Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1919)
- Date
- 1919-04-25
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
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176 Bestrebungen der jüdischen Lehrerwelt Berlins und Deutschlands aufs innigste verknüpft. Ein gütig Geschick schenkte der jüdischen Lehrerschaft zur rechten Zeit den Mann, der nach Neigung und Befähigung als der ideale Führer gelten konnte. Was er an Fähigkeit besaß, was in ihm an Gedanken- und Gefühlswelt lebte, und nach außen drängte, offenbarte sich zuerst, als sich Anfang 1895 eine Anzahl jüdischer Lehrer in Berlin zu einer Vereinigung zusamimenschlossen. Bald hatte jeder das Gefühl: Dieser und kein, anderer wird Leiter unseres Vereins. Ueberrafchend genug! War er doch den meisten kaum mehr als dem Namen nach bekannt. Und doch natürlich! Auch der Gleichgültige spürte, wie von ihm ein Geist ausstrahlte, der alle unwillkürlich beseelte. Jeder hatte das Bewußtsein, daß hier eine Kraft im Werke war, die mit unermüdlichem Eifer und mit dem größten Geschick sich für die Sache der Lehrerschaft und der Schule ein setzte. Adler war der geborene Vereinsvorsitzende. Mit welcher Leichtigkeit wußte er die Schwierigkeiten in den Verhandlungen ul überwinden, die Gegensätze auszugleichen und ein gedeihliches Ergebnis ur erzielen, wo keiner es mehr erhoffte. Dabei kam ihm seine schnelle und scharfe Auffassung des Wesentlichen, die meisterhafte Handhabung des Wortes zustatten. Er war nicht nur ein schlagfertiger Debatter, sondern beherrschte als Leiter auch geistig den Verlauf der Erörterung. Wenn es galt, die echte Stimmung zil erzeugen, stand ihm Ernst und Scherz der Rede, Kraft und Leichtigkeit des Tones in gleicher Weise zu Gebote. Oft genug, fiel ihm die Aufgabe zu, in öffentlicher Sitzung, bei festlichen oder ernsten Veranstaltungen durch eine Ansprache die Weihe der Stunde zu erhöhen. Da stand er dann, frei von jeder Pose,, von allem geivreizten Wesen, ein natürlicher Mensch, und unaekünMt, ohne Pathos war sein Wort. Aber wie wußte er trotzdem Me Töne anzuschlagen! Wie verstand er es, die Menschen zu rühren und sie zu erheben, sie lachen und weinen zu machen! Es war eine Freude, ein asketischer Genuß, ihn bei. solchen Gelegenheiten reden, ihn eine Versammlung leiten zu sehen. Uns älteren Lehrern, die wir von Beginn an sein Wirken erlebt haben, uns geht das Herz auf in der Erinnerung an die Zeiten, da sein Auge über die Versammlung blitzte. An seinem Feuer entzündete sich auch das Herz der Gleichgültigen: uw er stand, da keimte Leben, weil in ihm selbst das Leben glühte. Eine Persönlichkeit wie die Adlers war nach ihrer Bildung und Stellung, wie nach ihrem Wesen der gegebene Mittelpunkt der jüdischen Lehrerschaft Berlins und Deutschlands. Er gehörte zu den wenigen akademisch vorgebildeten Lehrern, die die - Solidarität des gesamten jüdischen Lehrerstandes betonten. Deshalb gesellte er sich gleich anfanas zur gemeinsamen Arbeit den Volksschullehrern bei, und diese Treue hat er bis an sein Lebensende gehalten. In seiner Persönlichkeit ist es hauptsächlich begründet, daß in der Wissenschaftlichen Vereinigung wie im Verband der jüdischen Lehrervereine akademisch und seminarisch Gebildete friedlich miteinander arbeiten am Wterke der Erziehung. Am stärksten offenbarte sich der Zauber seines Wesens nicht im amtlichen Verkehr, nicht in öffentlichen Sitzungen, sondern im traulichen Beisammensein nach den Sitzungen, bei Festen und Ausflügen. Dann löste sich alles von ihm los, was noch von Amt und Würde an ihm haftete, und nur der Mensch trat in die Erscheinung. Man fühlte sich nicht fremd an seiner Seite, weil sofort das Bewußtsein einer besonderen Anteilnahme