Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1919)
- Date
- 1919-04-25
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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—-171 sie ersucht um die Entsendung tion deutschen Friedensdelegierten rriit Berchandlungs'vollrnachten. Untere Regierung hat daraufhin die folgende, mit entsprechenden Vollmachten versehene Delegation bestimmt: Reichsmimster des Auswärtigen Dr. Graf B r o ck d o r f s - R a n tz a u , Reichs-Iustizminister Dr. Landsberg, Präsident der preußischen Landesversammlung Leinert, Dr. Karl M e l ch i o r (dieser ist jüdischer Konfession) und Professor Dr. Schücking. * Von llnserenl geschätzten Mitarbeiter Sanitätsrat Dr. Scher b el in Lissa i. P. erhalten wir nachstehende beachtenswerte Zuschrift: E i n e e r n st e Mahn u n g. Fast keine der Fragen, die gegenwärtig die Welt Än ganzen und unser Deutsches Reich im besonderen aufs tiefste bewegen und erschüttern, wird jetzt in der Presse und in Versammlungen ohne einen Seitenblick auf die Juden behandelt. Sie können noch von Glück sagen, wenn es objektiv und in rein historischen, tatsächlichen Feststellungen geschieht. So sprach kürzlich der bekannte Geschichtsforscher Pastor prim. lic. Bickerich in Lissa i. P. in einer Versammlung über die Zukunft der Provinz Posen und behandelte dabei auch die nationale Zusammensetzung der Bevölkerung Lissas und anderer Städte Posens in der Vergangenheit. Er führte unter anderem folgendes aus: „Die polnische Einwanderung in die Provinz Posen ist erst im letzten Jahrhundert erfolgt, und zwar in stärkerem Maße erst seit der Einführung der Freizügigkeit (.1867) und der Gewerbefreiheit (1869). Infolge dieser Gesetze haben in der Zeit von 1871 bis 1895 in den Stadtgemeinden der Provinz Posen die Polen um 30,1 Prozent zugenommen und die Deutschen, namentlich infolge starker Abwanderung der j ü d i s ch e n Einwohner, sogar um 1,1 Prozent abgenommen." Da diese jüdische Abwanderung in neuerer Zeit sich noch verstärkt hat, wird wieder der Vorwurf mangelnder Bodenständigkeit gegen die Juden erhoben, ohne daß man den Gründen dafür nachgeht, die vielfach in den schwierigen sozialen und politischen Verhältnissen der Provinz Posen liegen. Weder den Deutschen noch den Polen konnten die Juden es recht machen und kamen in die Gefahr, zwischen den beiden Mühlsteinen zerrieben zu werden. . Aber der Vorwurf mangelnder Bodenständigkeit ist noch harmlos gegenüber den heftigen, leidenschaftlichen Angriffen, die jetzt in gewissen Zeitungen und Versammlungen gegen die Juden erhoben werden. Und das in einer Zeit, wo das Bürgertum, in dem die Inden in ihrer überwiegenden Mehrheit zweifellos einen wichtigen, bedeutungsvollen Kern bilden, sich fester gegen die ihm drohenden Gefahren zusammenfchließen sollte. Es scheint, als ob das Grundübel in der Behandlung der Judenfrage, der Verallgemeinerungsbazillus, in dem Unglück, das Deutschland betroffen, einen Nährboden gefunden hat, so fruchtbar wie nie zuvor. Die Nennung eine s mißliebigen jüdischen Namens genügt, um einen Sturm von Anklagen gegen alle Juden zu entfesseln. Vielleicht wird man gewisse Dinge besser verstehen, wenn man sie als krankhaft ansieht, als ein Produkt der durch den unheilvollen Krieg und seine bösen Folgen hervorgerufenen nervösen Reizbarkeit, die sich in manchen Köpfen bis zur Psychose gesteigert hat. Aber die Juden Dentschslands sollten mehr als bisher zu verstehen geben und es in entschiedenster, nicht mißzuverstehender Weise zum Ausdruck bringen, daß sie sich mit dem Treiben von Mänern, die zufällig einen jüdischen Namen haben, die aber sonst nichts mit dem Judentum verbindet, in keiner Weise solidarisch erklären, daß Juden und Judentum für die politischen und sonstigen Handlungen jener nicht verantwortlich gemacht werden dürfen und daß daraus hergeleitete verallgemeinernde