Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-04-25 · Heft 17 (25.4.1919) · p. Seite 174

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 17 (25.4.1919)
Date
1919-04-25
Page
Seite 174 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229392-3229407--74823-3287295
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

174 als auch die innerpolitische Lage zurzeit hat, beantworten. Aus unseren heiligen Schriften geht das hervor. Es sind die großen schönen Gedanken, die Völker zu verbinden durch Recht und Gerechtigkeit, in einem Bunde den Völkern Licht zu bringen, so das Licht des Wissens, der Wahrheit und der Gerechtigkeit, die Augen gegen die Verblendung zu öffnen, mit einem Worte: Kultur zu verbreiten. Kultur der Einsicht, der Ueberzeugung, der Erkenntnis und des Verständnisses; nicht der blinden Gläubigkeit, der gedankenlosen Phantastischen Geheim'lehre; alle fesseln der einzelnen wie der Völker gilt es zu lösen, alles ihre Selbstbestimmung Unterdrückende zu beseitigen; diejenigen, die in der Nacht des Daseins zu seufzen gezwungen sind, sind der Helle eines zufriedenen Lebens zuzuführen. Unseren prophetischen Lehren entspricht der von den Rabbinern des III. Jahrhunderts in die Ordnung des höchsten Feiertages eingeführte Wunsch: „Gib, o Herr, unser Gott, daß Ehrfurcht vor Dir sich aller Deiner Geschöpfe bemächtigt, eine Scheu vor Dir alle Deine Wesen durchdringe, auf daß alle Geschöpfe Dich suchen, alle Menschen vor Dir sich beugen, alle in einen Bund zusammentreten, Deinen Willen mit ganzem ungeteilten Herzen zu vollziehen- Tann werden die Gerechten es sehen und sich freuen, die Rechtschaffenen frohlocken, die Frommen in Jubel ausbrechen; das Laster wird verstummen, und alle Frevelhaftigkeit wird ganz wie Rauch vergehen, wenn Du die -Herrschaft des Hochmuts von der Erde hinwegnimmst und Du allein über alle Deine Werke regierst." Aus allen diesen von Urbeginn bis in unsere Zeit festgehaltenen Grundgedanken der jüdischen Gotteslehre geht allerdings keine deutliche Weisung hervor, welcher politischen Rartei sich ein Jude an.nrsck'lieben habe, weder in beurg auf die innere noch auf die äußere Politik. Aber das eine wird doch deutlich. Als bewußter treuer Anhänger.der sittlichen Grundlehre, die den Kern derselben ausmacht, kann und darf er nur da sein und Mitwirken, wo es gilt, „Gefangene zu befreien, Blinden die Augen zu öffnen", oder wie der Prophet den Juden zuruft, „aufschließen die Schlösser der Niedertracht, aufumchen die Knoten der Unterdrückung, die Bedrängten in die Freiheit entlassen, jedes Joch zerstückeln, jede Bedrückung aus unserer Mitte entfernen, jedes Fingerlangen und Gewaltreden; den Hungernden sein Herz hingeben, den Entbehrenden Seelensättigung bereiten". Freilich sind solche Worte keine nüchtern formulierten volitischen Aufgaben, aber sie sind deutlich genug, um im Innern keinerlei Vergewaltigung irgendeines Menschen oder Bürgers, weder aus Standesnoch ans Stammes-, Geburts-, Rassen- oder Religionsdünkel zu fördern, sondern soziale Wohlfahrt in seelenergnickender Weise zu pflegen. So sind für jeden thoratreuen Inden die innerpolitischen Aufgaben festgestellt und dürfen noch heute eine sehr beherzigenswerte Weisung sein. Und die außenpolitischen Aufgaben, das Verhältnis zu allen anderen Völkern? Fast mit den Worten unserer Zeit verlangen die Propheten, verkünden sie als das Ziel der Zukunft: das Völkergericht, die Abrüstung, die Unterlassung der Kriege, die Umwandlung aller Kriegsindustrie in Arbeit für den Ackerbau, die Landwirtschaft, den Weinbau, die Olivenpflanzimg; Verhinderung jedes Krieges rmd Einstellung der kriegerischen Jugenderziehung. Tie sechs Fragen, die die Deutsche Friedeusgesellschast bei den Wahlen an die Politischen Parteien richtete, müssen von jedem Juden, der sich seines Judentums bewußt ist, der in