erwachte. Von ihm strahlte im persönlichen Verkehr eine Wärme aus, die jeder empfand, die sich unwillkürlich auf alle übertrug. In solchen gemütlichen Stunden würden die Herzen geöffnet, oft ganz verschiedene Naturen traten einander näher, und das Band um sie wurde fester geschlugen, als es durch alle sonstigen Dereinsveranstältungen geschehen konnte. In demselben Geiste und mrt demselben Erfolge wirkte Adler, als er in einen weiteren Krnis trat, in den Verband der jüdischen Lehr ervereine im Deutschen Reiche. Wohl ist er nicht der eigentliche Urheber dieses Verbandes, wie er auch die Begründung der Wissenschaftlichen Vereinigung nicht eigentlich angeregt hat. Aber beide Vereinigungen können trotzdem ihn mit vollem Recht als ihren Schöpfer feiern. Die Ideen, die in ihnen verwirklicht wurden, entsprachen seinen eigenen längst gehegten Wünschen, und es war natürlich, daß er an ibrer Ausaestaltuna den hervorragendsten Anteil nahm, daß ihm die Führung anvertraut wurde. Aus ihn aeht die ganze Eristenz des Lehrerverbandes und seiner Schöpfunaen zurück. Ohne ibn ist weder die Begründung noch die Wirksamkeit in den fast 25 Jahren zu denken. So groß auch die Zahl der Mitarbeiter war und ist. so Bedeutendes auch einzelne Persönlichkeiten aeleistet haben, im Grunde ist es doch Adler gewesen, dessen geistige Kraft alles belebte, alles in Bewegung setzte. Aber er ward mebr als das, als bloß der Bahnbrecher und Vorkämpfer, als der Berater und Förderer: er war vor allem der Freund, der in Freud' und Leid an der Seift. der Lehrerschaft stand. der mit ihr jubelte und trauerte, dessen Seele an ihre Seele geknüpft war. der sich eins fühlte mit den Hütern der Jugend, zu deren Beistand ihn seine innere Stimme aetrieben hatte. Und als der Lehrerverband, ebenso wie vorher die Wissenschaftliche Vereinigung, ihn zum Ehrenmitaliede und m ihrem Ehrenvorsitzenden ernannte, da hatten beide Vereiniauraeu nicht eine Ehrung Adlers, sondern die eigene Ehrung vollzogen. Daß aber auch Verkennung, ia Anfeindung ihm nicht erspart blieb, wen sollte es wundernehmen bei einem Manne, der üch nickt scken in seine Studierstube zurückzoa. sondern so wie er mitten im Leben stand und es n\ meistern suchte? Der bei aller Entschiedenheit des Strebens doch immer die Kunst des Möglichen übte, dem deshalb das Ziel alles, die Art des Weges nebensächlich war? Der in seinem Optimismus oftmals im Geiste sckion erfüllt sah, was erst Wunsch und Hoftnuna war. uvh der deshalb manchem Zuhoffnunasseliaen ebenso wie sich selbst eine unerwartete, schmerzliche Enttäuschung bereitete? Aber keine Verkennung berührte ihn im innersten Herzen, kein Undank verbitterte ihn. Der hoffnunas- . freudige, zuversichtliche Glaube an die Güte der menschlichen Natur wie an den endgültiaen Erfolg seiner Bestrebungen war zuweilen wohl die Quelle manches Irrtums und Fehls, aber auch zugleich der Urgrund seines glücklichen und beglückenden Wesens. Als ein freudiger Optimist, der ein edles, hohes Ziel erreichbar vor sich sieht, hat er gelebt und gewirkt, und in freudigem Optimismus —- trotz schwersten persönlichen Leides — ist er von uns gegangen. Aber er ist uns nicht entschwunden. Ein Erbe hat er uns hinterlassen, das er sein Leben lang gehütet, dem er sein Herz und seine Kraft geweiht hat: diehing eben de Arbeit an der jüdischen Jugend und die freudige Hoffnung auf d en Sieg um ihre Seele. Und uns, seinen Erben, hat er auch den Weg gezeigt, aus dem allein dieses Ziel gewonnen werden kann. Nichts anderes ist's, als was sein ganzes Leben und Wirken offenbart: Treue und Liebe! — Gesang des Herrn Oberkantors Wilhelm Friedmann sowie ein Geigenvortrag des Herrn Konzertmeisters Rosenthak schloffen die stimmungsvolle Feier.