Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1919)
- Date
- 1919-05-02
- Page
- Seite 189 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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189 setzte dahin den Menschen, den er gebildet." Gott führte den Menschen durch den Garten Eden, zeigte ihm alle seine köstlichen Bäume und sprach: Sieh doch, wie schön und prächtig alles hier ist; all das Hab' ich für dich geschaffen — j nun gib acht daß du meine schöne Welt nicht zerstörst, denn > es gäbe sonst niemand, der fie wieder aufrichteff"). , „Und ein Strom kommt aus Eden, den Garten. zu befeuchten: von da aus teilt er sich und wird zu vier Hauptströmen." Unter den vier Hauptströmen sind die vier Weltreiche zu Versieben. „Des einen. Namen ist Pischon" h von Vis: sich ausbreiten, vorwärtseilen, sprenaen). Das bezieht sich auf Babylon, von dem der Prophet kündet: Es breiten sich aus seine Reiter, fliegen herbei wie ein Adler, der zum skraß stürmt (Sabakuk 1,88). „Wo das Goü» ist", dassind die Worte de:- Lehre, deren Wert den des Goldes überragt: ..das Gold dieses Landes ist gut", das ist die im Lande Israel verkündete Lehre, der keine andere gleick»komiiff: „dort ist das Kristall und der Stein Schoham": die Bibel, die Mischna. der Talmud, die Tosifta und die Aaada. „Der Name des zweiten Stromes ist Gichon" Tr1!'* (von in3: sich beugen, zusammenkrümmen, daher bei, der Schlange ‘ijinjSsi nach Onkeles B^n Bp» Sl* auf dem Bauche kriechen: darunter ist Medien gemeint, wo Haman sein Schlangengift unter dem Volke verbreitete und es gegen Israel aufbrachte. „Der Name des dritten Stromes ist Chidekel Ivon T" und S*5: scharf und leicht!: das bezieht sich auf Iawan, die Syrer, die Israel auffovderten. sich öffentlich von seinem Gotte loszusagen: '.nS**- nSn bbS i’xa? Bim i*B hv 13B3 „Der vierte Strom ist Prob", das ist Edom (Roms, das wie kein anderes Reich Israel vernichtet und seinen Kindern Leid und Jammer zugefügt, aber auch wie kein anderes dafür büßen wird"'). Gorüi IFmfce Stellmm m tznnnck Mnm und Judentum. Von Dr. Willy Cohn (Breslau), n der Seeschlacht am Skagerrak ist nun schon vor über M Zwei Jahren Gorch Fock mit der „Wiesbaden" in die Tiefe gegangen. Er. der Fischeriunge aus Finkenwerder, ist vor allem durch sein Buch. „Seefahrt ist Not" gar vielen ein lieber Weggenosse geworden und bat sich mit seiner frischen Dichterkraft Unzähligen ins 6era gedichtet. Den großen Erfolg seines Buckes hat er noch erleben dürfen, aber vieles hätte er uns beschert, bätte ihn nicht ein vorzeitiger Seemannstod hinweggerufen. Er, der durch und durch niederdeutscher Seemann war, hat ia wohl seiner inneren Veranlagung nach mit Juden und Judentum nur wenig Berührung gehabt, aber ur seinen Lieblingsdichtern gehörte in seiner Jugend vor allem Heinrich Heine. Später bat er sich von ihm mehr und mehr abgewendet. als andere Einflüsse auf ihn einströmten. „Heine gibt mir heute das nicht mehr", so sagt er in> seinem Tagebuch, das uns Mine Dußmann in dem Buche „Sterne - überm Meer" aus feinem Nachlaß gegeben hat, „was er mir vor zehn Jahren gab: ich vermisse sein Menschentum, seine > sittliche Größe; er steht auf anderm Grund als ich — sein Wesen ist mir mehr und mehr fremd «geworden. Ein Journalist ersten Ranges, ein Reimer, ein Poet ist er, aber nicht das, was ich im tiefsten Herzen „Dichter" nenne." — Noch einmal, im Jahre 1910, kommt er in seinem Tagebuch, auf Heine zu sprechen: es war am Tage, nachdem das Heine- •w) Kohelet rabba. 