Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1919)
- Date
- 1919-04-25
- Page
- Seite 173 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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173 mäßig auf alle ohne Unterschied der Konfession und Abstammung Anwendung findet. Die Regierung fordert somit alle Zur Wahrung der Ruhe und der öffentlichen Ordnung auf und warnt, daß jeder, der sich aus eigenem Antriebe oder durch Ueberredung anderer verleitet zu Gewalttätigkeiten, Ueberfällen oder irgendeinem anderen Vergehen gegen die Sicherheit des Lebens und Eigentums, sei es der Juden oder Christen, hinreihen liehe, festgenommen und mit der Strenge des Gesetzes der Strafe Zugesuhrt werden wird. Das nach Beseitigung der Okkupation wiedererstehende Polen muß zuju Muster eines Rechtsstaates werden, fein Name muß rein und von jede.u Unrecht unbefleckt bleiben. Jeder, der dies vergißt, ist des eh ce wellen Namens eines freien polnischen Burgers unwürdig." Die Tatsache, daß die Polnische Regierung sich endlich entschließt, im Interesse der Würde des polnischen Startes vor weiteren Pogromen zu warnen, ist an sich gewiß anzuerkennen. Aber die Straflosigkeit der Mörder von Lemberg, deren Namen in der Oeffentlickkeit bekannt sind, Nachrichten über neue Pogrome in Kalisch, Busk und Wielun und das Blutbad in Pinsk unter den Augen der polnischen Regierung und unter dem Schutz der polnischen Miliz und der polnischen Legionäre zeigen hinreichend, daß mit derartigen Aufrufen nichts getan ist und daß die polnische Regierung in energischen Maßnahmen ihren ernsten Willen Zum Schutze der jüdischen Bevölkerung be-- künden muß. Bis dahin wird die polnische Regierung die Mitverantwortlichkeit für die Pogrome nicht von sich abwälzen können. * Aus Rumänien liegen folgende nicht besonders ermutigende Nachrichten vor: Eine jüdische D e l e a a t i o n beim M i n i st e r des Inneren. Die Bukarester Zeitschrift „Jzbanda" berichtet: ..Eine Delegation der „Union einheimischer Juden" ans Jocsam erschien bei Mr. Marzesco, bem Minister des Inneren, und unterbreitete ihm ein Memorandum über solaende Frage: Die Enaueten. die in Jocsani veranstaltet werden, um die Straffälligkeit derjenigen festen stellen, welche im Dienste des Je in des gestanden baden, baden einen aanz besonderen Charakter angenommen. Das Preßburean bei der Verwaltung des Departements Jocsani veröffentlicht nur die Namen der sestgenomrnencn Juden und erweckt so den Glauben, daß nur Juden schuldig sind. Je euer fährt man willkürlich fort. Leute, die sich des besten Rufes erfreuen, auf Grund von einfachen Denunziationen festzunehnren, ohne die mindeste Untersuchung, woraus man Schlüsse über ihre mutmaßliche Schuld Ziehen könnte. Im allgemeinen erweckt man durch die Mittel, die man anwendet, den Eindruck, als ob allein Juden mit dem Jeinde paktiert hätten, was falsch ist und einen Schandfleck auf die ganze jüdische Bev ötkerung heftet." Der Minister hat versprochen, Maßregeln zu ergreifen, damit die in dem Memorandum erwähnten Mißstände sich nicht wiederholen. Eine U n t err^dn ng , von Baron Roth'schuld mit B r a t i a n u. Baron Rothschild hatte eine Unterredung mit dein gegenwärtig in Paris weilenden rumänischen Ministerpräsidenten Bratianu über die Judenfrage Rumäniens. Bratianu behauptete, in der rumänischen Armee habe es viele jüdische Verräter gegeben. Auf die Frage Rothschilds, warum diese nicht erschossen worden feien, antwortete Bratranu lächelnd: „Wenn man alle Verräter erschießen würde, so hätte man die halbe Bevölkerung Rumäniens erschießen müssen." In bezug ans die jüdische Gleichberechtigung bewegten sich die Aenherungen Bratianus in allgenreinen Phrasen. Eine kategorische Erklärung Zugunsten der jüdischen Gleichberechtigung konnte Rothschild von Bratianu