Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1919)
- Date
- 1919-05-02
- Page
- Seite 187 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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187 i Zusammensetzung die Gelder wieder nach einheitlichen Plänen verwendet. In L i t a u e n und Kurland haben die Juden unter den allgemeinen Verhältnissen gleich der übrigen Bevölkerung auf das furchtbarste zu leiden. Welche Macht dort herrscht, kann man nur von Stunde zu Stunde sagen. Die Lage der Juden des Ostens mtb die Aussichten für die Zukunft sind also außerordentlich trübe, unb es liegt durchaus im Bereich der Möglichkeit, daß diese schreckliche Situation noch sehr lange andauern kann. Von Deutschland aus durchgreifend wirken zu können, ist nach den politischen und finanziellen Verhältnissen leider ein Ding der Unmöglichkeit. Nur die Gesamtheit der Juden kann dies, insbesondere unter -Führung der amerikanischen Juden, die vermöge ihres politischen Einflusses und ihrer großen Kapitalsmacht und bei ihrem vorbildlichen großzügigen Wirken auf dem Gebiet der Wohltätigkeit zweifellos auch in diesem fyatte ihre Pflicht tun werden. .Es wird die größlen Schwierigkeiten haben, das, was zerstört ist, wieder auszubailen, und das, was noch erhalten geblieben, vor vollkommener Zerstörung zu bewahren. Inzwischen geschieht durch den Hilfsverein das mögliche. Ein weiterer Zweia der Arbeit des Hilfsvereins war die Unterstützung der in Deutschland verbliebenen ausländischen Notleidenden, mir rituelle Beköstigung jüdischer Krieasgefangener, namentlich zu Bestach, für Beschaffung von Zivitkleidern nfw. in deutschen Gefangenenlagern, für Kriegsgefangenenfürsorge im westlichen Okkupationsgebiet, für durchreitende Bedürftige an der Ostgrenze hat er auch in diesem Jab-re wieder Mittel zur Verfüallng stellen müssen, hauptsächlich hat er sich aber der Armen und Bedürftigen aus den Kriegsländern des Ostens, die in Deutschland verblieben waren oder während des. Krieges nach Deutschland verschlagen wurden, auch in diesem Jahre wieder aut das ausgiebigste angenommen. Erfreulicherweise standen die Mittel zur Verfügung, um in solchen füllen auch Nichtjuden. d-e bedürftig waren, in Gemeinschaft mit dem „Unterstübungskornitee für bedürftige Bussen" zu unterstützen-. Im ranzen sind mit 1914 für dm letztgenannten Fälle über '~Y\ Millionen vermrsaabt worden, teils zir Kriegsbeginn für Heimbeiördernna in Dentschland Befindliche!', teils zur Unterstützung hissähedürftiaer in Deutschland. Desgleichen bat der hUfsvereiu in den besetzten Gebieten wm in Deutschland selbst und besonders in Berlin, soweit es geboten war, in Verbindung mit befreundeten indischen Organisationen wieder eine rege Fürsorge für die ostjüdischen Arbeiter und Turchwanderer entfaltet. Auch tür das H i l f s w -e r k i m C r i e u t . der asiatisch m und europäischen Türkei, hat der Hilfsverein im Jahre 1918 Mittel hergegeben. yß Das aei'-anrte Krieashitisloerk. erfolgte wiederunn in Kooperation mit den dem Hilfsverein eng befreundeten Organisationen, der Großloge für Deutschland und dem frankfurter Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden. Das blühende Schul werk des Hilssvereins. das, als Pflanzstätte der Kultur für den Orient bestimmt, bereits eine segensreiche Mission erfüllt hat, ist unbeschadet mancher Einschränkungen, die insbesondere auch der Weltkrieg mit sich brachte, in seinem wesentlichen Bestände bis zum Frühjahr 1918 unberührt geblieben. Erfreulicherweise hat das K o n st n n t i n o p e l e r Schulwerk, das ans einem Kindergarten und vier Schulen mit über 1000 Schülern besteht, die Stürme des Weltkrieges aut Überstunden, auch während des Jahres 1918, das ein besonders schweres für Konstantinopel war. Nach dem Waffenstillstand mit der Türkei erfolgte die Besetzung Konstantinopels durch die Alliierten. Den Schulen des Hilfsvereins ist für ihre weitere Wirksamkeit kein Hindernis in den Weg gelegt worden. Sie haben infolge der Schließung deutscher und österreichischer Schulen einen großen Zuspruch an Schülern gewonnen. Nach der Besetzung Palästinas durch die Engländer konnte sich die kulturelle Tätigkeit des Hilssvereins nicht mehr lange auf Jerusalem erstrecken. Die Anstalten, die trotz der im Kriege allgemein verminderten Jerusalemer Bevölkerung noch 1000 Schüler anfwiesen, konnten nur bis Ende Mai fortgesührt werden. Dann wurden sie von der englischen Okkupationsbehörde geschlossen und