Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1919)
- Date
- 1919-04-25
- Page
- Seite 180 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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180 einzige lebende Mensch sind, den ich zweimal aufgefordert, mich zu besuchen, und bei dem ich zweimal meine Karte abgegeben. Weder dränge ich mich anderen auf, noch will ich von anderen belästigt werden. Sie aber machen eine Ausnahme. Ihre Freundschaft ist mir lieb und wert. Nein, nicht diesen Stuhl. Kommen Sie und nehmen Sie hier Platz. Haben Sie schon gespeist? Soll ich Ihnen etwas vorsetzen lassen? Mein Koch hat es in fünf Minuten fertig. Nein? Aber hier ist Wein und hier sind Zigarren. Bitte, bedienen Sie sich nach Belieben. Komisch! Erst vor zehn Minuten bin ich nach Hause gekommen, da meine Herzenskönigin .mir schon gestern sagte, daß sie heute auf meine angenehme Gesellschaft verzichten muß. Ich habe deshalb außerhalb gespeist, und ietzt sitze ich da und weiß nicht, was ich mit mir beginnen soll. Gerade fing ich an. mich ein wenig ui movsen . . . Sagen Sie, Klaßner. Sie haben doch keine Eile? Wollen Sie hier über Nacht bleiben? Das Fremdenzimmer steht zu Ihrer Verfügung." ,.Jch muß für Ihre Liebonswürdiakeit danken. Meine Mutter erwartet mich nicht zu spät zurück." Beide machten es sich beguem und Burger beaann endlich. ,.Was ich noch sagen wollte. Freundchen, mit Bezug auf die Angelegenheit. die ich neulich mit Ihnen nt erörtern die Ehre hatte-so hat sie zu allgemeiner Zufriedenheit ihre Erledigung gefunden. Ich war wohl damals ein bißchen stumpfsinnig, als ich mit Ihnen darüber sprach, und bin daher wobl etwas gewaltsam vorgegangen. Mädchen sind doch ganz komische Tierchen, und se weniger man sie zu etwas drängt. desto schneller lausen sie von selbst gerade dorthin, wo man sie Haben will. Wenn ich die Sache vorher nur ein wenig leichter genommen, desto eher wäre es mir gelungen, meine Herzensdame herumzubekommen. (Fortsetzung feint) Literarisch? Mitteilungen. — Jüdische ft I i e o e r i in Krieg e. ein Blatt der Erinnern na von Tst. Felix A. The ilh aber (Berlins. Berlin 1919. Vertag von Louis Lamm. Wäre der Weltkrieg sieareich gewesen, so wären wir von einer Sturmflut von Kriegsliteratnr überschüttet worden. Unsere unsäglich traurige Niederlage wird wenigstens den einen Vorteil haben, daß enie solche Flut an uns vorübergebt. - Trokdem muß anerkannt werden, namentlich angesichts des wüsten Treibens der Antisemiten, daß von jüdischer Seite versucht wird, Proben jüdischen .Heldenmuts *'i Zeigen und den Gegnern zu Gernüte zu führen, daß die Inden nicht bloß als Soldaten pflichtaemäß das getan. wozu sie genötiat waren, sondern daß sie sich auch freiwillig -mm Flugwesen meldeten, darin hervorragendes leisteten und ihren Mut bäufia mit dein Tode besiegelten. Tbeikhaber bat in seinem Buche nach emer kurzen Einleitung, d^ über die Leistunaen der Juden in d"n Kriegen von 1818 und den folgenden bandelt, sieb streng an sein Tbema gehalten. Er behandelt hauptsächlich die in ihrem Berns Gefallenen und gibt kurze Lebensskizzen der einzelnen', denen vielfach Bilder bergegeben sind. Bst w<miaen ist nur der Name genannt, von aar mancher werden interessante Briese abgedruckt oder anerkennende Schreiben der Vorgesetzten nntgeteilt. Hier kann natürlich nicht die sehr große Reibe der einzelnen wiederholt werden. Meist sind es Junge, vielfach kaum dem ersten Jünglingsalter Entwachsene: der 62jährige P. Spiegel ist eine der wenigen Ausnah inen. Da, wie gesagt, nicht alle Namen hier wiederholt werden können, so begnüge ich mich, auf Franz Nosin. den Sohn des bekannten Juristen, hinzuweisen, und erwähne, daß mit besonderer Vorliebe und Ausführlichkeit von den tapferen Jünglingen Max Holzinger, Ernst Müller. Max Pappenheimer, Heinz Bettsack Kunde gegeben wird, die alle Inden waren und blieben und den Heldentod starben. Auch von den einzelnen, die kurz vor dem Ergreifen' ihres Berufes als, Flieger ihren Glauben wechselten, wird berichtet. Das ganze ergreifende Buch, das ein anziehendes Bild jüdischer Heldengesinnung gibt, schließt mit folgenden Sätzen, die sich ' an die Anführung der bekannten Zuckerman.n scheu Verse anschließen: ..Und noch ein anderer jüdischer Dichter hat in seinem Nachlaß ein