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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-04-25 · Heft 17 (25.4.1919) · p. Seite 172

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 17 (25.4.1919)
Date
1919-04-25
Page
Seite 172 (sequence 4)
Language
German
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**■ l m s Furchtibare Iudennretzelei in Pinjk. Die Mitglieder des jüdischen Nationaliriates in der Jüdische,, Fraktion im Polnischen Larrdtag erhielten von dem Mtglied der imrerikanischen LebenSinittMommissiom Herrn B. Z n ck e r - mann, der — wie bekannt — in dem Teil von Litauen und Weißrußland, welcher von den Polen jetzt erobert wurde, weilt, folgenden Brief: April E. An die jüdischen Abgeordneten im Polnischen Landtag! Sehr geehrte Herren! Ich, Unterfertigter, Mitglied der ameritanischen LebensmittelkonRn-ission, halte es für meine Pflicht, Euch über das große Unglück, welches die Inden in Pinsk betroffen hat, zu berichten: Als ich in Pinsk weilte, habe ich mich mi-t der Frage der Gründung eines jüdischen Komitees befaßt, welches die Aufgabe zu übernehmen hatte, die Orgaisation der Unterstützungen aus den Geldern, welche von den amerikanischen Juden für die Kriegsopfer gesammelt worden sind, durchzuführen. Eine der dringlichsten Aufgaben dieses Komitees hui: die Verteilung von Mehl für Mazzot unter die ärmste jüdische Bevölkerung. Dieses Komitee wurde organisiert und hatte einen Plan für die Verteilung ausgearbeitet. Die städtischen Kooperativgeschüste sollten die Zentralstellen sein, von welchen aus die Ausgabe des Mehls für die Mazzot erfolgen sollte. Damit das Mehl gleichmäßig unter die arme Bevölkerung verteilt werde, haben die städtischen Kooperativgeschäfte eine allgemeine Konferenz einberufen. Die Konferenz wurde am Sonnabend nachmittag, den 5. April, int Bolkshause, d. h. uu Zionistischen Klub, im einzigen, legalisierten jüdischen Lokal in der Stadt, abgehalten. Ich bin aus Pinsk Sonnabend früh abgereist und aut selben Tage am Abend in Brisk angelangt. Am Sonntag kanten zu mir einige Juden aus Pinsk und haben mir erzählt, daß das polnische Militär das Bolkshaus umzingelte und alle Anwesenden verhaftete. Einige Stunden danach hat man alle Verhafteten ans den Martt geführt imd sie alle bis auf den letzten erschossen. Die Zahl der Erschossenen erreicht laut meinen Informationen, die ich später auf Grund meiner Untersuchungen erhalten Habe, fünfzig bis hundert. Später habe ich erfahren, daß das Militär auch auf die Juden, die zufällig des Weges gekommen find, geschossen hat. Aus derselben Quelle habe ich noch erfahren, daß auch andere dreizig bis vierzig Juden verhaftet wurden. Es ist möglich, daß in diesem Moment, m oent teil schreibe, sie ebenfalls erschossen worden sind. Ich halte es für meine Pflicht, geehrte Herren, Sie darauf hinzuweisen. ,daß ein sofortiges Eingreifen notweltdig ist, weit die polnischen Soldaten, die mit den ^znden, die bei mix aus Pinsk hier wann, zusammen gefahren sind, sich rühmten, daß das, was geschehen ist, noch gar nichts ist und oap es oen ^uoen in Pinst mm) viet^ „heißer' werden soll". Eine Abschrift dieses Briefes, der mit Schreck und Grauen die jüdischen Herzen erfüllt, haben die jüdischen Abgeordneten dem Reichspräsidenten Ptlsudsky sowie dem Kriegsmintster Leszniewski übergeben; außerdem hat der Abgeordnete Grünbaum der der gestrigen Tagung des Landtages eine Abschrift des Briefes dem Minister des Innern und dein Stellvertreter des Mlnistelr'präsidenten Herrn Wojciochowfti überreicht, mit der Bitte, unverzüglich erne Untersuchung einzuleiten. Der Btmister hat versprochen, die Untersuchung einzuleiten. Die lüdifche Presse in Warschau vom 9. April brachte W-e Nanteu etnes Teiles der Erschossenen. Die Liste enthält 23 Namen. Daß die Polen es nrcht unterlassen werden, die Wahryetr auch in diesem entsetzlichen Falle auf den Kops zu stellen und die von den polnischen Horden verübten Greuel nach Kräften zu 'beschönigen mnd zu vertuschen, war von vornherein anzunehmen. Das Unterfangen aber, die unschuldig Ermordeten, sämtlich Angehörige gemäßigter jüdisch-nationaler und national^sozialistischer Parteien, als bolschewistische Verschwörer hinzustellen, die einen Anschlag auf polnische Militärpersonen und Offiziere der amerikanischen