Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1919)
- Date
- 1919-05-02
- Page
- Seite 182 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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182 Die Böswilligkeit war einmal nicht zu besiegen, man wollte nicht hören, wollte sich nicht eines Besseren belehren lassen, weil man befürchtete, sonst das Ziel seiner inhumanen Bestrebungen verrückt zu sehen. Außerdem wurden alle diese Verteidigungsschriften gerade in jenen Kreisen, in welchen all diese Schmährufe ertönten, nicht gelesen. Hohnlachend spottete man des Verteidigers und antwortete mit noch maßloseren Schmähungen und Fälschungen. Die urteilslose Menge nahm das, was ihr mit einer gewissen Pikanterie geboten wurde, willig und gläubig an, zumal ihr keine gegenteilige Aeußerung zu Gesichte kam und sie folgerichtig in dem vermeintlichen Schweigen des Angegriffenen ein Zugeständnis dessen erblicken mußte, wessen man ihn anklagte. Gestützt auf diese Wahrnehmung, erhob die Verleumdung immer kühner ihr Haupt, und immer weitere und höhere Kreise wurden von dieser Bewegring ergriffen, die »eine Schmach des Jahrhunderts" genannt wurde. In immer deutlicheren Umrissen zeigte sich das schaurige Gespenst der Intoleranz. Alle diese Tatsachen führten noch zum Ueberfluß zu der Wahrnehmung, daß das von den Feinden ausgestreute Gift in unserem eigenen Lager nachteilig zu wirken begann. So mancher der Unsrigen, der die Beschuldigungen der Widersacher, die Schmähungen dessen, was er bis jetzt so hoch geschätzt, weil es seinen Vorfahren teuer und heilig war, vernahm, begann allmählich stutzig zu werden. Da das Unkengeschrei der Schmäher und Verleumder nicht verstummen wollte, rief man in berechtigter Entrüstung aus: »Ist denn kein berufener Verteidiger unseres höchsten Gutes in Israel vorhanden, der bekunde, daß jene Ergüsse der Feinde eitel Lug und Trug?" Der Ruf verhallte, eine Verteidigung nahm man scheinbar nicht nahe. Und die Folgen davon? Man begann nach und nach selbst Zweifel zu hegen an der Reinheit dessen, was als unantastbares Erbgut aus grauer Vorzeit galt. Und dies konnte nur geschehen, weil man jeder tieferen Kenntnis der eigenen Sittenlehre bar gewesen. Man mußte errötend die Anklagen entgegennehmen, weil man kein Wort der Verteidigung vorzubringen imstande war. Die Erfolglosigkeit in dem eifrigen Bemühen, so mancher Wackeren, die auf dem Kampfplatze erschienen, gepaart mit der eben gekennzeichneten traurigen Wahrnehmung, führten zu der Erkenntnis, daß ein anderer Weg eingeschlagen werden müsse, um die Welt eines Besseren zu belehren. Was der einzelne nicht zu erreichen imstande war, das war einer größeren Vereinigung berufener Vertreter der Judenheit wie des Judentums gewiß zu bewirken möglich. Getragen von dieser Ueberzeugung übernahm nun die Leitung des „Deutsch- Israelitischen Gemeindebundcs" die Verteidigung bzw. Richtigstellung. Zu diesem Ende veranlaßte sie eine öffentliche Kundgebung, in welcher »die wesentlichen Sätze bekanntgegeben werden, in denen die Religion des Judentums das Verhalten seiner Bekenner zu den einzelnen Nebenmenfchen, zur allgemeinen Kultur, zum Vaterlande und zur Menschheit vorschreibt", und in welcher betont wird, „daß jeder Jude, welcher rn seinem Verhalten von diesen Grundsätzen abweicht, den Gevoten seiner Religion zuwiderhandelt". Infolge dieser Anregung waren am 9. Dezember 1883 im jüdischen Gemeindehause zu Berlin Mitglieder des Vorstandes und des Repräsentantenkollegiums der dortigen Gemeinde zu einer Beratung über „allgemeine Angelegenheiten" versammelt. Es wurde einstimmig beschlossen, die Abfassung einer Änzahl von kurzgefaßten Sätzen herbeizusühren, in denen die Hauptgrundsätze der jüdischen Sittenlehre klar und faßlich ausgesprochen