Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1919)
- Date
- 1919-04-25
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 & & Berlin, 23. April. Die I ü ö i f di«e B lind e n a n st ä ft für Deutschland kann ans ein arVeits- und ergebnisreiches Geschäftsjahr zurückblicken. Die Zahl der Insassen ist im Berichts-, fahr von 25 auf 31 gestiegen; 12 davon gehören der Schulabteilung, 10 den Beschäftigungsabteilungen an und 0 sind bereits über das erwerbstätige Alter hinaus. Um die 6 Neuanfgenonnnenen unterzubringen, war die Anstaltsleitung genötigt, eine Wohnung zu mieten. Unter den Neuaufgenommenen befindet sich ein taubstummer Blinder, mit dem nur in der Fingersprache verkehrt werden kann, welche der Direktor und mehrere Insassen der Anstalt beherrschen. Hierdurch ist es gelungen, ihm alle Arten von Blindenarbeiten sowie Lesen und Schreiben der Blindenschrift, und auch das Maschinenschreiben beizubringen: in der bereits in der Anstalt befindlichen taubblinden Dichterin Fräulein Bergmann findet der Neuausgenommene Anleitung und Stütze. Die Versorgung der jüdischen Kriegsblinden wird von der Jüdischen Blindenanstalt für Deutschland gemeinsam mit der Zentralwohlsahrtsstelle der deutschen Juden geregelt. Für jeden jüdischen Kriegsblinden wird ein Pfleger bestellt, dessen Ausgabe es sein soll, neben der pflegerischen und fürsorglichen Behandlung des Blinden auch dessen Familie zu beobachten, zu betreuen und für genügende Versorgung einzutreten. Tie Leitung der Blindenanstalt übernimmt es, aus ihrem Vorstande oder aus ihren Mitgliedern Pfleger zu gewinnen, während es die Ausgabe der Zentralwohlsahrtsstelle sein wird, alle für die Durchführung der Pflegschaft erforderlichen vorbereitenden Maßnahmen zu treffen, so insbesondere die gegenwärtigen Verhältnisse der bekanntgewordenen Kriegsblinden sorgfältig sestzustellen. Mitteilungen über jüdische Kriegsblinde müssen seitens der Gemeinden und Privatpersonen möglichst bald an die Zentralwohlfahrtsstelle in Berlin erfolgen. Die Vermehrung, der Insassen stellte vermehrte außerordentliche kostspielige Anforderungen an die Verpflegung. Tie Ausgaben sind um mehr als das Vierfache gestiegen. Der Anstalt sind im verflossenen Jahre von wohltätigen und vermögenden Glaubensgenossen erhebliche Mittel zugeflossen, um diesen gesteigerten Ansprüchen nachzukommen. An größeren Zuwendungen waren zu verzeichnen 25 000 Mark, die Frau William Neu mann, die Witwe des Begründers der Anstalt, spendete, 10 000 Mark von Herrn V o g e l s d o r f und 8000 Mark von Geheimrat Leder m a n n. Tie Mitgliederbeiträge beliefen sich auf 21 800 Mark. Unter den Ausgaben stehen die Verpslegungskosten mit. 21 466 Mark an erster Stelle. Die seit neun Jahren bestehende Anstalt steht auch weiter unter Leitung des bewährten Direktors F r i e d b e r g e r , der als Erfinder einer hebräischen Blindenpunktschrift auch in nichtjüdischen Fachkreisen berechtigtes Ansehen genießt. * §2 Berlin, 23. April. Die Verbindungen in K. C., wie die Abkürzung für den „Kartellooirvent der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens" lautet, haben während des Krieges und der Reval ukiouszei-t einen ganz auffallenden Aufschwung genominen, was um so bemerkettsiverter ist, als man nach vielfachen Stimmen hätte glauben müfscn, daß dem K.-E.-Ge danken, der Synthese zwischen T e,u t s ch t u m u n d I u d e n t u nt, durch die nationaljüdische Bewegung Abbruch geschehen wäre. Das genaue Gegenteil ist aber der Fall. Bei Aalsbruch des Krieges gab es neun K.-E.- Vc r bin düngen an deutschen Universitäten. Während des Krieges kam noch eine zehnte, die Nassovia zu Frankfurt a. M., hinzu. Int letzten Semester sind aber außerdem! nach an zwölf deutschen Hochschulen neue Pflanzstätten für den K.-E.-Gedanken gegründet worden. Bemerkenswert ist dabei.- insbesondere, daß in Berlin wegen der übergroßen' Zahl der jungen' Mitglieder die Verbindung geteilt und neben der bisher bestehenden Spwvia eine neue Verbindung Silesia gegründet werden mußte. Auch m Breslau, Frankfurt, Heidelberg und München ist die Zahl der Mitglieder so groß, daß an eine mindestens zeitweise Teilung gedacht werden muß. Atlßer der Silesia entstanden noch von neuem Verbindungen: die Rlheno-Bavaria in Atünster., die Albingia in Halle, die Vtsurgia in Göttin gen tln-d die R'h:n'0-Pal,ati'a: in Würzburg.- Ferner sind folgende durchweg starke Stammtische gegründet worden', von denen die meisten die Aussicht bieten, sich zu Verbindungen ausznbauen: Stauf ia in Gießen, Hafsia -in Marburg, H'ansea in Rostock und Hakari in Greifswald. Auch an Techni'scki.'