Mission planten. — auf letzere, weil sie durch Herbeifchaffung billiger Nahrungsmittel dem jüdischen Handel Abbruch getan haben sollten! - , ist füglich nicht nur das Niederträchtigste, sondern auch das Plumpeste, was je von polnischer Seite zur Beschönigung polnischer Greuel geleistet worben ist. In der Vorimittagssitzung des polnischen Landtages vorn 11. d. Dt. gab dar polnische Kriegsminister, General Leszniewski, nach Einbringung eines Dvinglichkeitsarttrages wegen der Pinsker Vorfälle durch den jüdischen Abgeordneten Pritucki folgenden „Schilderung" der näheren Umstände des Pinster Blutbades zum besten: „Nach der Zurückdrängung der bolschewistischen Truppen hinter dem Raunte von Pinsk waren noch zahlreiche bolschewistische Elemente hinter der polnischen Front geblieben. Die Durchschneidung von Telephorrverbindungen und Eisenbahnstörungen waren häufige Fälle. Die Polnischen Soldaten wurden vor: dön Fenstern aus beschossen. Diese organisierte feindselige Aktion hatte die Entfesselung eines bewaffneten Aufstandes in Purst zur Folge Die jüdischeu Einwohner von Pinsk haben dies in einer Unterredung mit dem Delegierten der amerikanischeu Ntissivn Fraczat zugegeben. Der Komntandant von Pinsk, der von jüdischen Angehörigen der polnischen Armee gewarnt wurde, entsandte einige Soldaten in die betreffende bolschewistische Versammlung. Diese wurden von den Bersaiitmlungsteilnehmeru beschossen. Es wurden 60 Personen verhaftet. Bon den Teilnehmern air der bolschewistischen Zusammenkunft sind 36 standrechtlich er» schossen worden. Nach Pinsk hat sich eine Unter,suchungskontmissivn begeben, der sich Mitglieder der amerikani'sck)en ^tission ungeschlossen haben." Die sozialistische polnische Priesse Warschaus bezeichnet diesen „Bericht" als phantastisch. Dre meisten polnischen bürgerlichen Blätter, die durchweg an'disemttisch sind, geben ihn frerlich mit gutem Anstand wieder. Der besonders erfindungsreiche „Kurjer Poznanski", dem offenbar der „amtliche" Bericht nicht genügend molivtetit und glaubwürdrg zu fein scheint, fügt (in seiner Ausgabe v. 11. d. Dt.) noch von sich aus den folgenden offenbar auf die Harmlosesten berechneten Satz hinzu: „Aus den Auslagen der Bierhasteten geht hervor, daß es sich um einen großangelegten Anschlag hanoekte. Die polnisch,en Militär-. Personen sowie dre Offiziere der ameritanischen Mission, die sich in der Stadt aufhlelten, sollten in der stacht elimovdet werden. Es ist bezeichnend, daß die Offiziere der ameritanischen Mtssion nicht 'geschont werden sollten, und zwar deshalb, weil sie dre Herbeffchasfung von brlligen Lebensrnitteln vermittelten, wodurch für den jüdischen Handel erne gefährliche Konkurrenz entsteht. 30 Bolschewisten sind erschossen lvorden." Aus die Lächerllchtert dieses Lügengewäfches, das die Herbeifchaffung von Nahrungsrm'tetn für dre hungernde jüdische Stadtoovölterung als den Juden schädlich und dre Bollchewisken für den luoischen Hanoel das Leben in dre Schanze schlagen rajzr, ernzugehen, erübrigt sich rvoyl. Ern nach dem „Bericht" des Herrn Krtegsmmisters vom jüdischen Abgeordneten Grunuciuut eurgebrachter Drt ngli chleitsantrag auf Elttsendung einer vejonderen Untersuchurrgstomrnrfsron nach Pmsk unter Betettrgung von jüdischen Vertretern rst zur Annahme gelangt. Dre Lüge von Prnst lvird sich als noch kurzbeiniger erweisen ars dre Lüge von Lemberg. * Erne W arnung des polnischen Ministerp r ä s i d e n t e n Paderewskis vor Pogromen. Laut einer Mitteilung des Pressebureaus der polnischen Gesandtschaft in Wien hat der polnische Ministerpräsident Paderewstis folgenden für die Furchtbarkeit der jüdischen Lage in Polen recht bezeichnenden Aufruf an die Bevölkerung Polens gerichtet: „Böswillige Menschen, denen es darum Zu tun ist, Zwietracht und Unordnung in dem wiedererstehenden Polen Zu stiften, streuen Gerüchte aus, daß Iudenhetzen keinent Widerstande seitens der polnischen Sicherheitsorgane, der Polizei und des Militärs begegnen werden. Diese Gerüchte verfolgen den Zweck, die ungebildeten und leichtgläubigen Massen zu Ausschreitungen, Gewalttätigkeiten und Plünderungen aufzureizen. In einem freien und unabhängigen Pc'en stehen alle Einwohner unter dem Schutze , des Gesetzes, welches gleich-

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