Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1919)
- Date
- 1919-05-02
- Page
- Seite 184 (sequence 4)
- Language
- German
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184 Abzüglich der rtaliettrschen Krise wird aus Amsterdam, 26. April, gedrahtet: Dem „Telegvaaf" wird aus Paris gemeldet, daß rn dortigen gut unterrichteten Kreisen -die Ansicht herrscht, daß der Konflikt mit Italien eine Wendung nehmen wird, die eine Regelung im guten ermöglicht. Man erwartet, daß sich das italienische Parlament zu Konzessionen bereit zeigen und Orlando ermächtigen wird, nach Paris zurüüzulehren. Es wird angenommen, daß Orlando bei der Ankunft der Deutschen wieder in Paris zurück sein wird- * T ie planmäßige Ausweisung jüd i scher Arbeiter aus Polen, auf die von verschiedenen- Seiterr bereits hingewiesen wurde, veranlaßt die Jüdische volkßsozialistiscye Parker „tzapoel Hazair" zu folgendem Aufruf: „Dem Zentralkomitee unserer Part-ei find mehrere Mitteilungen zugegangen, nach denen „polnische" Arbeiter jüdischer ^Nationalität durch Erlasse der gegenwärtigen sozialistischen Behörden zwangsweise zur Rückkehr nach ihrer „Heimat" veranlaßt worden sind, sticht genug damit, dgtz diese Arbeiter, die, teils von der Reaktion politisch verdächtigt, hierher geflohen, teils auf Beranlassung der alten deutschen Regierung nach Deutschland deportiert worden sind, ihre Betriebe verlassen mußten; nicht genug damit, daß sie von der sozialistischen Regierung ausgewilsen, tn die Pogrome hineingehetzt werden, sie werden sogar in geschlossenen Zügen bis zur Frontlinre transportiert und dort an die polnischen Legionen, an Deutschlands Feinde, ausgeliefert." Es ist dringend zu wünschen, daß dre Bemühungen, der Jüdisch-volkssozialistischen Partei Aufklärung in diese vielerörterte Frage bringen. * Ist Deu t fch l a nd a n t iso m 111 j dy( Ter mehrheitsl.'ozialisrische Abgeordneie Georg T a v i d s oh n sprach jüngst aus Veranlassung der Groß-Berlin er Ortsgruppe des Zenrralveretns deutscher Smarsbürger jüdischen Glaubens im überfüll reu Haverland scheu Festsaal über das Thema: „Ist Deutschland antisemitisch?" Nach Beendigung des Bortrages tam es, .on die „Berliner l»teucste ^Nachrichten" oerichten, in der längeren Aussprache zu Ansichreitungen einiger radaulustiger, halbwüchsiger (rlemente, die zu Tätlichkeiten auszuarten drohten. nahm u. a. ein junger feldgrauer Bursche das Wort, der sich als Mitglied des Deutschnationalen Ingendviindes bczeichnete, um die Brrvammlung m der linftätigsten Weise zu vescyimpfen. Ta die Ausführungen dieses Jünglings aoer nur die andauernde Hettert-eit oer großen Mehrzahl der Bersammlung erregten, geriet jener* m einen derartigen Iorn, daß er plötzlich einen Schlagring aus der Tasche zog und aus die am VersanimLnngstisch anwesenden tzekren emdringen wollte. Ter Borsitzende begnügte sich damit, dem Rabanlustigen das Wort zu entziehen. Ter Atem der Tcwidsohnschen Ausfiiyrungen ist dnym zusammenzufassen, dag nach Ansicht-: des ^eoners das oeuische Volk -in semer uvergroszen BLehrzahl als nicht amtsemi-rii.ch anzusprechen sei. Tagegen beschuldigte er die Bureaulrane des Reiches und Preußens des Antisemitismus, gegen den oie Minister im Augenblick machtlos sind. In diesem Znsanupenhang nannte er die Ressorts der totiNister Wissell, Haentsch 'und ms 'PolizeiPräsidenten Grast. ' O Der Abendausgabe des „Berliner Tageblatts" vom 25. d. M. entnehmen wir folgende Notiz: G i n a n l r s>e m i t r s ey e s I u er e r m ärche n. Tie „Deutsche Tageszeitung" .verbreitet in ihrer heutigen Morgenausgabe unter der .ausfallenden Überschrift: „Für wen Zucker oa ist — und für wen tem Zucker da ist" die Ntitteitung, daß der jüdischen Bevölkerung zum jüdischen Osterfest erhebliehe Biengen von Zucker als Sou derzuwei jungen zur Verfügung gestellt worden -'.eien. Da die Mengen erheblich seien, so rechneten die amtlichen Bekanntmachungen damit, daß der bereitMstellte Zucker nicht' voll verkauft werden würde. Deshalb müßten Anordnungen für die weitere Verwendung des verbleibenden Nebevschusses getroffen werden. Diese Mitteilungen der „Deutschen Tageszeitung", die nach ihrem ganzen