Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1919)
- Date
- 1919-04-25
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Studenten scheint vergessen zu haben, daß seine Glieder in einer demo- > lratis-chen Nepnblit leben. Dies bewies er erneut mit der ihm eigen-! tümlichen taktloseir Werse vor einigen Tugen in der hiesigen Anatomie.! Obwohl der Leiter dieses Instituts, Herr Prof. Tr. Kallis, jede politische Agitation in seinen Räumen ausdrücklich verboten hatte, konnte ein gewisser Herr Liebe es nicht unterlassen, ganz öffentlich : Geldbeträge und Unterschriften für ein reaktionär-antiselnitisches Flugblatt zu sammeln, das sich gegen jede Negierung wendet - also auch j gegen die augenblickliche —, die nicht aus „u r a r i s ch e n G e r --! inanen" zusanmrengesetzt ist. Tie jüdischen Studenten haben gegen! dieses provokatorische Benehmen energischen Protest erhoben.! -— Dresden, 18. April. Die Lehrerschaft der Israelitischen Re-; ügionsgememschast zu Dresden hat unter Bezugnahme auf den Erlaß! des, Ministerrums des Kultus und öffentlichen Unterrichts vom 3. Jamuu d. I. beschlossen, der Bezirksschulinspektion die folgende Eri klärung zu unterbreiten: 1. Ter Religionsunterricht ist in der Schule; zu erteüen. Die Schirle als Erziehungsanstalt kamr der erzieherischen! Macht der Religion nicht entraten. 2. Ter Religionsunterricht ist den I Kindern verschiedenen Bekenntnisses gesondert innerhalb des Bekenntj nisses zu erteilen. Allgemeine Religion ohne feste Gestaltung durch > das Bekenntnis und ohne Hebung nach den besonderen Forderungen der besonderen bekenntnismäßigen Neligion ist ein bloßer Begriff, aber leine erzieherische Wirklichkeitsmacht. 3. Auch den Kindern israelitischen Bekenntnisses ist, wo deren Anzahl es als möglich und als erforderlich ('.scheinen läßt, der Ikeligionsunterricht in ihrem Bekenntnis in der Schule zu erteilen. 4. Wird gleichwohl die Einführung eines allgemeinen Religionsunterrichts airgeordnet, so ist für die Kinder, die einen Unterricht in der 'Religion ihres Bekenntnisses Nachweisen, die Befreiung von der Teilnahme an dem allgemeinen Neligions1tnierricht zu fordern. -- Der Verband der Israelitischen Religionsgemeinschaften in Sachsen, dem sämtliche sächsische Gemeinden angehören, ist dieser Erklärung bereits vollinhaltlich beigetreten. er. Homburg v. d. Höhe, 18. April. E i n B o h k o t t j ü d i - scher Geschäfte wird von einer kleinen Clique in unserer Stadt gepredigt. Es ist'von der Wahlkampagne her noch Mode, die Häuser usw. mit Druckstücken Zu bekleben. Schön sieht das nicht gerade aus. Aber es hat doch wenigstens den Zweck erfüllt, der nicht so verwerflich ist wie die Absicht eines kleinen blaugrünen Etiketts, das jetzt zu Hunderten in den Straßen der Stadt angeklebt ist und das die Aufschrift trägt: K a u st n i ch t b e i I ü d e n u n d n i ch t i n i h r e n Warenhäusern! — Es ist bei dem gesunden Sinne unserer Bürgerschaft nicht anzunehmen, daß diese verhetzenden Plakate eine größere Wirkung haben werden. Man kennt die Kreise, die durch Bolksverhetznng den öffentlichen -Unwillen vor: sich ablenken wollen. Sie haben es nötig!! Köln» 18. April. Tie Berliner Zentralwohlsahrtsstelle der deutschen Juden versendet zur Förderung des Israelitischen Kinderheims in Köln folgenden Aufruf: Wie aus unseren wiederholten Mitteilungen bekannt sein dürste, hat sich infolge der besonders schweren Schäden, die der Krieg für die Jugend gebracht hat, für uns als eine der wichtigsten Aufgaben ergeben, unser Augenmerk und unsere Unterstützung dem Gebiet der Jugendpflege und Jugendfürsorge und den aus ihm tätigen Kräften znzuwenden. Es handelt sich vor allem auch darum, schon bestehende, der Jugendfürsorge dienende Institutionen, die wirklich Wertvolles leisten, zu fördern. Als eine'derartige Einrichtung ist zweifellos das Israelitische Kinderheim in Köln anzusehen, das, im Jahre 1890 als Kinderbewahranstalt mit kleinen Mitteln gegründet, bereits seit dem Jahre 1909 ein -eigenes Anstaltsg-ebäude besitzt, in welchem zurzeit 148 Pfleglinge untergebracht sind. Diese gruppieren sich wie folgt: Säuglinge 14, Kinder' von 2 bis 6 Jahren- 26, Kinder von 6 bis 14 Jahren: 28 Mädchen, 52 Knaben, 17 Haushaltungsschüleriunen, im Geschäft: 4 Mädchen, 7 Knaben. Herkunft der Kinder: 73 ans Köln, 47 aus dem übrigen Rheinland und Westfalen, 28 aus verschiedenen Teilen Deutschlands. Tie Ausgaben, pro Kind und Jahr betrugen 1917/18 850 Mark. Wie aus dem Rechenschaftsbericht hervorgeht, betrugen die Einnahmen im Jahre 1917/18 . . . 138 066,11 Mark ' Ausgaben im Jahre 1917/18 . . . 