werden, um denselben die weitestmögliche Verbreitung zu verschaffen. Zur Abfassung dieser Sätze wurde eine Kommission von Männern eingesetzt, welche teils .dem Gelehrten- und Lehrerstande, teils dem praktischen Leben ängehörten. Die Kommission stellte nun zunächst allgemeine Gedankeir über die Aufgabe und den etwaigen Umfang der abzufassenden Sätze fest und ernannte eine Subkommission zur Herstellung eines Entwurfs derselben. In dieser Sübkommission wurde dann der Stoff, welcher in den Sätzen ungefähr nach dem Umfang der Maimonidischcn Glaubenssätze behandelt werden sollte, durchgesprochen. AuS mehreren Entwürfen find schließlich die bekannten 15 Grundsätze endgültig hervorgegangen, die am 14. Dezember 1885, also nach zweijähriger, sorgfältiger Arbeit, dem Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin von der Kommission überreicht wurden. Der Ausschuß des Gemeindebundes hatte diese Sätze zunächst den deutschen Rabbinern und sonstigen Kennern des jüdischen Schrifttums unterbreitet, damit dieselben sie durch ihre Autorität beglaubigen und durch ihre Unterschrift bestätigen, daß ihr Inhalt in der jüdischen Religionslehre begründet sei. Und mit einer seltenen Einhelligkeit stimmten zweihundert Männer von Autorität, welche den verschiedensten Parteirichtungen angehörten, dem Manifeste zu, das außerdem auf eine Aufforderung der „Wiener Allianz" die Billigung der Majorität der österreichischen Rabbiner gesunden hat. Ebenso haben die Oberrabbinate von Paris und London ihre volle Zustimmung kundgegeben. So war denn ein Manifest geschaffen, dessen Inhalt die Irrenden und Zweifelnden belehren, die Ankläger und Verleumder verstummen lassen mußte, da dasselbe nunmehr zur allseitigen Anerkennung nötigte und die Grundlage darbieten konnte, auf welche alle Berichtigungen fußen konnten. Das Manifest wurde durch den Drua vervielfältigt und allen Gemeinden des Deutschen Reiches in vielen Taufenden von Exemplaren zugesandt. Außerdem wurde, um eine Maßenverbreitung namentlich in Rußland, England und Frankreich zu ermöglichen, eine authentische Uebersetzung der „Grundsätze" bewirkt. Ja, um sie den Bekennern des Judentums auf deni ganzen Erdenrunde zugänglich zu machen, welchem Volke, welcher Sprache sie auch angehören mögen, wurde endlich eine Uebertragung in die hebräische Sprache — das einzige Band, das alle Angehörigen unseres Stammes noch verbindet — veranlaßt. Hierdurch wurde zugleich ein Pendant zu den Maimonidischen „Dreizehn Glaubensartikeln", welche sämtlich mit den Worten „Ani maamin", d. h. „ich glaube" beginnen und Aufnahme in unser Gebetbuch gefunden haben, geschaffen, ein Pendant, das ebenfalls vermöge der ihm anhaftenden Autorität Anspruch darauf erheben kann, unserem Gebetbuch einverleibt zu werden! Ueberdies wurde, um zu zeigen, daß die Sätze im religiösen Schrifttum des Judentums ihren Grund haben, seitens des verstorbenen Geheimrats Dr. Samuel "Kristeller, des damaligen Leiters des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, ein Buch der Oeffentlichkeit übergeben, das in fast erschöpfender Weise die Belegstellen aus Bibel und Talmud für die „15 Grundsätze" der jüdischen Sittenlehrc darbietet, wodurch jedem Zweifel an der Berechtigung zur Normierung derselben in der vorliegenden Fassung die Grundlage genommen wurde. * An eine Kundgebung, wie sie nun vorlag und die von einer so großen Anzahl von Autoritäten beglaubigt wurde, konnte man die beste Hoffnung aus Erfolg knüpfen, namentlich weil sie sich vor so manchen ihrer Vorgängerinnen nach verschiedenen Richtungen hin auf das vorteilhafteste unterscheidet. Vor allen Dingen ist dieses Manifest die einzige derartige Publikation, welche sich von jeder Polemik frei hält und nicht angrcifend vorgeht. Man ging bei der Abfassung von dem