-n Hochschulen hat der K. E. neben Darmfstad.t erneut Fuß gefaßt. Der alte Stammtisch mit K.-E.-Tendenz Badenia (Karlsruhes der sich während des Krieges suspendiert hatte, ist nunmehr als K.-E.-Stammtisch kouftit.uiert wordett. Ebenso ist in Hannover rin Stammtisch Suevi^a gegründet worden. Besonders 'bemerkenswert ist, daß alle diese netten Verbindungen nicht in der Hauptsache von. den aus, dem Felde zurückgekehrten Mitgliedern ins Leben gerufen worden sind, die, ja meist in höheren Semestern stehend/dem Ende ihres Studiums zueilen müssen. Ueberall sind es zahlreiche junge Sentester, welche das Aufmachen der Verbindungen ertttäglicht hab>en. Die Zahl der K. C.er, welche bet Atlsbruch des Krieges 945 betrug, hat sich während der neuen Smester bis zur Zahl 1450 gehoben. Auch unter dent weiblichen Teil der jüdischen Studentenschaft -hat der K.-C.-Gedanke guten Boden gesunden. In Berlin ist die Stubentinnenverbindung nt.it K.-E.-Tendenz Hevellia unter tüchtiger Leitung gegründet worden. Ueberall zeigt sich eine erfreuliche Regie m lei t der jüdischen akademischen Jugend im Si.nine der Ideen», auf denen der K.E. und der Zentrnlverein deutscher Staatsbürger Mischen Glaubens beruhen. er. Kosel, 18. April. Anläßlich des Wegzuges des Kaufmanns Max Koslowsky nach Breslau, der während vieler Jahre ein bewährtes Mitglied der Gemeindekörperschaften gewesen, wurde -demselben nach einer ehrenden Ansprache des Repräfentantenvorstehers eine künstleri'sch ausgestattete Ehrenurkunde überreicht. —- Kantor Gruschka aus Breslau hat seit Anfang dieses Monats seine hiesige Stellung in der Gemeinde an Stelle des vergangenen Kantors K i k s m a n n übernommen. — Bei der unter dent Vorsitz des Bürgermeisters Kremser vorgenommenen Neuwahl eines stellvertretenden Vorstandsmitgliedes an Stelle des Kaufmanns I. Hahn, der sein Amt freiwillig niedergelegt hatte, wurde von der Nepräsentantenversamntlung der Kaufmann Siegmuud Boß als solcher neugewühlt. -- Posen, 18. April. Eine Pr o z e n t tt o r m i n d c r R e ch ksan w a l t s ch a s t, durch die die Zahl der jüdischen Rechksanlrälte in Posen beschränkt werden soll, hat der Leiter des Justizdepartements, Rechtsanwalt Wieczynski, propagiert, der Vorsorge verlangte, daß im Posener Lande die Rechtsanwaltschaft nicht jüdisch würde, mie etwa in Galizien, wo etwa 80 Prozent der Anwälte Inden wären. Gegen diese Aeußerung einer verantwortlichen Sülle erhebt der Indische Volksrat in einem Schreiben an den Obersten polnischen Volksrat energischen Protest. Es heißt in der Erklärung des Jüdischen Valksrates: „Wir haben nicht die Pflicht und auch nicht das Recht, für die jüdischen Rechtsanwälte das Wort ztt führen. Tie Ansichten des Herrn Rechtsanwalt Wicczyn'ki, von denen bemerkt wird, daß sie in der Vollversammlung allseitige Zustimmung gesunden haben, bedeuten jedoch für die jüdische Gesamtheit. eine schwere Gefahr, die uns zwingt, jetzt schart unsere Stimme zu erheben. Wenn die Zahl der jüdischert Rechtsanwälte in der Gegenwart oder Zukunft herabgesetzt werden soll, so kann dies nur geschehen, indem ans dem Wege des Gesetzes oder der Verwaltung Juden aus dem Bereiche ganz oder teilweise ausgeschlossen werden. Damit ist die in einem modernen Staate selbstverständlich von uns verlangte und uns auch verheißene Freiheit der wirtschaftlichen und beruflichen Betätigung verletzt. Wir können nicht dazu schweigen, daß man von den höchsten Stellen der gegenwärtigen Verwaltung die Juden in den freien wirtschaftlichen Berufen bedroht. Tie jüdische Gesamtheit hat aber auch gerade an einer freien Advokatur ein lebhaftes Interesse. Sie kann und will die Männer nicht missen, die, ausgerüstet mit allen Kenntnissen des Rechts und der Gesetze, bereitstehen, um den Bedrückten und Verfolgten Rat und Hilfe zu gewähren. Wenn in jedem freien Staate die freie Advokatur ein Grundrecht und eine Säule der Freiheit ist, so kann gerade die jüdische Minderheit in unserem Lande ihren Schutz nicht entbehren. Wir bitten daher ergebenst, die durch die Attsführungen des Herrn Rechtsanwalt Wieczynski geschaffene. Beunruhigung ztl» beseitigen." Aus die Antwort des Polnischen Volksrates darf man einigermaßen gespannt fein. Polnische Dementis sind allgemach billig geworden- ... — Breslau, 18. April. Der Verein Deutscher Studenten, der Hort antisemitischer reaktionärer Gesinnung in der deutschen Studentenschaft, versucht mit allen Mitteln an der hiesigen Universität eine kleine geistige Judenhetze zu veranstalten, zu der die „jüdische Regierung" den Anlaß liefern soll. Der Verein Deutscher