128 085,66 Mark. Bei dieser Mehreinnahme handelt es sich aber um einmalige außergewöhnliche Spenden zur Deckung des Defizits der vorhergehenden Jahre. Der Etat für 1918/19 in Höhe von 165 000 Mark ist bisher nur mit einer Summe. von 100 900 Mark durch Pflegezuschüsse, Spenden, Jahresbeiträge und Zinsen gedeckt, so das; noch 65 000 Mark auszubringen sind. Ganz besondere Beachtung verdient die Tatsache, daß das Israelitische Kinderheim in Köln Kinder in jedem Lebensalter und aus dem ganzen Reiche aufnimmt und hierdurch eine nicht genug zu schätzende Wirksamkeit für die Allgemeinheit ausübt, da es die einzige Anstalt ist, die aus einer so breiten Grundlage aufgebaut ist. Ta es auch in der gegenwärtigen Zeit schwer möglich ist, Pläne zur Schaffung von Heimen ähnlicher Art auszusühren, ist es dringend wünschenswert, das Israelitische Kinderheim zu Köln finanziell so zu stärken, daß es seinen laufenden Verpflichtungen gerecht werden kann, anderseits aber auch in der Lage ist, die Anstalt jetzt so zu vergrößern, daß sie den ständig wachsenden Anforderungen genügen kann. Mit vorzüglicher Hochachtung Z e n t r a l w o h l f a h r t s st e l 1 e der d e utsch -en Jude n. Vorstand: gez. Timendorser, Geh. Justizrat. Berwaltnngsrat: gez. Enge;: C a s p a r i. Skutlch-Vkvrrreich. Z. Wien, im April. Die Zentralstelle der Fürsorge für Kriegsflüchtlinge bzw. für die Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina, sofern diese nicht deutschösterreichischer Nationalität sind, hat mit dem 15. März 1. I. ihren Betrieb — wie der amtliche Ausdruck lautet — eingestellt. Man hat den Eindruck, als Hütte sich ein ganzer Staat aufgelöst. Denn die erwähnte Zentralstelle bildete durch viereinhalb Jahre einen Staat im Staate mit einer Bevölkerungszahl von etwa 300 000 Seelen unter der Leitung des unermüdlichen Herrn Tr. Rudolf v. S ch. w a r z - H i 11 e r. Die Katasterzahl schließt mit rund 70 000 Parteien, und da das Gros der Parteien aus Familien besteht, so kann man durchschnittlich rechnen, daß hier etwa 300 000 Personen in staatlicher Unterstützung abwechselnd in kürzeren oder längeren Zeiträumen gestanden haben, und zwar nicht nur in barem Gelbe, sondern auch in Kleidern, Schuhen, Wäsche, Bettdecken, Polstern, Strohsäcken, ärztlicher Hilfe, Arzneimitteln, Prothesen, Schulbüchern, Schulgeldern, Rechtshilfe betreffs Kriegsschulden, Unterhaltungsbeitrügen und vieler anderer Angelegenheiten, Reisekarten und Reisezehrung usw. usw. Die Frequenz in der Zentralstelle, wo jeder Flüchtling verschiedene Angelegenheiten hatte, kann auf viele Millionen geschätzt werden. Die Audienzen beim Leiter pflegten sich bis spät in die Nacht hineinzuziehen, zumal die Leute auch in privaten Angelegenheiten dessen Hilfe suchten und fanden. Nun ist es still geworden in der Zirknsgasse, und die hier noch weilenden unterstützungsbedürftigen Flüchtlinge, die aus Mangel an Transportzügen lvie aus Furcht vor dem Kriege und den Pogromen dorthin nicht zurückkehren können, sind nun jeder Hilfe bar. Ihre Not spottet jeder Beschreibung. Die von den Polen zugesagte Million Kronen behufs Ermöglichung der weiteren Unterstützung läßt noch immer ans sich warten. Da setzt die Privathilfe, die Wohltätigkeit, wiederum wacker ein. Tie Wohltütigkeitsatte gegenüber den Flüchtlingen war immer grandios. Es bestand buchstäblich ein Wetteifer an Wohttnn, lvie sie die Welt noch niemals sah. Wenn auch nm einzelne Sterne glänzen, lvelche nicht gerade ihr Geld, sondern, was noch wertvoller ist, ihre Kräfte, ihre hohe Seele den Armen weihten, so gibt es doch nicht minder herzechte, stille Wohlwt'cr, lvelche dem Worte „Zedaka" alle Ehre machen. Der sehnlichste Wunsch der armen, heimatslosen Flüchtlinge geht dahin, wieder einmal einen sicheren Hasen zu finden, der in noch so liebenswürdiger Weise erteilten Wohltaten entbehren und ihren edlen Wohltätern irt gebührender Weise danken zu können. Angarn Z. Budapest, im April. Der I s r ae l i t i s ch e H a n d w e r k s - und A ck e r b a u v e r e i n ist eine Schöpfung des ungarischen Judentums, deren Tätigkeit und nahezu hundertjähriges Programm trotz des veränderten Zeitgeistes keinerlei Aenderung bedarf. Der Verein erzieht intelligente, ehrlich denkende und gut ausgebildete Handwerker, Gärtner und Landwirte, und nie vorher hat diese Tätigkeit eine größere Aktualität besessen als in der heutigen schweren Epoche der wirtschaftlichen Regenerierung des Landes. Anläßlich der am 5. d. M. abgehaltenen Sitzung des Direktionsausschusses gedachte Präsident Baron Dr. Adolf K o h n e r schmerzerfüllt des außergewöhnlich schweren Bertnstes, der den Verein durch den Tod des