nicht erlangen, vielmehr gewann er den Eindruck, daß die rumänische Regierrmg die Judenfrage nicht lösen wolle, es sei 'denn, daß sie von der Friedenskonferenz dazu gezwungen werden wird. Das Kopenhagener Zionistische Bureau teilt mit: Die „Iudenfr a ge" in Siebenbürgen. Die „Agence Roumaine" brachte kürzlich eine Meldung, „wonach auch das jüdische Problem in Siebenbürgen gelöst werden soll". Hierzu ist zu bemerken, daß es bis zu der kürzlich erfolgten Besetzung Siebenbürgens durch die Rumänenin Siebenbürgen überhaupt keine Judenfrage gegeben hat. Die jüdische Bevölkerung in Siebenbürgen befand sich bisher im Besitze voller Gleichberechtigung, und eine jüdische Jrage würde dort eben durch den Anschluß an Rumänien erst entstehen. Nach der ganzen bisherigen Praxis der rumänischen Regierung fanu es nicht zweifelhaft sein, daß eine „Lösung" dieser Frage nur in irgendwelchen gesetzlichen Maßnahmen zur Einschränkung der jüdischen Gleichberechtigung in Siebenbürgen bestehen würde. Die Uuksaben des Judentums bei der gegenwärtigen inner-undaußenpoütilchen Situation Drutlchlands. Von Geh. Kirchenrat Dr. Krouer (Stuttgart) I. or allem muß ich den Begriff „Judentum" klarstellen. Mit diesem Worte bezeichnet man bald eine Gesamtheit der einzelnen Juden, bald das Wesen lind den Geist jüdischer Schriften: und hier muß klar gesagt werden, daß es eine organisierte Gesamtheit der Juden nicht gibt, da die Juden durch alle Lande zerstreut sind. Wohl gefällt sich die antisemitische Hehtätigkeit, eine solche, sowohl wirtschaftlich als auch kulturell bestehende Gesamtheit als bestehend zu erklären, aber das alles ist ja eitel Blendwerk. Nickt einmal die Juden Deutschlands sind organisiert zu einer Einheit, auch nicht zu einer religiösen- Verschiedene Versuche, die dazu gemacht wurden, sind kläglich gescheitert; von einer politischen Organisation gar nicht zu reden, denn es gibt Juden in allen Parteien. Deshalb kann man eigentlich nicht von einer Aufgabe des Judentums in Deutschland reden. Wer sollte denn die Spitze dieser Gemeinschaft sein? Selbst der Verband der deutschen Juden in Berlin, dem viele Gemeinden ihre Sympathien zuwenden, besitzt gegenüber den Anhängern der gesetzestreuen orthodoren Richtung ebensowenig Autorität wie die freie Vereinigung der letzteren bei jenem- Der Deutsche Rabbinerverband umfaßt Rabbiner der verschiedensten Ricktungen, aber der Verband gesehestreuer Rabbiner geht wiederum seinen eianen Weg. Das gleiche Verhältnis ist bei dem Verband der jüdischen Lehrervereine in Deutschland und dem entsvreckenden Verband der orthodoren Lehrer vorhanden. Gewiß soll nicht verkannt werden, daß bei aller Zersvlitterung geistige und sittliche Bestrebungen, ein lebendiges Zusammengehörigkeitsgefühl, eine Atmosphäre geistiger Gemeinschaft bilden. Aber was die Juden in Deutschland am meisten zum gegenseitigen Zusammenschluß drängt, das ist die antisemitische Verhetzung. So wälzt man neuerdings alle Schuld des bitteren Unglücks unseres Vaterlandes auf die geringe Mitarbeit der Juden. um die Schuld etwas von den Recken abzuschütteln, die sie in Wirklichkeit auf dem Gewissen haben. Deshalb ist es klar, daß es eine Aufgabe aller Juden in Deutschland ist, sich dagegen zu wehren, soweit sie es ffuf gesetzlichem Wege und würdige Weise tun können. Es ist gewiß erfreulich, daß Professor Förster die große Bedeutung darlegt, die die Juden für alle Völker der Welt erlangt haben. Aus der Feder eines Nichtjuden ist eine solche Anerkennung doppelt schätzenswert. Seinen Nachweisen ließen sich noch viele andere, bis in die neueste Zeit hinein, anfügen. Nun läßt sich die Frage, welche Aufgaben jeder einzelne Jude in Deutschland sowohl in bezug aus die außenpolitische I Aus „Volker-Friede", Zeitschrift der Deutschen Friedensgesellschast.