eigentums zu tun hatten, verschlossen sein sollten. Nachdem im Jahre 1863 Lassalte ausgetreten war und nicht in direktem Zusammenhang damit, sondern bedingt durch das Aufkommen freisinniger Grundsätze überhaupt, die Liberalen in Frankfurt zur Herrschaft gekommen waren, wurde noch in demselben Jahre eine Verfassung beraten, in der die staatsbürgerliche Gleichstellung der Israeliten und Landbewohner durchgeführt werdensollte. Da heißt es (S. 211): „Daß bei dem Ueberwiegen des Judentums in der gesetzgebenden Versammlung sein Vorschlag angenommen werden würde, das konnte nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, und die Annahme, nnh zwar die einstimmige, erfolgte dem: auch zugleich am 16. September 1864. An der öffentlichen Abstimmung, die am 3. und 4. Oktober stattfand, beteilig,ten sich allerdings nur 920 Stimmberechtigte." Wieso es möglich war, daß trotz des Gesetzes von 1853, wonach nur vier Juden in die gesetzgebende Versammlung gewählt werden durften, das jüdische Element überwog, ist mir nicht klar geworden. Von einzelnen Juden wird nur einmal Börne zitiert, gelegentlich auch ein Brief Ludwig, Bamb-ergers angeführt, nach welchem Frankfurt in nationalem Sinne bearbeitet werden sollte. Bei der Darstellung der ersten Preußischen Zeit wird mehrmals des Bankiers Rothschild gedacht, der schon bei den Emanzipatwnsbestrebungen des Jahres 1853 eine Rolle gespielt hatte. Das eine Mal werden zwei Audienzen Rothschilds behandelt, in denen es sich um die Frankfurt auferlegte Kontribution handelt (S. 394). Das andere Mal wird kurz von der Wahl Meyer Karl v. Rothschilds zum Abgeordneten Frankfurts zur Norddeutschen Bundesversammlung berichtet (S. 450 ff.). Das Buch ist politisch freisinnig geschrieben nicht gerade von besonderer Sympathie zu Preußm erfüllt, aber ohne besonders starke Animosität. Als'ein Mangel des Buches möchte ich hervorheben, daß das geistige und das Kulturleben unendlich wenig berücksichtigt wird. Das ist ein Grundfehler, denn die Geschichte einer Stadt ist doch clbeit nicht bloß politisch, sondern auch geistig. Und gerade Frankfurt darf den Ruhm in Anspruch nehmen, für das geistige Leben seiner Bewohner viel getan zu haben. Nicht einmal die Frage über die Errichtung einer Universität in Frankfurt, die gerade im Jahre 1867 sehr drängend war, wird eingehend dargestellt. Trotzdem darf man das Buch wegen seiner gründlichen und authentischen Belehrungen als 'eine wackere Arbeit willkommen heißen. L. G. Mjs?k1lru. Eine unbekannte Quelle von L-essings „Nathan". Fritz Mauthner sagt tu seinen „Lebenserinnerungen" (München 1918), Band I, 3. Anhang, S. 297, Amu.: „Ich erwähne die Jüdischen Briefe" des Marquis d'Argens hauptsächlich darum, weil ich (im 53.) eine Stelle gefundenzu haben glaube, die wohl mit zu den äußerlichen Quellen voll Lessings „Nathan" gehören dürfte. Nach d'Argens hätten tun das Jahr 1600 die Muftis von Jspahan ihren Soft Schach Abbas aufgefordert, die Vorschriften des Koran anzu wenden: die Juden müßten entweder die Lehre Mohammeds annehmen oder ausgerottet w-erd-en. Der Soft ließ die Juden kommen und befragte sie zu ihrer nicht geringen Verlegenheit nach ihrer Meinung über Mohammed. Sie antworteten ausweichend, mußten zwei Millionen Gold zahlen und dann noch die Zeit bestimmen, binnen welcher ihr Messias kommen müßte. Als sie in ihrer Bestürzung antworte teil, das könnte jeden Tag geschehen, gab ihnen der Sofi 70 Jahre, nach deren Ablauf, wenn der Messias nicht käme, sie als Betrüger entlarvt und zu verjagen wären. (Ich vermute, daß diese Drohung das Auftreten des Sabbatai beeinflußt hat.) Sollte cs ein Zufall sein, daß schon auf dem nächsten Blatte der „Jüdischen Briefe" unter den Rabbinern au§ dem ersten Gefolge des Sabbatai J'wi als der Angesehenste ein Jude genannt wird, der für sehr tugendhaft und vornehmlich sehr demütig gehalten wurde und den Namen „Nathan" trug? Ein kleiner Irrtum ist Mauthner unterlaufen. Im 53. Briese der von mir benutzten Ausgabe (Lausanne und Gens 1738) steht die angeführte Stelle nicht, sondern im 54. Auch den Namen Nathan habe ich in dem unmittelbar 'folgenden- Briefe nicht finden können, setze aber in die Mitteilung Mauthners keinen Zweifel. Wenn übrigens Mauthner bei dieser Gelegenheit sagt: „Ich lege auf solche Dinge keinen Wert, weil sie den Schatz nicht mehren können", d. h. wenn er solchen Quellenfeststellungen keine Bedeutung beimißt, so kann ich ihm nicht ganz recht damit, geben. Derartige Quellennachweisungen haben immer einen gewissen Wert, weil sie uns einigermaßen in die Werkstatt eines Dichters schauen lassen. Man muß nur Nachweisen können oder wahrscheinlich machen, daß der Dichter den betreffenden Schriftsteller gelesen hat. Ties ist mm in unserem Falle ganz sicher. Erich Schmidt in seinem Buche über „Lessing", Band I. S. 91, nennt die Iwttres Juives als Quelle zu einer tteluen Lessingscheu Dichtung „Der Eremit", und derselbe in dem genannten Werke, Band II, S. 556, spricht von unseren Briefen zwar nicht als Quelle für den Stoff, aber für die Tendenz. Die letztere Stelle lautet: