Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1919)
- Date
- 1919-04-25
- Page
- Seite 179 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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179 deute mir daher Ihr Schweigen als ein günstiges Vorzeichen, sonst hätte mich ein Wort von Ihnen schon längst in meinen Erklärungen und Ausführungen unterbrochen. Ich will daher jetzt von unserer Rasse, vonunserer Gesamtheit avsehen, um auch ein Wort Wer unsere engere Gemeinde zu sprechen. Ich möchte jetzt sehr gern Lei der Klasse Juden Anker werfen, zu der auch Sie gehören. Nicht etwa als eine Art Abbitte, weil ich ihr eine Zeitlang den Rücken gewendet, sondern weil mir unser ganzes Volk am Herzen liegt. Wenn ich mich nicht ihrer Klasse voll anschließe, würden sie mich immer noch nur als einen Geduldeten, als einen Eindringling über die Achsel ansehen wollen. Das aber würde mein Vorhaben vereiteln. Ich muß ihr ganzes Vertrauen besitzen, das Ansehen, das sie einem der ihrigen zugestehen. Ich verhehle es mir nicht, daß es eine schwierige Ausgabe, ein hohes Ideal ist, das ich mir gesteckt, daß man mir dabei auch andere Motive unterschieben könnte: allein ich wiederhole, daß dieses für meinen Zweck unerläßlich ist, und der Erfolg wird meine lautern Absichten klar zutage fördern. Meine Kenntnisse der Gemeindeangelegenheiten des Ostens während der letzten zwölf Monate haben mich manches gelehrt, haben mir für manches die Augen geöffnet. Es hat mich gelehrt, daß das Wohl und Gedeihen der Gesamtheit nur von der Eimakeit abbängt. Es ist wahr, dem unbeteiligten Beobachter bieten wir ja eine alatte, unbewegte Oberfläche, durch keinen Sturm aufgeregt; wir selbst aber wissen doch, welche aeaensätzliche Masse wir sind, zerrisien dllrch Widersprüche, gespalten durch Parteiungen, -ersetzt durch das Sektenwesen, so daß wir nie genügenden Svielramn für Krastentfaltuna erlangen werden, bis wir Frieden unter uns geschlossen. bis'wir eine Brücke Zwischen Ost und West geschlagen. Und ich - ob ne Einbildung, ohne mich einer Ueberhebnna schuldig ut machen, ohne iealich-e Selbstverh>errlichung - ich bin einer der Smtmcifter, hip für diese Brücke erforderlich sind. Ich bin gleichsam eine Zusammensetzung beider Teile und Parteien: der einen gehöre ich durch meine Geburt an. der anderen will ich mich durch Adoption verbinden. Ich bin ia mit den charakteristischen Eigenschaften und Verschiedenheiten beider wohlvertraut, ich kenne ihre Trennungs-, aber auch ihre Einigungswnlkte. Obne diese Kenntnis aber kann das Resultat nur neue Fehler Zeitigen, nur neue Verwirrung im Gefolge haben. Ich und iene anderen mit derselben Fähigkeit, die ich nur mich versammeln möchte, würden als Pioniere, als Vermittler zwischen beiden Ertremen wirken. Früher glaubte ich, daß der Bau dieser Brücke von jener Seite begonnen werden müßte: aber ich bin zu der Erkenntnis gekommen, daß jene durch die Unterdrückung, Knechtung und Verfolgung, die sie in dem Stiefvaterlande erduldet, von dem sie vertrieben wurden, ihre Oraanisationsfähiakeit, ihre Willenskraft beeinträchtigt und erschüttert hat. Von Ihrer Seite, Alice, muß das Werk in Angriff genommen werden. Sie, die Starken, durch Intelligenz und Bildung, müssen den Schwachen und Mühseligen die Hand reichen, um ihnen den Aufschwung zur Höhe zu erleichtern. Das ist es, warum ich hier festen Fuß fassen will, um mit dem Beistand Ihrer Kameradschaft das Recht als Führer zu erlangen." Es war das erstemal, daß sic aufblickte, so daß er ihre Auaen sehen konnte, in denen er einen leisen, feuchten Schimmer erblicken zu können glaubte, der: er sich nach Gutdünken allslegen mochte. „Ich fürchte, daß meine Werbung um Ihr Herz, Alice, einen gar p praktischen Farbenklang hat, indem ich so viele abseits liegende Gründe ins Feld geführt. Aber ich denke, daß gerade diese bei Ihnen am schwersten ins Gewicht fallen werden. Ich hoffe auch, daß Sie den Tribut der Wertschätzung Ihrer Person, der darin liegt, auch richtig bewerten werden. Das war ja auch die Ursache, daß ich bisher nur das erwähnt, was meine Person betrifft; absichtlich habe ich von Ihrer Persönlichkeit geschwiegen, um nicht durch Ihre eigene unglückliche Lage irgendeinen Druck auszuüben." „Ich habe das wohl herausgefühlt und bin Ihnen dafür sehr dankbar," sprach sie leise. „Mir 'dankbar? Wofür denn?" fragte er etwas befangen. „Weil ich gezwungen wäre. Sie zu erinnern, daß ich, gewollt oder ungewollt, gebunden bin." „Aber sonst?" fragte er mit verhaltenem Atem. „Sonst aber dürfte ich Ihnennicht erlauben weiter zu sprechen. Ich wäre ja ailch nicht imstande gewesen alles anzuhören." „Es war Ihnen also doch nicht unlieb mich anzuhören?" „Nein, ich war -sogar froh darüber." Er richtete sich plötzlich auf und fragte kühn: „Was aber gedenken Sie dennoch zu tun.?" „Nichts, solange ich gebunden bin, solange er mich nicht freigibt." Ein Ruf der Enttäuschung entfuhr seinen Lippen. „Haben Sie denn selbst gar keinen Mut, um sich selbst frei zu machen?" „Hier handelt es sich nickt um Mut," sagte sie ruhig; „hier bandelt es sich um die Ehre!" Mötzlich, unerwartet aber brach ihre lang unterdrückte Leidenschaft hervor. „Ach, warum kommen Sie denn p mir, anstatt zu ihm p gehen? Welche schwere Sünde haben wir beide uns setzt aufgebürdet! Wir haben ehrlos gehandelt, wir haben schändlichen Verrat geübt! Aber ich verdiene es! Ich war die ganze Zeit falsch gegen ihn, und dement sprechend schätzen Sie mich ebenfalls ein!" Ktamler schwieg verwirrt unb unzufrieden. Es dauerte einige Minuten, bis er wieder sprechen konnte. .Si'' haben -"'cbt. Ich hätte Ihnen diese Ppl nicht aickbalsen sollen. Ich sehe mein Unrecht ein, daß ich nicht zuerst mit ihm gesprochen. Ich habe mich fortreißen lassen und will meinen Dehler wieder gutmachen. Alice, darf ich mit ihm sprechen?" „Ia, macken Sie Ihren und meinen Fehler wieder gilt! Sagen Sie ihm alles, alles und bald! In Gottes Namen! Wir wollen ehrlich sein und nicht mehr Versteckens spielen, toe-b'"* mit ipn. noch mit uns selbst!" ..Gut. So soll es sein, Alice!" suchte er die Aufgeregte zu h^schwichtiaen. ..Nichts soll sich -.wischen uns ändci-n. solange gelnmdl'n sind, bis er Sie sreiaibt." Er Welt imm und suchte in seiner Rocktasche. „Auch das Heutige soll ungeschehen werben, und ich bin Ihnen nur begegnet, um Ihnen dieses Buch -u überreichen. Es ist das einzige der ganzen Auflage, das ich der Vei'nichtung entzog." Er hielt ihr das Buch bin. zog es aber bald wieder zurück. „Oder ziehen Sie es vor, daß ich es Ihnen selbst überbringe?" „Nein. Weden geben noch überbringen, aber Sie können es mir schicken. Wenigstens habe ich etwas von Ihnen, statt Ihrer. Nein, kommen Sie nicht selbst, oder erst nach einigen Taaen." Sie verließ ihn eilig, fluchtartig, ohne sich p verabschieden, ohne zurückzublicken. Er aber folgte ihr mit den Augen, soloeit er sehen konnte, dann erst ging auch er fort. 29. Als Klaßner den Allsgang des Tiergartens erreicht hatte, iah er nach der Uhr. Es war noch nicht spät. Er überlegte schnell. Älice hatte ihn gebeten, bald mit Bllrger p sprechen. Eilig bestieg er die Straßenbahn, lind mv\ halbe Stunde später zog er die Glocke an Burgers Billa. Mit einer eigenartigen Empfindung erfuhr er dllrch den Diener, daß Herr Burger allwesend sei. Bllrger gab bei Klaßners Anblick ein freudiges Erstaunen p erkennen. „Mein lieber Freund, endlich haben Sie doch noch einmal den Weg zu mir gesunden! Ich versichere Sie, daß Sie der