antisemitische Angriffe ein Verbrechen sind an dem deutschen Vaterlande, für das der innere Frieden das notwendigste Lebensbedürfnis, ja das einzige Mittel der Errettung vor dem Abgrunde ist. Die deutschen Juden und ihre berufenen Vertreter müssen daher rn i t a l l e r E n t s ch i e d e n h e i t in der Lefsentlichkeit erklären, daß sie mit diesen überall und immer wieder austauchenden ultraradikalen, bolschewistischen Männern jüdischen Namens nichts zu tun haben, daß mit ihnen keinerlei Gemeinsamkeit besteht, daß das Judentum für ihre Worte und Handlungen nicht verantwortlich gemacht werden darf. „Die Juden müssen", wie ein Führer der Deutschnationalen Volts- Partei erklärte, „e n e r g i s ch von ihnen a b r ü ck e n , sonst werden sie mit ihnen in einen Topf geworfen und wie sie behandelt werden." -- Diese Drohung und den dumpf gärenden Groll im Volke, das in seiner Unzufriedenheit nach einer Ablenkung sucht, soll man nicht unterschätzen. Lehrt nicht die Weltgeschichte, daß in allen Unglückslagen der Jude der Sündenbock gewesen ist? Wie leicht aber ein Volk zu beeinflussen ist, dessen innerste Tiefen durch die Not des Tages und die Sorge um die Zukunft aufgewühlt, dessen moralische Begriffe durch den Krieg ins Wanken geraten sind, das lehrt die Gegenwart in erschreckender Weise. Darum discite moniti! Laßt euch durch die Geschichte warnen und beachtet wohl ihre Lehren! Die erste und hauptsächlichste Kunst des Arztes und des Staatsmannes soll das V o r b e u g e n f'vn. Deshalb, i h r V e r t r e t e r der Inden und des Judentums, gehet ans Merk und handelt, ehe es zu spät ist! * Folgende ansprechende Glosse zur Tagesgeschichte entnehmen wir Dv. Blochs „Wochenschrift": Haben Sie nicht den kleinen Kehn gesehen? Ja, das antisemitische Spätabendblatt hat ihn gesehen, und zwar bei dem Umsturz tu Ungarn. Das Abendblatt bringt eine Darstellung in: Bilde, wie Karolhi einen semitisch nnssehenden Teufel fragt: „Bist du der Teufet, dem ich meine Seele übergebe, oder bist bit bloß der kleine -Nohn?" Ein herrlicher Witz, das .muß inan sagen. Die Bewegung der Arbeiterschaft war also nichts, die Bedrohung Ungarns durch die Entente nichtssagend, die Kämpfe der Kommunisten gleich Rull, das Vordringen der Tschechen und Rumänen unbedeutend, das Eingreifen Rußlands ohne Belang; nur der kleine Kohn ist verantwortlich für alle die großen Dinge und Borkomnmisse, nur dir Juden heben: den ungarischen Globus aus den Angeln. Da muß man aber schon sagen, daß sie es sehr geschickt machen. Denn die antisemitische Parten in Ungarn ist doch an Zahl und Macht bedenkend stärker als die jüdischen Kommunisten. Warum hat also sie nicht die Welt aus den Angeln gehoben? Oder sollte vielleicht doch am Ende der Wille des Belkes gearbeitet haben und nicht der kleine Kohn^ Auch das „Deutsche Boltsblatt" übt übrigens seinen gediegenen Witz au der ungarischen Konununistenbewegung und bringt ein Bnd mit der Darstellung des kommunistischen Generalstabes, der ans besonders trummnasigen jüdischen Handlungsgehilfen besteht. Das „Deutsche Bolksblatt" hat einen Versuch gemacht, rn anständig bürgerliche Gesellschaft zu kommen, hat ihn aber wieder ausgegeben und ist in die alleinseligmachenden Gefilde des Ritualmvrdes zur umgekehrt. Es ist dies eine Folge des großen Wahlfvnds, mit denn die Ehristlichsoziale Partei bestochen wurde und mit dem sie jetzt Blätter gründet und kauft. Mit dem Geld hat sie auch das „Deutsch.- Bolksblatt" an sich zurückgezogen und nun wird in der: Spalten dieses Organs der kleine Kohn wieder ansgeschrotet und auch bei der dümmsten Gelegenheit den Abonnenten an die Wand und ins Blatt ge»; att. * Es vergeht fast kein Tag, an dem nicht aus Polen eine neue Hiobsbotschaft kommt. Die schaurigste ist 'die Nachricht, die am Rüsttage des Passahfeftes kurz nach Rbdaktionsschlnß an uns gelangte. Sie tairtet: