Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1919)
- Date
- 1919-05-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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SÄ. Jahrgang. Nr. 16 Berlin, 2. Mai 1919 Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch» Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 524. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philipp fon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgenu Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße H6-49, zu richten. Verlag von Rudolf Blosse, Berlin. Die »15 Grundsätze der jüdischen Sittenlehre". Von J.HerzjyillJtUl« betfl (Broinberg). — Die Woche. — Abraham Nosenthal. Von Magnus D avrdsohn (Berlin). — Die Thora im Lichte der Agada. Von Albert Katz. — Gorch Focks Stellung zu Heinrich Heine und Judentum. Von Dr. Willy Cohn (Breslau). — Feuilleton: Jedem das Seinige. Roman von M. Pu i verm ann. —Litteraiur. — Miszellen.— Büchereinlauf Der Gemeinde vo^ e (Beilage zur »Allgemeinen Zritung des Judentums"): Berlin, Posen, Bre slau, Hamburg. Bad Kissjngen, Köln, Mannheim, Heidelberg, Prag, Wien, Stockholm. — Bon Nah und ftern. Dir „15 Grundsätze der jüdischen Sttterrlrhrr". Ihre Entstehung und ihre Würdigung. Von I. Herzberg (Bromberg), ie Sittenlehre des Judentums ist zu den verschiedensten Zeiten Gegenstand des Angriffs seitens der Judenfeinde gewesen. Die Geschichte liefert uns hierfür Beweise mannigfacher Art. Ganz besonders in jenen Tagen, als der Radauantisemitismus seine Orgien zu feiern begann, war wiederum das Streben der Widersacher Israels unausgesetzt darauf gerichtet, dem Judentum alles sittlich Gute geradezu abzusprechen. Ja, man leugnete es mit frecher Stirn, daß bas Judentum die Bausteine geliefert, mittels deren man die heutige Gesellschaftsordnung ausgebaut hat. Man schleuderte Beschuldigung auf Beschuldigung den Bekennern des Judentums entgegen und suchte, auf die Leichtgläubigkeit, Unwissenheit und Urteilslosigkeit der Menge rechnend, diese auf diejenigen zu hetzen, welche aller Moral bar sein sollten. Und warum dies alles? Um das Rechtsgefühl und das Rechtsbewußtsein des Volkes zu erschüttern, damit diese Schmähungen des jüdischen Stammes als Mittel im Kampfe für angeblich nationale Interessen verwendet werden konnten. Jene Dunkelmänner, denen die Emanzipation der Juden ein Dorn im Auge war, überboten sich in dem Streben, diese in ein Licht zu stellen, das sie dieser Segnung unwürdig erscheinen lassen sollte. Man wollte durch solch boshaftes Unterfangen das soziale Einvernehmen stören, indem man die schwersten Anklagen gegen die Bekenner des Judentums erhob, deren Sittenanschauungen >nan als unmoralisch und korrumpiert bezeichnete, und sich sogar erkühnte, auf wissenschaftlich falsch angewandte Zitate aus dem jüdischen Schrifttum hin zu erklären, daß nach der jüdischen Sittenlehre die Verübung jeglichen Unrechts, ja, die verdammenswertesten Verbrechen gegenüber Nichtjuden nicht allein erlaubt, sondern geradezu geboten und zur Wicht gemacht seien. Denen, welche seit ihrer Erhebung aus dem Staube der Erniedrigung, seit ihrem Auszuge aus den dumpfen, finsteren Ghettos alle ihre Kräfte und Fähigkeiten mit staunenerregendem Eifer dem Gemeinwohl gewidmet, die.sich in überraschend kurzer Frist eine hervorragende soziale Stellung in ihren jeweiligen Wirkungskreisen errungen und sogar bald in ihrer nimmer erlahmenden Schaffenskraft und nie erkaltenden Schaffensfreudigkeit ihre Widersacher im Wettbewerbe um die Siegespalme überflügelten, mißgönnte man die Errungenschaften auf sozialem Gebiete wie auf dem Gebiete der Kunst und der Wissenschaft. Man trachtete voll Ingrimm danach, die Stellung der ihnen so sehr Verhaßten dadurch zu erschüttern, daß man sie als „verbrecherische Horde" bezeichnete, vor der man auf seiner Hut sein müsse. Man wähnte, auf ihven Sturz am besten dadurch hinzuarbeiten, daß man sie als der menschlichen Gesellschaft gefährlich bezeichnete. Die judenfeindlichen Bestrebungen traten in Organen und Institutionen, die der Oefsentlichkeit dienen, zutage. In Zeitungen, Flugblättern, Broschüren, in öffentlichen Versammlungen ertönten die Hetz- und Schmährufe, und die öffentliche Meinung war alsbald vergiftet. Nicht genug hiermit, auch in den Hallen, die der Wissenschaft gewidmet sind, fanden diese Rufe einen Widerhall, und selbst Koryphäen der Wissenschaft konnten sich eines gewissen Vorurteils nicht erwehren; sie gaben in ihren der remen Wissenschaft gewidmeten Schriften zu erkennen, daß ihr Urteil über jüdische Moral vielfach einseitig sei, beeinflußt von jenen, die diese Moral verketzerten. Und das geschmähte Israel? Was tat cs angesichts all dieser böswilligen Verleumdungen? Schwieg es? — O nein! Es versuchte in die Arena zu treten, um den Kampf mit dem Feinde aufzunehmen, der immer mächtiger und gefahrdrohender wurde. Jedoch nutzloses Unterfangen! Der Feind war zu mächtig, man konnte ihn nicht zuin Schweigen bringen. Wohl traten hier und da berufene, kampfgerüstete Männer auf, um all die lügenhaften Behauptungen zu widerlegen und dem Judentum das Eigentumsrecht an einem der höchsten Güter der Menschheit zu wahren. Wohl suchte man die Mutter vor Verunglimpfungen der eigenen Tochter zu schützen, die es längst vergessen, daß ihr eigenstes Lebensblut, das ihre einzige Lebensbedingung ist, derjenigen gehört, die sie jetzt verleugnet. Wohl stellte man klar, wie töricht es sei, wenn die Töchter wähnen, vor der eigenen Mutter lebensfähig gewesen zu sein, wie widersinnig, zri glauben, die Tochter habe die Mutter genährt und großgezogen. Alles redliche Bemühen blieb ohne Erfolg. Die zündendsten Geschosse, welche die mutigen Verteidiger gegen ihre Feinde losließen, prallten wirkungslos zurück. Die einzelnen Verteidigungsrufe verhallten in dem wüsten Chaos der Angriffsrufe., Von anderer Seile wurden Manifeste erlassen, in welchen klar dargetan wird, was das Judentum seine Bekenner in sittlicher Beziehung lehre und was cs von ihnen fordere. Wer alles vergebens!