Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1919)
- Date
- 1919-05-02
- Page
- Seite 185 (sequence 5)
- Language
- German
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185 ländlichen Unterricht in der Geschichte und den: Deutschen, die gleichfalls eine bestimmte Geistesrichtung, Gesinnung und Stellungnahme bei Lehrern und Schülern voraussetzen oder fördern. Wir halten ferner für die überwältigende Mehrheit unseres Volkes, insbesondere in unserer engeren Heimat, die konfessioii cTI*e Volksschu le für die angemessenste und daher zu erhaltende Schulform. Es muß weiterhin gefordert werden, daß, auch wenn die Schule als eine Veranstaltung des Staates betrachtet wird, der Gemeinschaft der Eltern ein größerer Einfluß auf die Schule als bisher eingeräumt und damit ihr unveräußerliches Recht auf die Erziehung der Kinder anerkannt werde. Dies kann z. B. durch Errichtung von Schulgemeinden oder Elternbeiräten geschehen. 2. Die Erleichterung der Formalitäten, beim Austritt aus der Kirchen- und Synagogengemeinde darf die Religionsgemeinschaften nicht der Möglichkeit berauben, die Austretenden zu beraten und vielleicht zurückzuhalten« zumal der Anstoß zu solchen Austrittserklärungen erfahrungsgemäß häufig in vorübergehenden Stimmungen und Verstimmungen begründet ist. Die bisherige Frist einer Bedenkzeit und die vorherige Benachrichtigung, deren Fortfall wir als eine Unfreundlichkeit betrachten müssen, sind daher festzuhalten. Endlich muß das Mündigkeitsalter für die Austrittserklärung, für die das unentwickelte Alter von 14 Jahren viel zu früh ist, erheblich Heraufgesetzt werden, etwa auf das 18. Lebensjahr, denselben Zeitpunkt, mit dem nach dem neueren Gesetzentwurf auch die Schulpflicht erst endet. Auch wenn der Staat sich theoretisch als religionslos erklärt, darf er doch nicht zu seinem eigenen Schaden seine Angehörigen in ihren heiligsten Lebensinteressen hemmen oder gefährden, wenn er nicht Gleichgültigkeit und -Erbitterung gegen sein Gesetz heranziehen null. Die Erfüllung unserer gerechten Forderungen kann ihm nur zum Segen gereichen. Winkhaus, Superintendent. Walter, Dechant. Dr. Jacob, Rabbiner. * Ueber die Lage der Juden in Polen ist nach der „Korrespondenz des Komitees für den Osten" folgendes zu berichten: Der Spezialberichterstatter des „Secolo" M a g r i n i schildert ausführlich die Situation der jüdischen Bevölkerung in Polen, die er als sehr traurig bezeichnet. Er hatte Konferenzen mit allen führenden politischen Persönlichkeiten des Landes, darunter auch mit Prilutzki. Der italienische Journalist kommt auf Grund seiner Studien zu der Überzeugung, daß das jüdische Problem in Polen nicht durch direkte Verständigung von Volk zu Volk -gelöst werden kann, sondern daß es unbedingt vor das Tribunast der Friedenskonferenz kommen muß. (hbezeichnet den Antisemitismus in Polen als chronische Krankheit, wAche das polnische Volk vergiftet hat. Die politische Ententekom-mission hat vor. ihrer-Abreise in Warschau Vertreter sämtlicher jüdischen Parteien empfangen-, um sich über den Stand der Judenfrage in Polen und über ihren Standpunkt in dieser Frage zu informieren. Auf eine Einladung des italienischen Ministers M o n t v n i o erschienen als Vertreter der Orthodoxen die Rabbiner Halpern., L e i n e r, R a tz m a n n und Davidsohn, für die A-ssimilanten E i g e r und B e rens o n , für die Zionisten Dr. Gottlieb, Dr. Poznans k i und Abgeordneter rüneba u m und für die Volkspartei die Mg-eordneten H i r s ch - I) v r n und Prilutzki. Die Vertreter -der genannten Parteien wurden sofort empfangen und konnten ihren Standpunkt in längerer Unterredung zum Ausdruck bringen. Sie überreichten dabei auch nusfühLtiche schriftliche Memoranden, in denen sie ihre Forderungen im Zusammenhang mit der jetzigen Lage der Juden im polnischen Staate präzisierten. Aus Warschau wird gemeldet: Die Gesellschaft der Friedensfreunde in Polen hat einen Entwurf zur Lösung der Judenfrage in Polen