Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1919)
- Date
- 1919-04-25
- Page
- Seite 175 (sequence 7)
- Language
- German
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175 uns gegangen ist, das Bild des immer regen, nimmer rastenden Freundes wird in unserer Mitte dauernd leuchten; was er dem Berliner Schulwesen, der jüdischen Schule überhaupt und der jüdischen Lehrerschaft gewesen, wird 'in uns, in der Nachwelt nicht verlöschen. Als vor nun fast 30 Jahren Adler nach Berlin kam, wurde -er in jungen Jahren der Amtsnachfolger eines Mannes, der sich in der Wissenschaft eine wohlbegründete, unbestrittene Stellung errungen hatte, dessen Charakter scharf umrissene, eigenartige Züge trug. Kein größerer Gegensatz ist denkbar als der zwischen Steins ch n e i d e r und A d l e r. Auf den Mann der Wissenschaft, den seine Forschungen in die Zeiten der Vergangenheit führten, und der aus ihnen die Schätze des Geistes heraushob, unbekümmert darum, ob sie in lebendiges Gut der Gegenwart umgemünzt werden konnten, aus den weltabgewandten Gelehrten folgte ein Mann, der, obwohl Historiker von Fach, mit beiden Füßen im Leben der Gegenwart stand, das lebenbejahende, lebensfreudige Weltkind, das nichts Schöneres kannte, als mitten im Weltgetriebe einherznschreiten. Adlers Bedeutung liegt nicht auf dem Gebiete der Wissenschaft, und gelehrte Forschung selbst in seinen Sonderfächern war' nicht sein Ziel. Die Studierstube blieb nicht seine Welt. Wie ein Mose ging er hinaus zu seinen Brüdern, und da er ihre Lastarbeit sah und ihre Fron, so richtete sich schon früh sein Blick auf die Umwelt, auf die Gegenwart und Zukunft der jüdischen Schule und der jüdischen Lehrerschaft. Am Leben draußen mitzuwirken und es in seinem Sinne zu formen, dafür seine Kraft, seine Persönlichkeit einzusetzen, das war früh schon sein Streben. Die Tätigkeit an der Mädchensckiule engte darum seinen Gesichtskreis nicht ein. Sein Amt als Schulleiter in der größten Gemeinde Deutschlands faßte er vielmehr als eine sittliche Verpflichtung auf, hinaus über die enge Welt einer Schule zu wirken, nickt bloß in persönlichem Eintreten für die Gesamtheit, sondern auch durch Emporbebung seiner Anstalt zum mustergültigen Vorbild. Bei solcher Auffassung gewährte ihm die Leitung der Mädchenschule eine Wirksamkeit, die weit hinausragte über den Kreis der Amtspflichten. Hier fand er zuerst Gelegenheit, die Kraft und Vielseitigkeit seines Wesens zu offenbaren: Er war ein Organisator von Gottes Gnaden, und er wußte zugleich allen seinen Schöpfungen den Stempel seiner Persönlichkeit aufzudrücken. Mit dem klaren Blick, den ein gütiges Geschick ihm verliehen hatte, erkannte er bald, was in seinem Amtsbereich zu wandeln sei: Sollte die Mädchenschule in Zukunft nicht zurückbleiben, so war eine Erhöhuna der Lehrziele notwendig; denn die Gegenwart stellte erhöhte Anforderungen an die geistige Bildung auch der Töchter des kleinen Kaufmanns, Handwerkers. Beamten, des Unbemittelten, aus denen sich das Schülermaterial zusammensetzte. Der Ausbau zum achtstufigen System war sein erstes Ziel, und — in wenigen Jahren hatte -er ihn durchgeführt. Bald aber sah er die Notwendigkeit ein, die Schülerinnen auch in den Stand zu setzen, sofort nach der Entlassung erwerbsfähig in den Beruf zu treten. Die Kurse in Stenographie und Schreibmaschine, die er für die Schülerinnen der Oberklasse schuf, haben es nranchem Mädchen erruöglicht, in jungen Jahren nicht bloß sich einen lohnenden Erstarb zu schaffen, sondern auch den- Eltern eine Stütze zu sein, so daß daraus für viele Familien unserer Gemeinde reicher Segen geflossen ist. Sie bildeten zugleich den Grundstock der Oberklasse, die unter Adlers Nachfolger ausgebant wurde. So hat Adlers Schulorganisation der Umwandlung in eine neun-stufige Mittelschule, wie sie