51) Jalkut Schnnoni, Bsteschit. Denkmal, das eicht auf Korfu von einer feinsinnigen Kaiserin errichtet worden war, nun in Hamburg nach langer Wanderung Ruhe fand. Fock macht darüber in seinem Tagebuch folgende Ausführungen: „Heute sah ich zum erstenmal das Heine-Mal am Barkhof, das sie gestern in der Stille ausgestellt haben, ohne Kranz und ohne Ansprache. Darin liegt Größe. Don dem Denkmal geht etwas Klares, Ruhiges, Ergreifendes aus. Ich sah den milden Marmor zittern und mir war es, als lebte dieser Mann. Jahrelang hat dieses Standbild unter der griechischen Sonne gestanden — im Angesichte des Meeres umgeben von Koben, dunklen Zyvressen — auf Korfu. Die Kaiserin Elisabeth von Oesterreich batte es ihrem Dichter gesetzt. Da kaufte unser Kaiser das Besitztum und lief; Heinrich Heine entfernen: der Hohenzoller den Schmäher seines Geschlechts. Heines Patling jedoch. Julius Campe, kaufte das Denkmal, ließ es nordwärts verfrachten und wollte es Hamburg schenken. Der Senat aber hatte keinen Platz dafür: so kam es an den Barkhof. Da sitzt nun über dem weltbekannten „Heinrich Heine" ein geben ater kranker Mann mit leidendem Zug um den Mund und nachdenklicher Stirn und will noch ein Wort schreiben. Er ist in ein Totenhemd gehüllt und hat einen Mantel über die Knie gebreitet. In der rechten Hand hält er den Stift, in der linkenein Schreibheft. Das ist nicht mehr der Freibeitsschwärmer, nickt mehr der Svötter, der Haffer, „der Verächter, der Sänger, der verlorene Posten", der große Heide Nr. 2: das ist ein kranker Mann, ein schlichter Mensch, 'der den Tod kommen sieht und doch zu stolz ist. die Feder .hinzulögen . . . Heinrich Heine, der du mir einst über alle Dichter gingst (freilich, als ich Goethe und Hebbel und die anderen noch nicht verstand oder nicht kannte!), ich kam nicht als Verehrer über die Straße: aber du weißt, daß ich stillgestanden habe vor dir und daß ich meine Fahnen gesenkt habe . . . und als Totenlampen schweben nachts die Sterne über dir!" So hat Fock trotz seiner Wesens-Verschiedenheit Heine gegenüber stets die Stellung bewahrt, die seiner Bedeutung entspricht! — Als Angestellter der Hambura-Amerika-Linie hat Fock Gelegenheit gehabt, in das Schicksal des indischen Volkes zu setzen, von dem gerade damals große Mengen in nicht abreißendem Strome auf hamburaischen Schiffen den Osten Eurovas mit Amerika vertauschten. Er hatte ein feines Empfinden dafür, was in der Brust dieser Tausende von Menschen vorging: „Die größte Masse muß ich im größten Fach unterbringen: New Pork steht d'arüberaeschrieben. Dahin muß ich fast alle Juden packen! Dieses Volk ist wahrlich ein sonderbares, wunderbares Volk. Gottessegen und Gottesfluch scheinen gleich, stark auf ihm zu ruhen. Ahasver gleich muß es ewig wandern, findet es nirgends Ruhe, wird es durch die ganze Welt aeiaat. Ebaldaea, Kanaan, Aegypten. Babylon, Spanien, Rußland. Amerika: ein eigenartiger, lebensstarker Baum muß es sein, der so viel Versetzungen überwindet. Und wie es trockenen Fußes durch das Rote Meer ging, als Pharao es verfolgte, so zieht es setzt trockenen Fußes über den Atlantischen Ozean und macht aus New Aork ein neues Zion." So hat Fock von zwei Seiten jüdisches Wesen kennen gelernt: in der Gestalt Heines und dem Massenschicksal der ostjüdischen Auswanderer? Und wir, die wir den Dichter lieben wegen seiner so frischen und frohen Schreibart, seines ganzen Menschentums, seiner klaren Augen wegen, in denen sich das ganze weite Meer zu spiegeln scheint, freuen uns, daß er gewissermaßen im Vorbeigehen auch zu jüdischen Dingen Stellung genommen hat!