Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1919)
- Date
- 1919-05-02
- Page
- Seite 190 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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II 190 mm y y t;' ||! IkÄrm das Srinige. (39. Forts.) . Roman von M. P u l v e r m a n n. n jedem Falle merkte sie, daß sie die Sache doch ein \ wenig übertreibt, und mm brennt sie lichterloh vor Zorn und Wut, daß ich sie beim Wort genommen und die etwas ausgedehnte Verlobungsperiode nicht gewaltsam abzukürzen versuche. Was war nun die Folge? Vorigen Sonnabend kommt sie selbst zu mir, ans eigenem, freiem, süßem Antrieb, um mir zu sagen, wenn ich die Gewogenheit haben wollte, mich noch einige Tage zu gedulden, dann wird auch sie die große Gewogenheit haben, den Freudentag unserer Hochzeit endlich zu bestimmen." „Haben sich die Tatsachen wirklich so zugetragen, wie Sie es mir eben erzählt?" fragte Klaßner dreist. „Alter Freund, was soll das heißen?" „Ich möchte gern wissen, ob die Tatsachen sich wirklich so mgetragen haben, wie Sie mir eben erzählt," wiederholte Klaßner. -Ihre Frage habe ich schon das erste Mal verstanden, nur wollte ich mich vergewissern, ob Sie wirklich die Dreistigkeit . . . Sagen Sie selbst, Klaßner, ist das nicht eine komische Frage?" „Nein. Es ist sogar eine sehr ernste." „Das mag schon sein: aber um deutlicher zu sprechen: ich bin mir immer noch nicht klar, warum Sie sie eigentlich gestellt?" „Weil ich alle Ursache habe anzunehmen." erwiderte Klaßner. Burgers gespanntem Blick mit Offenheit begegnend, „daß Fräulein Mahlow nicht aus freien: Willen, wie Sie anzunehmen belieben, sich entschlossen, den Hochzeitstag zu bestimmen, sondern daß es auf Drängen ihrer Mutter geschah, das einem Zwange sehr ähnlich war." Burgers Augen wurden starr. „Lieber Freund, ob das nun zutreffend ist oder nicht, so kann ich nicbt ein sehen, welchen Unterschied das für Sie machen kann. Verzeihen Sie nur, daß ich etwas scharf zu Ihnen svreche." 'Klaßner erwiderte: ..Weil ick es Ihnen beibringen will, daß Sie nicht nur setzt, sondern schon die ganze Zeit über unaufrichtig gehandelt; schon damals, als Sie sich die erzwungene Zustimmung des Mädchens zu ibrer Verlobung mit Ihnen nicht eingestehen wollten und zu Ihrem persönlichen Vorteil ausgenutzt. Natürlich lag nichts Strafbares darin, daß Sie sich in das Mädchen verliebten und bestrebt waren, es zu Ihrer Frau zu machen. Es war auch nichts Strafbares in Ihrer Hoffnung und Erwartung, daß die Gefühle des Mädchen im Laufe der Zeit zu Ihren Gunsten sich gestalten würden. Da aber diese Hoffnung sich nicht erfüllt, obwohl Sie ein ganzes Jahr sich darum bemüht und darauf hingewirkt, finde ich es unbegreiflich, wenn nicht im höchsten Grade ungerecht und verwerflich. daß Silk, ein Manu in Ihrer Stellung und von Ihren Fähigkeiten, sich dazu heraeben. eine solche unrühmliche Rolle aegen ein wehrloses Mädchen zu spielen und hinter Frau Mahlows Schürze sich zu verstecken. Ich kann auch nicht für einen Augenblick annehmen, daß Sie Ihr Geschäftsprinzip auch bei Ihrer Verlobung Ihrer Braut gegenüber anwenden wollten. Es ist doch auch das häusliche Zusammenleben mit einer Frau zu berücksichtigen, die nicht aus freiem Willen Sie zu ihrem Gatten erwählt. Nach meiner Ansicht gibt es nur einen Weg, wenn Sie sich selbst wiederfinden wollen: Geben Sie das Mädchen frei!" Eine tiefe Röte überzog Burgers Gesicht, die sich auch bald über seinen kahlen Schädel ausdehnte. Aber abgesehen von diesem Anzeichen innerer. Erregung, blieb er ruhig und gelassen. Seine Fähigkeit zur Selbstbeherrschung, durch Klaßners Anspielung auf sein Geschäftsprinzip noch verstärkt, kam bei ihm jetzt zur vollen Geltung. Als er das Wort ergriff, klang seine Stimme fest, nur seine Worte waren etwas rätselhaft, verschleiert. „Gesetzt den Fall, daß ich sie freigebe, was geschieht oann?" „Dann werde ich sie heiraten." „Das werden Sie gefälligst bleiben lassen! Wer hat es übrigens Ihnen gesagt, daß sie Sie heiraten wird?" * „Alice!" „Wirklich?" fragte Burger scheinbar noch immer ruhig wie vorhin. „Ich weiß zwar nicht für was Sie oder sie mich halten: in jedem Falle aber werde ich so frei sein, um auch jetzt mein Losungswort anzuwenden, von dem ich Ihnen damals gesprochen und das lautet: .Was ich habe, das halte ich!" Erinnern Sie sich noch daran?" „Und mit Ihrer Erlaubnis werde ich mir den Nachsatz Ihres eigenen Losungswortes zur Richtschnur nehmen,, und das lautet: -Was ich.nicht habe, das werde ich erhalten!'" erwiderte Klaßner. „Das Wort schenke ich Ihnen zur freien Verfügung, doch das Mädchen werde ich behalten. Ich habe es ja immer gesagt, daß die so ruhig scheinenden Habenichtse den Teufel im Leibe haben. Sie aber, Klaßner. scheinen zehn Teufel im Leibe zu besitzen. Sie gefallen mir, darum will ich Ihnen einen guten Rat geben. Seien Sie nicht töricht und hängen Sie Ihre Federfuchserei, für zehn Pfennig pro Zeile, an den Nagel. Gehen Sie in die Geschäftswelt, unb mit Ihrer — verzeihen Sie den Ausdruck - mit Ihrer unverschämten Dreistigkeit werden Sie bald Millionär sein. Oder fehlt Ihnen vielleicht gar das Bewußtsein für Ihre Dreistigkeit, wenn Sie von einem Manne in aller Seelenruhe verlangen, daß er seine Braut aufgibt, weil Sie dieselbe heiraten wollen?" Er fuhr sich mit dem seidenen Taschentuch über die feuchte Stirn. „Ick wußte aanz genau, welche Ausgabe ich mir gestellt. alK ich zu Ihnen kam, falls Ihre Bemerkuna dahin zielen sollte, daß ich nicht bei vollem Verstände bin." rief Klaßner, den iene Worte in Gärung versetzt batten. „Ich werde sogar Ibr Kompliment über mein forsches Draufgängertum gern annehmen, weil es mich als einen Menschen bezeichnet, bei dem man es sich zweimal überleaen sollte, ehe man mit ihm anbandelt. Und setzt, da wir beide genau wissen, wie wir miteinander stehen, will ick Ihnen im auten Glauben, ohne Hinterhalt saaen. daß ick es bin, der Alice Mahlow heiraten wird und nicht Sie. Ich weiß Zwar nickt, wie ich Ihre Anspielung auf meinen Beruf auffassen soll, aber daran lieat mir sehr wenig. Nur will ich die günstige Gelegenheit, die sich mir hier bietet, nicht vorübergehen lassen, bevor ich Ihnen und Menschen Ihresgleichen gezeigt, daß Ihr alle mit Euren Millionen", unbewußt ahmte er Burgers Sprechweise nach, „in geistiger Hinsicht tief unter uns Federfuchsern steht, und daß nicht alles nach Eurem Geldsack aeht. Das bin ich meinen Berufs- und Standesgenossen schrckdig. Wie bereits erwähnt. Ihnen persönlich traae ich nichts nach, nur trifft es sich unglücklicherlöeise für Sie, daß Sie ein Erempel jener Klasse bikden." Burger warf den Kopf zurück und lachte mit gurgelnder Stimme. „Ich glaube es gern, daß Sie auf uns Menschen mit dem Geldsack etwas scheel blicken. Die Trauben sind wohl sauer?" - Klaßner machte eine verächtliche Bewegung, zwang sich aber bald wieder zur Ruhe. „Sie irren vollständig, Herr Burger. Ich wenigstens bin zufrieden mit dem, was ich besitze. Ich bin auf den Reichtum i