Bild zurückgelassen, das ergreifend schlicht alles das in wenige Worte zusammen faßt. Es ist das Bild des jungen, 20jährigen Ludwig Franz Meyer, Sohn eines Sanitätsrats aus Griefen, der um dieselbe Zeit inr Frühjahr 1915, wie der ältere Walter Heymann und Hugo Zuckermann, vor Sochaczew tödlich verwundet wird und wenige Tage später stirbt. Aber sein Bild lebt und klingt wie die Synthese weichherzigen Judenschmerzes und kraftvollen Jndenstolzes: Ich weinte lange, eh' ich Lieder sang. Dann aber legten sich die weißen Tränen, Und über mich kam kraftbeschwingtes Sehnen Und gab mit weicher Worte schönen Klang. Ich weinte lange, eh' ich Lieder sang . . . Doch nicht zu singen nur bin ich aus Erden, Nicht um zu singen weckt' ich meine Brüder — Das ist mein Ziel, daß alle meine Lieder In großen, krastbeschwingten Taten werden. Denn nicht zu singen nur bin ich ans Erden! Ich möckste das Buck dringend nickst bloß den Antisemiten zur Lektüre, sondern auch unseren Glaubensgenossen zur Stärkung ibrer Gesinnung empfehlen. L. G. * — Henriette G n s d s cb m i t: Vom Kindergarten *itr .Hochschule für Frauen. Ein Rückblick auf hie An türme der deutschen Frauenbewegung und das Erziebnnatzwerk ftriedricki FröbekK. Leipzig. 1918. Sondernbdrnck an^ der Zeitschrift für pädagogische Psychologie. Verlag von Quelle n. Meyer in Leipzig. Die areise Altmeisterkn der deutschen Franeubewemlna. die am 23. November 1918 ihr 93. Lebensjahr vollendete, die letzte der noch Lebenden, die vw länger als einem halben Jahrhundert den Sieaeszug der neuen Bewegung von Leipzig ans vorbereiten halsen, hat ihre Mitschwestern, die aesamte deutsche Frauenwelt, n'mast mit einer unaemein wertvollen Gabe beschenkt. In bewundernswerter Geistesfrische und HerzenSwärme legt sie die Geschichte ihres Lebens- Werkes klar. Friedrich.ftröbels Weckruf an die deutschen Frauen, mittätig zu sein an einem die Menschheit nmsgssenden Werke, war nickst unaehört verhallt. Ungeachtet aller Anfeindungen, die er erfuhr — die Reaktion untersagte die Einführung von Kindergärten — wurde seine begeisterte Jünaelin Frau v. Marenholtz-Bülow zur- Verkünderin seiner Lebre nicht nur in Deutschland, sie trug diese in alle Länder des Auslandes, selbst bis nach Amerika. Auch Henriette Goldschmidt vertiefte sich mit binaebnnasvollem Eife^ in ftröbels Lehre, und als sie 1878 den Verein für Familien- und Volkserziehuna in Leivzia begründete, wurde zunächst ein Volkskindergarten eröffnet, dem bald das Seminar für Kindergärtnerinnen folgte. Schon 1874 wurden wissenschaftliche Vorträge für Damen eingerichtet, die von Universitätslebrern gehalten wurden und Frau Goldschmidt selbst Gelegenheit gaben, ftröbel einem gebildeten Frauenkreise als den Pädagogen der weiblichen Jugend näherzubringen. Auch in dem 1878 von Frau Goldschmidt begründeten Lyzeum stand wie im Seminar Fröbels Lehre im Mittelpunkt; an beiden Anstalten hat Frau Goldschmidt jahrzehntelang den pädagogischen Unterricht erteilt und durch die echt mütterliche Güte ihres Wesens den tiefsten Einfluß ans Tausende von Schülerinnen ausgeübt. Auch für ein weibliches Tienstjahr in einer autgeleiteten Fröbel-Schule ist Frau Goldschmidt schon vor einer Reibe von Jabren lebhaft eingetreten. Als letztes, höchstes Zie^t ihres Strebens galt ihr die Begründung einer Hochschule für Frauen in Leipzig, diese sollte die noch fehlende Ausgestaltung des Fröbelsckien Erziehnngswerkes bringen und die weibliche Jugend in das lichte Reich der Wissenschaft führen. Im Oktober 1911 wurde die Hochschule eröffnet. Frau Goldschmidt, die das große Wort geprägt hat, „der Erziehnngsberuf ist der Kulturberuf der Frau", sieht in einer neuen Generation die Erneuerung des Menschengeschlechts, den Trost und die Hoffnung unserer Zukunft. Sie hat die hohe Genugtuung empfunden, in ihren ihr im Tode vorausgegangenen Glanbensschwestern Johanna Goldschmidt in Hamburg, Lina Morgenstern in Berlin und Jenny Asch in Breslau Zeit- und Gesinnungsgenosiinnen besessen zu haben, die sich gleich ihr für die Lehre des großen Kinder- und Menschenfreundes begeisterten und wesentlich zu deren Verbreitung beitrugen. Wir empfehlen die wertvolle Schrift, deren reichen Inhalt wir leider nur andeuten konnten, angelegentlichst unserer Frauenwelt. Breslau. Regina Neiße r.