Inhalt lediglich antisemitischen Tendenzen entsprungen sind, entsprechen, wie.wir einwandfrei sestgestellt haben, nicht den Tatsachen. Die Jüdische Gemeinde in Berlin teilt uns aus unsere Anfrage mit, daß selbstverständlich-der jüdischen Bevölkerung keine Sonderzuweilsungen von Zucker zum jüdischen Osterfest zur Verfügung, gestellt worden seien. Die jüdische Bevölkerung habe nicht mehr und nicht weniger Zucker erhalten als jeder ändere Staatsbürger. Richtig sei-, was die Mitteilung der „Deutschen Tageszeitung" nicht enthalte, daß derjenigen jüdischen Bevölkerung, die an dein alten rituellen Vorschriften fefthälte, rituell zuberei trete r Zucker zur Verfügung gestellt worden sei. — * Wie leichtfertig -die „Deutsche Zeitung" eine falsche Behauptung. aufstellt und wie eigenartig sie dann berichtigt, ist aus folgender Notiz, die das genannte Blatt am 4. April brachte, zu ersehen: „D i e r >i t u e l >l e B u t t e r. In Nr. 1 3 1 der Deutschen Zeitung" vom 24. März 1919 ist unter der Ueberschrist: „Jüdischer Butterschwindel" eine Notiz enthalten, in der u. a. die Behauptung ausgestellt ist, daß die Kriegskom Mission für rituelle Lebensmittel die Btolkereigenossenl'chast Dargun in Mecklenburg „durch die Vermittlung der Fettstelle Groß-Berlin gezwungen habe, ihrem Wunsch auf Herstellung ritueller Butter und beschleunigter Lieferung möglichst großer Mengen zu entsprechen, und daß dadurch die deutsche Bevölkerung um das bißchen Butter, welches überhaupt noch zur Verfügung stehe, geprellt sei". Die Fettstelle Groß-Berlin har mit der Angelegenheit nichts zu tun. Tie Zuweisungen von ritueller Butter erfolgendurch die Reichsstelle für Speisefette, und sie bestimmt, welche Molkerei, rituelle Butter zu liefern hat. Ter Aiommunalverdand Fettstelle Groß-Berlin ist für derartige, lediglich die Oberverteitung betressende Maßnahmen nicht zuständig. Tie Fettstelle Groß-Berlin übt über die Tätigkeit der Krregskomrnission s.ur rituelle Lebensmittel eine genaue Kontrolle aus. Die Beriet lung der rituellen Butter durch die Kriegs komm isfton erfolgt im nvrigen genau nach denselben Grundsätzen imD auf die ^pees-eferrtarten wie für die allgemeine Bevölkerung,;.o daß ein Mis;- vranch ausgeschlossen ist." * Aus Dortmund geht uns mit der Bitte um Veröffentlichung nachstehende Resolution zu, die schon um deswegen bemerkenswert erscheint, weil es das erste Mal ist, daß die Geistlichen aller Konfessionen sich zu einem gemeinsamen Schritt vereinigt haben. Tie am 14. April 1919 aus Einladung des Superintendenten W i n t h a u s, des Dechanten Walter und -des •K a b biners Dr. Jacob aus T o r t nt;u n d uni) UmgMno versammelten Geistltchen des evangelischen, katholischen nno inoischen Bekenntnisses können sich angesichts der angebahnten Neuordnung des Verhältnisses zwischen >Ltaat nno Kirche tretz gegenteiliger Versicherungen nicht der Besorgnis erwehren, baß eine solche Neuordnung ohne gewisse Sicherungen oahin führen kann, der Gvttentsremdung uno Rettgionsseindschaft Vorschub ztt lersten und zu eurem Unglück sur unser Volk zu werben. Wir sind einmütig der Ueberzeugung, daß dem deutschen Volt in dieser Zeit schwerster Bedrängnis nichts dringender zum Ausbau seines Staatswesens not tut als die Weckung und Pflege der sittlichen Kräfte. Dieses wird nach allen Lehren der Geschichte und aus Grund unserer erzieherischen Erfahrungen am sichersten und. wirksamsten durch die Religion gewährleistet. Wir sehen in einem lebendigen Gottesglauben den wahren Lebensgrund für jeden Menschen, in echter Gottesfurcht den Anfang und das Ende aller Weisheit und in der Religion ein ganz unerläßliches Element für die geistige und sittliche Kultur unseres Volkes, für die Bildung einer charattervollen Persönlichkeit und den Frieden der Seelen. 1. Wir erheben darum die Forderung, daß der Religionsunterricht in allen Schulen, namentlich auch in den Lehrerbildungsanstalten, erhalten bleibt und festgelegt wird, und zwar in seiner konfessionellen Bestimmtheit und als verbindliches Unterrichtsfach. Eine unzulässige Beeinflussung der Jugend und der Bildung ihrer Gestnnilng können wir darin ebensowenig sehen wie etwa in dem ver-