die Bestimmungen von 1910 notwendig machten, aufs glücklichste vorgearbeitet und ihre Durchführung erleichtert. Welche Fülle von Forderungen der innere Aufbau an den Leiter stellt, weiß jeder, der eine Neuorganisation miterlebt hat. Adler war überall Anreger, -im Kleinsten wie im Wichtigsten. Seine Fähigkeit, leicht und schnell zu arbeiten, fcmt ihm dabei trefflich zustatten-, vor allem aber die glückliche Gabe, sich in den Geist jedes Stoffes einzufühlen, selbst auf Gebieten, die er wissenschaftlich nicht beherrschte, ja, die ihm völlig fremd waren. Leicht ist ihm die Tätigkeit in seinem Amte nicht geworden, und nicht alle Träume erfüllten sich. Der Widerstände hatte er ehr gerüttelt Maß zu ilberwind-en, bei den Behörden wie im Lehrerkollegium. Sein Ziel war von vornherein eine Verjüngung des Lehrerkollegiums; aber für absehbare Zeit mußte er mit den gegebenen Kräften rechnen. Bei den Bemühungen, sie für feine Bestrebungen zu gewinnen, trat seine außerordentliche Kunst der Menschenbehandlung und der Zauber seiner Persönlichkeit zutage. Frei von jeder Engherzigkeit und Pedanterie, wußte er nicht bloß jeden auf den Platz zu stellen, auf dem er den größtmöglichen Erfolg zu erzielen vermochte, sondern auch jeden in seiner Art zu packen und dauernd anzuregen; vor allem verstand er es, in jedem, zu dem er in nähere Berührung kam, eine Saite anzuschlagen, die jener vielleicht selbst noch nie in sich hatte klingen hören. Und weil man empfand, daß in Adler selbst stets -die ganze Persönlichkeit eingesetzt war, daß in ihm lebendiges Feuer glühte für die Sache und herzliche Anteilnahme für die Person, so fing es alsbald an, um ihn warm m werden, und wenn -auch einiae wenige grollendabseitsstanden. aus persönlr-cker oder sachlicher Abneigung, die meisten Herzen flogen ihm zu; in ihnen war etwas geweckt, was über den Tag hinaus währte, was ihm die Zuneigung dieser Mitarbeiter eiutrug und sie ihm bewahrte, auch als er längst in die Ferne gezogen war, auch übers Grab hinaus. Und nickt geringer, vielmehr nock mächtiger war der Zauber seiner Persönlichkeit auf seine Schülerinnen. Er war fern von jener selbstgefälligen Eitelkeit, die mit süßem Augenaufscklag und schmelzendein Ton die Heranwachsenden Schülerinnen zu gewinnen sucht. Dazu war er zu ernst in seinen Forderungen trotz der sprudelnden Lebendigkeit seines Unterrichts, und die Neiauna zum schwärmerischen Sickgehenlassen bekämpfte er mit Sckärfe und oft genug mit treffendem Svott. Wenn sie trotzdem wohl ohne Ausnahme -- mit beaeisterter Liebe und Verehrung an ihm hingen, so lvar das nicht die übliche Mädchensckwärmerei, die jedem jungen Lebrer zuteil wird-, und die schwindet, wenn der Lehrer sie verläßt. Es war das tiefer wurzelnde Gefühl, das die Herzen erglühen, die Augen leuchten macht, auch noch nach Jabren, wenn die Schülerin schon längst im Berufe steht und Frau und Mutter ist. Und noch beute, wenn der Kreis der ehemaligen Sclmlkameradinnen sich zusammenfindet, überkommt sie die beglückende Erinnerung an sein Wirken, an die Zeit, da ein Mensch vor ihnen gestanden, da ein Menschenherz andere Menschenherzen geweckt hat. Für Adler, meine Damen und Herren, war der Amtsbereich, so ausgedehnte Betätigung er ihm auch gewährte, nicht die Welt, die ihn ausfüllte; fein- Haus war die Welt u m ihn, die Welt der j ü d i s ch e n S ch u l e und der j ü d i s ch e n Lehrers ch a f t. In ihrem Dienst tätig zu sein, in ihrem Kreise zu stehen und für sie zu wirken, war seine Sehnsucht, seit er auf seinem Platz in Berlin stand, seitdem er in ein großes jüdisches Zentrum gestellt war. Von 1895 ab, dem Jahre, irr dem die Wissenschaftliche Vereinigung und der Verband der jüdischen Lehrervereine im Delltschen Reiche gegründet wurden, ist sein Name mit den sozialen, pädagogischen und wissenschaftlichen