anderer Leitung unterstellt. Das Schicksal dieser Institute wird von den Festsetzungen des Friedensvertrages abhängcn — sicher ist jedenfalls, daß diese Schuten von dem Wandel der Zeit nicht unberührt bleiben werden. - Wie die Lage in Palästina sich auch gestalten werde, d i e Idee darf man nicht haben, daß durch die Umgestaltung der Verhältnisse in Palästina im wesentlichen auch die Judenfrage in Osteuropa restlos gelöst werden könne. Infolgedessen wird die ostjüdische Frage ein Problern von außerordentlicher Bedeutung bleiben — ein Problem vor allen Dingen auch für die deutsche Judenheit. Die Frage der Entwicklung der politischen Verhältnisse im Osten ist für die deutschen Juden von ganz entscheidender Bedeutung. Die Deutschen sind unter allen Umständen die Nachbarn des großen russischen Reiches, ganz gleichgültig. ob sich dort eine Anzahl von Nandstaaten ablöst oder nicht. Beiallere Katastrophen, die im Osten eintreten, werden sie nur das Durchgangsgebiet nach Deutschland und durch Dentschland hindurch sein. Die Organisation, die der Hilfsverein für die Auswanderer und D u r ch w a n d e r e r in früheren Jahren geschaffen hat, werde in kurzem wieder ins Leben treten, um ihnen aus dem Wege und auf der Suche nach einer neuen Heimat Beistand zu leisten. Wenn in Rußland geordnete Verhältnisse eintreten und eine Richtung obenauf bleibt, die der Gesamtheit der Bevölkermng, also auch den Juden, politische Rechte und wirtschaftliche Lebensmöglichkoiten gewährt, wird eine große Auswanderuna nicht eintreten. Dann wird eintreten. was für die alücklichste Lösung zu halten ist, daß das russische Riesenreich, das es trotz aller Verstümmelungen noch immer bleiben wird, für die tüchtige und betriebsame Judenheit offen ist. Der Hilfsverein ist durch den K/mg vor ganz neue Ausgaben gestellt. Das Schlußiahr des Krieges, 1918, schließt auch eine Epoche für den Hilssverein ab, der auf fast zwei Jahrzehnte zurnckblicken kann. Er ist 1901 ins Leben getreten, nickst als Konkurrenzunternehmen aegen irgendeine andere jüdische Institution, sondern um die Kräfte des deutschen Judentums zusammenzufassen, um dem Judentum der Welt überall, wo es Not leidet, besser helfen zu können. Der Hilfsverein hat in den 18 Jahren seiner Eristenz Leistungen vollbracht, wie sie nur wenigen jüdischen Institutionen pergönnt waren, und zwar durch die Ovferwilligkeit der deutschen Judenheit und das Vertrauen der ausländischen Judenheit, .die die Dienste des Hilssvereins insbesondere als Vermittelungsstelle bei dem Hilsswerk für den Osten in Anspruch nahm. ° Die Zahl der Mitglieder ist von 5000 in den Jahren 1901/02 am-25 000 gestiegen: die Gesamtausgaben bis 1918 betruaen 46 808 500 Mark, wovon auf das Sckmlwerk entfallen 3 622 009 Mark, aut die Auswanderung 2 805 000 Mark und auf das Hilfswerk bei Katastrophen (Pogromen, Feuersbrünsten, Wassersnot, Epidemien! und zuletzt in der Kriogsnot 40 381 500 Mark. Die weitere Fortführung des Werkes des Hilfsvereins auf den Bahnen, wie sie sich nach den neuen Verhältnissen gestalten werden, ist von dem weiteren Vertrauen der deutschen Judenheit und ihrer weiteren Unterstützung abhängig. Den Ausführungen des Redners folgte lebhafter Beifall. Herr Stadtrat Gimkiewicz spricht namens der Versammlung den Leitern des Hilfsvereins, den Herren Dr. James Simon, Dr. Paul Nathan und Generalsekretär Dr. Bernhard Kahn, für ihre mühevolle und erfolgreiche Tätigkeit wärmste Anerkennung und Dank aus und knüpft die Bitte daran, daß sie auch unter der neuen Konstellation, die auch dem Hilfsverein neue Aufgaben bringt, ihre bewährte Kraft dem großen Werke weiter Undinen. - Ter Vorsitzende dankt für die der Leitung ausgesprochene Anerkennung und gibt die Versicherung, daß der Hilfsverein indemselben Geist wie in den vergangenen Dezennien weitergesührt werden würde. Tie Aufgaben würden nn großen und ganzen dieselben bleiben, es würden nur Verschiebungen eintreten in bezug aus das Terrain, in dem das Hilsswerk ausgeübt wird. Wie' die Verhältnisse sich weiter entwickeln, könne niemand sagen. Sicher sei nur, daß die Judenheit des Ostens ebenso schweren Zeiten entgegengehe, wie die Vergangeuheit gewesen und die Gegenwart es mi. Auch die deutschen Juden werden mit vielen Schwierigkeiten und mit Not im deutschen Baterlande zu kämpfen haben, aber die Erfahrung lehre, daß der deutsche Jude, gleichviel ums ihn selbst bedruckt I und bedrängt, immer noch Herz und offene Hand für diejenigen seiner