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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-04-25 · Heft 17 (25.4.1919) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 17 (25.4.1919)
Date
1919-04-25
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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63. Jahrgang. Nt. 17 Berlin, 25. Hprit Itzitz Der Gemeindebote. Bellrye zur „Allgemeinen Leitung deK Judentum-". Sorrrspondkn?rn und Nachrichten. Srutschisnü. E. M. Berlin, 23. April. Am Donnerstag, 10. April, trat im Berliner Gemeindehause auf Einladung der Für sorgekommi f.fioii der Jüdischen Gemeinde die dritte Konferenz der jüdischen, Jügendfilvsorge zusammen. Vertreter der interessierten V e r w a l t u n g s - k o m m i s s i o n e n der Berliner Jüdischen Gemeinde, der Vereine, die Jagend Pflege üben, sowie Delegierte der Groß löge, der Zentralwohlsahrts stelle der deutschen Juden, des Deutschen Kreises der I ü d i s ch e n Turner s ch a s t und Vorstandsdamen des I ü d i s ch e n F r a u e n 5 u n b c * . nahmen au der Tagung teil. Herr Eugen (La spar y, der rührige Vorsitzende der Fürsorgekommiision, gab in seiner Eröffnungsansprache ein trübes Bild der wachsenden Verwahrlosung, die leider auch unsere jüdische Großstadtjugend ergriffen hat. Tie Zahl der der Jugendfürsorge zugeführten, von Verwahrlosung bedrohten oder sittlich.gefährdeten jüdischen Minderjährigen betrug vor dem Kriege 75 bis 80 jährlich; sie erfuhr im Kriege eine rapide Steigerung und erhöhte sich 1917 auf 366 Fälle, darunter 114 Kriminalfälle. Hiervon kamen 36 zur Zivangserziehung, die übrigen wurden teils unter Schutzaufsicht gestellt, teils genügte die Einleitung einer einfachen Pflegschaft. Diese Zahlen beweisen, daß nach dem bisherigen System nicht weiter gearbeitet werden kann. Bei den vorhergegangenen Erörterungen war die Notwendigkeit, ausreichende Schutzmaßinahmen für unsere gefährdeten Jugendlichen zu schaffen, allgemein anerkannt und beschlossen worden, durch Gründung von Jugendheimen, Ausbau des Vormundfchaftswesens und Vertiefung der pflegerischen Behandlung der Einzelsälle die Jugendpflege umziigeftalren. Tä aber ein Erfolg dieser Arbeit unbedingt von chflematischer Arbeitsteilung und sachmännifcher Beratung aohängt, fall die heutige Konferenz nach Mitteln suchen, welche die Voraussetzungen schaffen. — Als erster Redner sprach Rechtsanwalt Dr. Bau m über den Z u s a m m e n j ch l u tz der j ü d i s ch e u I u g e iidsürf o r g e, die, ivie in allen andereil zlreisen des ceulfchen Volkes, auch für uns Juden eure Lebensfrage geworden i )t. Zur Erreichung befriedigender Ergevniße ist die Zufammenaroen aller Fürforgeorganifanonen in unserer Gelneinfchaft eine uuerlützliche Vorbedingung. Der notwendige Zufammenfchluß der beteiligten Organifationen soll Leineswegs die einzelnen Vereitle ihrer ^elvstänoigteit berauben, um Gevefreudigre.t und Arbeitseifer der einzelnen Mitarbeiter nicht zu hemmen. ^er befie Weg wäre die freie A r be i t s g e m e i n f ch a f. t, rn der Mmel und NLeufcyeniiialerial der einzelnen Vereine ausgetaufcht werden loniilen. Es ivürde dann endlich gelingen, zu verhüten, daß ein Jugendlicher m nuferer Gemeinde an geeigneter Fürforge Atangel leider, xit Auf- ^aven oer ArvensgemeuifQ)ast - ooer eines zu begrün-denoeri ..^üdtfcheu Jugendamts" — find doppelter Statur. ES gilt, der l^aatlith-en und rnlertonfessionellen Jugendfürforge gegenlioer das luoifa-e Jnrereffe zu wahren und anoerfeus für die religiofe Erziehung der jüdischen Pflege de fohlen Ab zu forgen. Das wichtigfre otei amx Jüdischen Iugenopflegearbeit, die Erhaltung der jüdischen ^'-cmetnschaft, darf nichtaus oem Auge verloren werden. — Rechistluwalr ^r. L a m m veschaftigre sich m einem eingehenden Referat uiir oer Organisation oer Morschen Jugendpflege, deren einzelne Organe er in eitlem „Jüdischen ^ugenoamr" zufammenfaßen lvrU. Jtt om Aufgaoen dieses ^ugenoamtes gehörren unter anderem: o.e paltetinoerauffichr, die Jur sorge für uneheliche Kinder, die ^erusSvormunofchaft, ALutterfchutz und Säuglingspflege, Fürforge für die gefährdeie Jugench Jugeuogericyrshofe; uno fchliegnch die lutitmtrtung oer der Fürsorgeerziehung, xw Einzelaufgaven sind oiir-ch die veireffenden epezialvereme und die Ge nie i n-detommi ssw neu unter Kontrolle uno Leitung des JUgen-vamtes m Zufammenarveu mir den betreffeuden Stellen der allgemeinen Wohlfahrtspflege zu erfüllen. Alle Hilfstätigteit für Jugendliche muß in 'den Händen jüdischer Mitarbeiter liegen. Die bisherige Förderung der