Deutschland lebt und sein Vaterland liebt, ohne Zweifel und ohne jedes Zögern mit ja beantwortet werden. Das Wilsonsche Programm wird in seinen Grundforderungen ebenso zweifellos jeder Jude zu Leitpunkten seiner politischen Auffassung machen, gerade weil er sich seines jüdischen Weltideäls bewußt ist. Freilich wird er aber auch als deutscher Jude mit aller Entschiedenheit verlangen, daß der Völkerbund so eingerichtet wird, daß das deutsche Volk, das nunmehr sein Geschick selbst bestimmt, als gleichberechtigtes Glied in Ehren dem Bunde angehöre. Die Versöhnung der Völker wird ebenso Pflicht für das deutsche Volk sein wie für alle anderen. Will man alle diese auf Versöhnung der Völker, auf Völkergericht, Völkerfriede, Kriegsbeseitigung, Abrüstung, Sel'bstbestimmungsrecht der Völker gerichteten Bestrebungen mit dem Namen „Pazifismus" benennen, so wird es die Aufgabe eines jeden deutschen Juden sein, ein Pazifist mit ganzem Herzen zu sein. Die jüdischen Gemeinden, die ihren Gottesdienst haben, betonen ohnehin dieses pazifistische Streben bei jedem Hauptaebete durch das Kaddischgebet. In demselben sprechen sie die Bitte aus. daß das Reich Gottes auf Erden bald erstehe: und im Schlußgebet verkünden 'sie ihr festes Hoffen, daß einst alle Völker fid) dahin Zusammenschlüßen werden, nur Gott als Gesetzgeber anzuerkennen. Ebenso wie der Gemeindegottesdienst der Juden täglich die pazifistischen Bestrebungen heiligt, so tut es auch der israelitische Religions- und Weltunterricht. Er lehrt die Jugend, ein Gottesreich mit herbeiführen m Helsen, nicht durch Menschengewalt in imperialistischem Sinne, sondern durch den Geist der Wahrheit und der Liebe, wie die Anerkennung des einzigen Gottes es fordert. Gedenkfeier kür Direktor Dr. S. Udler. m 5. April veranstaltete die W i s s e n s ch a f t l i ck. e V e r e i n i g ung jü bischer L ehr er und L e h - r e r i n n e n * u Berlin in der Aula der Mädchenschule eine Gedenkfeier für ihren ehemaligen Vorsitzenden, den Geh. Studienrat Direktor Dr. Adler. Nach einem Geigenvortrag des Herrn Konzertmeisters Rosenthal, der Rezitation des 90. Psalms durch Fräulein Erna Hirschfeld und einem Ehorgesang des Mädchenschulchors hielt Herr Seminarlehrer Falken b e r g folgende Ansprache: Meine Damen und Herren! Hunderttausend, ja Millionen Opfer hat das vierjährige Votkerrinaen gefordert; Hoffnungen wurden zu Grabe getragen, ehe sie zur Entfaltung gelangen konnten, blühende, lebenskräftige und lebensfreudige Jünglinge wurden ver- > nichtet, noch bevor sie an die Verwirklichung ihrer Lebensaufgabe herantreten konnten. Haben wir in all dem Jammer der Welt ein Reckt zu klagen, wenn ein Mann von uns geaanaen ist. dessen Lebenstag sich bereits zum Abend neigte, dessen Lebenskraft durch heimtückische Krankheit unheilbar untergraben war? Dürfen wir klagen, wenn wir den Lebensgang dieses Mannes überschauen, dem ein gütiges Geschick vergönnt hat, Jahrzehnte hindurch seiner Lebensaufgabe nachznaehen rmd in Erfüllung seines Strebens reichen Segen auszugießen über die ihm anvertrauten Anstalten, über die iüdiscke Schule und Lehrerschaft Deutschlands, über das ganze Judentum? Nein, nicht klagen! Aber der leisen Wehmut können wir nicht wedren, daß sein treues Auge nicht mehr auf uns blicken wird, daß wir seinen klugen Rat, sein treffendes Urteil entbehren müssen in einer Zeit, da die Umwälzung des Bestehenden der jüdischen Schule und der jüdischen Lehrerschaft neue, noch völlig ungeklärte Aufgaben zuweist. Um so dankbarer werden wir es empfinden, daß wir ihn fast 25 Jahre zu den Unfern zählen durften, daß er in dieser langen Zeit unermüdet mit uns und für uns wirkte, daß es uns vergönnt war. an seiner Seite und in seinem Sinne an dem Bau der Jugenderziehung mitzuschaffen. Und ob auch sein irdisch Teil von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.