fertiggestellt. Der Entwurf wird dem Landtag für die spezielle Kommission für jüdische Fragen überleb eu werden. * Wie bereits gemeldet, wurde in Montreal am 16. März der Kongreß der Juden Kanadas eröffnet- Ueber den Verlauf des Kongresses liegen nach den Mitteilungen des Stockholmer Pressebureaus folgende telegraphische Nachrichten vor: Narpens der kanadischen Regierung wurde der Kongreß vom Generalprokurator Goothrah begrüßt, der erklärte, Großbritannien werde im Aufträge der Friedenskonferenz Palästina in ein jüdisches Land verwandeln. Ueber Palästina wurde folgende Resolution mit großem Enthusiasmus angenommen: „Der Kongreß beauftragt seine europäische Delegation, mit der zionistischen Weltorganisation zusammenzuarbeiten, damit die Friedenskonferenz die nationalen Bestrebungen und die historischen Ansprüche des . jüdischen Volkes auf . Palästina anerkennt. In Palästina müssen derartige politische, administrative und ökonomische Bedingungen geschaffen werden, welche die Entwicklung des Landes zu einer jüdischen Gemeinschaft sicherstellen, wobei klar verstanden wird, daß nichts getan werden soll, was die bürgerlichen, nationalen und religiösen Rechte der nichtjüdischen Gemeinden in Palästina oder «die Rechte und die politische Stellung der Juden anderer Länder benachteiligen könnte." Der Kongreß sprach sich nach einer -längeren Debatte für die Nationalisierung des Grund und Bodens, der Naturschätze und der Verkehrsmittel in Palästina aus. In bezug auf die jüdischen Legionäre wurde beschlossen, daß ihnen in Palästina Boden zur Niederlassung unentgeltlich Angewiesen werdei! müsse. Der Kongreß faßte ferner eine Entschließung, welche die nationale Gleichberechtigung -der Juden in den Ländern ihrer Mafsenstcdlung fordert. Die Judenpogrome wurden aufs schärfste verurteilt. In einer anderen Resolution wurde gegerr die fremdenfeindliche Propaganda in Kanada protestiert und die Freiheit der Einwanderung gefordert. Der Kongreß beschloß die Organisierung, der Juden Kanadas für ihre nationalen Interessen und setzte eine Kommission zur Erforschung der rechtlichen Möglichkeit der Errichtung jüdischer Schulen in Kanada ein. Der Gedanke einer fünftägigen Arbeitswoche (Ersetzung der Vormittagsarbeit an Samstagen durch eine entsvreckende Verlängerung der Arbeitszeit an den Wochentagen) wurde vom Kongreß gutgeheihen. Der Kongreß wurde zu einer permanenten Institution erklärt. Es wurdeeine aus 36 Personen bestehende Exekutive eingesetzt und beauftragt, eine aus drei bis fünf Personen bestehende Delegation nach Paris.zu entsenden. Dieser Delegation wurde die Pflicht auferlegt, an der Einberufung eines jüdischen Welt- -kongresses energisch mitzuarbeiten.! pbrsham Nosenthsl. j m hohen Alter ist Abr cih am Rosentihal, der ehemalige Kantor der Jüdischen Gemeinde in Berlin, gestorben. Er kam. wie ein großer Teil seiner berühmten Fachgenossen, aus dem Osten. Einer hochgeachteten- Kaufmanns- und Gelehrtenfamilie entstammend, brachte er für seinen Beruf das starke Fundament hebräischen Wissens und hervorragender kantoraler Eignung mit. In seinen Studiennnd Wanderjahren lauschte und lernte er bei großen Meistern, und frühzeitig ries den hervorragend Begabten das Amt. Nach erfolgreicher Tätigkeit in der von jüdischer Tradition beherrschten Gemeinde Posen folgte er einem ehrenvollen Ruse nach Berlin. Meister Lichtenstein war dahingegangen und nun galt es. sein wahrlich nicht leichtes Erbe anzutreten. Wie Rosenthal dieser Ausgabe gerecht wurde, das wissen viele ältere Gemeindemitglieder, die ihn vorbeten hörten. In der Heidereutergasse lauschte man tief ergriffen seinem wundervollen traditionellen Chasonus, mit dem er alten heiligen Gebeten eine Illustration poetischer Weise gab. In der Oranienburger Straße verlieh er den Gesängen Lewandowskis durch den ihm eigenen Bortrag eine priesterliche Weihe. In atemloser Stille und tiefster Andacht verharrten Tausende, wenn er beim Unessane-tokef-Gebet von der Vergänglichkeit