Jugendvereine durch die Gemeinde genüge nicht, da die pflegerische Arbeit gerade die Jugend erfassen muß, welche der Jugendbewegung nicht angehört. Auch der körperlichen Ausbildung der jüdischen Jugend ist verniehrtes Interesse zuzuwenden. Durch eine systematische Arbeitsteilung unter den angeschlossenen, Organisationen kann die notwendige Vertiefung der Arbeit erzielt werden. Um die Kräfte zu sammeln und richtig auszunutzen, sollte ein Mittelpunkt für die gesamte Jiigendwohlsahrtspslege diirch die Begründung eines I ü d i s ch e n I u g e n d n m t e s geschassen iverden, dessen Angliederung an das geplante Jüdische Wohlfahrtsamt beut Vorstände durch eine Resolution empfohlen wird, welche für die Frage des Jugendschutzes und alle daraus hinzielenden Bestrebungen dauernd die größte Arfmertsamkeit fordert. Als zweckmäßigste Maßnahme schlägt die Resolution die Begründung einer Jugendabteilung bei dem geplanten Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde vor. Die Referate der beiden Redner fanden die ungeteilte Zustimmung der Versammlung. Amtsgerichtsrat Wolfs vom Vorstände der Jüdischen Gemeinde stellt die Zustimmung seiner Körperschaft zu dieser Resolution, in Aussicht uud betont die Bereitwilligkeit der Gemeindeverwaltung, die Ertüchtigung der jüdischen Jugend in geistiger und körperlicher Beziehung nach Möglichkeit zu fördern. Für den deutschen Kreis der Jüdischen Tlirnerschast erklärt ein Vertreter die Bereitschaft der Jüdischen Turnerschaft zur Mitarbeit au der so lange vernachlässigten Jugendpflege und betont besonders die Notwendigkeit der Errichtung von Spielplätzen und der Pflege von Turnen und Sport. Die Bereitwilligkeit des Jüdischen Frauenbundes stellt Frau Helene AL e y e r - S t a r g a rdt in Aussicht. -- Ein Ausschuß von zwöls Mitgliedern soll die Begründung des Jugendamtes vorbereiten, in dem außer Vertretern der Gemeindeinstttutionen Delegierte des Frauenbundes, der Zentralwohlsahrtsstelle, des Verbandes jüdischer Jugendvereine, der Turnerschaft, ein Rabbiner, ein Arzt, ein Lehrer und eine Lehrerin angehören sollen. Berlin, 23. April. Die S a m m e l v o r m u n d s ch a f l der I ü d i s ch e n Gemeinde bezweckt nach dem Musterbeispiel bereits früher begründeter ähnlicher Anstalten anderer Konfessionen jüdische Mündel, die infolge Armut, Verwaisung und Unehelichtelt oder aus ähnlichen Gründen schutzbedürstig stno, unter jüdischem Einfluß heranzuzlehen und durch die shstematische Unterstützung der Arbeiten der Waisen- und Für;orgekomMission unserer Gemeinde fremde Einflüsse bei der Erziehung und Unterbringung der jüdischen Alündel nach Alöglichter-t fernzuhalten. Die Tätigkeit des Berufsborm.undes unlerfcheidek sich in nichts von der des Eiuzelvvrinimdes. Auch ihm untersteht die Leitung und Aufsicht der Erziehung, Auswah l der Erzi eher, Beru sswahl und Berns sau sbi l du ng, Rechtsfchutz ufw. Einen grotzen Arbeitsaufwand erfordert die Ausübung der Vormundfchaften für uneheliche )üdlfche Kinoer. Der Krieg hat die Sitlenlofigtell stark vermehrt., ^uxus und Vl,nfprüche grotzgezogeli, und Berlin ist gewisserinaßen eure Zentral, stelle für uneheliche Geburten, weil die werdenden Acütter, um in oer Hermat der Schande zu entgehen, zur ^tiedertunst nach Berlin flüchten. Aber auch ausländifche, befvnoers galizianifche Vtuner fteuen ein grotzes Kontingent; es gelang aber auch m vielen Fäuerl, die Eheligtert durch.nachfolgende ^egnnation her-verzuführen. Der Krieg hat aber auch den Arbeitskreis der Sammelvormundschafr wefentlich erweitert, denn es wurden auch Beistandfchaften für eheliche Kinder und Gevrechlichreitspflegfchaften übernommen. Auch ist die Uebernahme von Pslegfchasten für verwahrloste oder der Verwährlosung bedrohte Jugendliche geboten und auch für solche ALtnoerjährige, die üon, der Fürsorgekommisston ohne Vorliegeu ernes Gerichtsbejchlusses übernommen' werden. Die jüdische Sammelvormundfchaft in Berlin hat in fünfjähriger Tätigteit die Angelegenheiten von 660 ALündeln bearbeitet, von denen 508 außerehelicher. Geburt waren. An der Spitze der Sammelvormundschast fleht als Berufsvormund ein Rechtsanwalt., ehrenamtlich betätigen sich bei der Sammelvormundschaft 14 Pflegerinnen und 9 Pfleger; neben ihnen wirkt eine Berufspflegerin .in besoldeter Stellung. Es ist zu begrüßen, daß die rieugeschaffene Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden die Einrichtung jüdischer Sämmelvormundschasten als einen der ersten Punkte in ihre Arbei.t aufgenommen hat.

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