Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1919)
- Date
- 1919-04-25
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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170 sein, dem einzelnem näher zu treten, selbst wenn er geneigt märe — was nicht immer der Fall ist —diese Arbeit mit jüngeren Kräften zu teilen. Aber was in anderen Gemeinschaften möglich ist, müßte von Rechts wegen bei uns ebenfalls sich durchführen lassen. Die Frage mag noch nicht spruchreif sein, aber es wäre im Interesse der Gedanken, die wir vertreten, wahrlich erwünscht, daß man ihr näher trete und entsprechende Organisationen schaffe, die zweckentsprechend sind. Gänzlich hinderlich wird die Großstadt diesem Versuch gewiß nicht sein. Es ist nicht zu übersehen, daß vor einiger Zeit in einer großen Gemeindevertretung die Bemerkung gefallen ist, die Geistlichen seien in erster Linie für die Lebenden da, woraus man folgern darf, daß es ihre besondere Pflicht ist, alle diejenigen, mit denen sie ihre amtliche Tätigkeit in Berührung bringt, arrs eigenem Antriebe kennenzulernen. Daß diese elementare Forderung nicht einmal ständig berücksichtigt wird, beweist die eine Tatsache, daß beispielsweise Barmizwah- Knaben in der Synagoge oft eingesegnet werden, die dem Rabbiner persönlich in keiner Weise bekannt sind. Das ist ein Notstand, der nicht verewigt werden darf. Geben wir doch nicht freiwillig die ideellen Mächte preis, die uns verfügbar sind, bloß weil gelehrte Studien oder Bequemlichkeiten dadurch gestört werden! Dieselben Schwierigkeiten, die schon in der Großgemeinde zu verzeichnen stnd, begegnen uns aber auch in den Bezirks¬ und Landrabbinaten- Die Verwaltung wird durch sie freilich glücklich zentralisiert, die Schulaufsicht gewährleistet, vielleicht noch eine Gemeinschaft der sozialen Arbeit erzielt. Aber damit erschöpft sich die persönliche innere Einflußnahme des Geistlichen. Daß er einmal zu irgendwelchen Funktionen gerufen wird, ist doch für die einzelne Gemeinde vollkommen bedeutungslos. Wenn der Bezirks- oder Landrabbiner nicht regelmäßig in seinen Bezirksgemeinden zur Predigt oder persönlichen Einflußnahme erscheint, dann erweist sich sein Amt als jene contrackietio in ackseeto, als jener innere Widerspruch, auf den schon vor Jahren ein Gelehrter wie Professor Israel L e w y in Breslau aufmerksam gemacht hat. Man wird sagen, für diese innere Arbeit hat er ja die Lehrer am Orte. Gewiß, aber nicht jeder Lehrer Hat Neigung zu diesen Aufgaben, nicht jeder fühlt sich dazu berufen, denn seine Vorbildung ist ja nicht einmal darauf berechnet, ihn zn einem ausschließlich religiös wirkenden Beamten zu erziehen. So kann es Vorkommen, daß unter Umständen in den Bezirksgemeinden jahraus, jahrein jede religiöse Belehrung unterbleibt. Das kann zu traurigen Resultaten führen, wenn man in den kleinsten Gemeinden aus Mangel an Mitteln oder aus Egoismus aufhört, Lehrer anzustellen. Dort ist ohne weiteres das Judentum dem Untergang geweiht, wie die Erfahrung in manchem Land- und Bezirksrabbinat lehrt. Da sie also einfach versagen, weil ihre Träger durch zahlreiche Pflichten an ihre Hauptgemeinde gebunden sind —- Unterricht, Kasualien, Seelsorge - , so ist die Einführung von Wunderrabbinaten zur Versorgung von kleinen und kleinsten Gemeinden eine dringende Notwendigkeit. Dir Woche. Berlin, 20. April. as wichtigste Ereignis dieser Woche ist die an die deutsche Regierung endlich ergangene Einladung dec Entente, den Tert des Entwurfes der Friedenspräliminarien in Empfang zu nehmen. Die Note, die bezeichnenderweise von Frankreich und Clemenceau in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des hohen Rats der Alliierten der deutschen Regierung'übermittelt worden ist, sowie die Antwort unserer Regierung wurden gestern durch das Wolffsche Telegrapihen- Bnrean bekannt gemacht: T l e q r n m m d e r Waffenstill ft a n >d s - K o m m i j s i o n in S P a a v o m 1 8. April 1919, An Reich s m i n i ft c r E r z b e r g e r. Generäl N u d n n t übersandte am 18. April 4 Uhr nachmittags folgende Note: Der Vorsitzende des Conseils, Kriegsminister, telegraphiert am 18. April 1919 was folgt: Wollen 2k bitte folgende Mitteilung an die deutsche Negierung weiterleiten: 1. Der oberste Rat der alliierten und assoziierten M ächte h a t b e s ch t v s se n , die mit Vollmachten .versehenen d e u t s ch e n D e l e g i e r t e n s ü r d e n 25. A P r i l abends nach Vers a i l l e s e i n z u l a den, um dort den von den alliierten und assoziierten Mächten festgesetzten Tert der Friede n s P r ä l i m i n a r i e n i n Empfang z n n e h m e n. 2. Die deutsche Regierung wird daher gebeten, dringendst Zahl. Namen und Eigenschaft der Delegierten anzugeben, die sie nach Versailles zu schicken beabsichtigt, ebenso Fahl, Namen und Eigenschaft der Personen, die sie begleiten. Die deutsche Delegation s o l l st r e n g st e n s a u f i h r e R o Ile b e s ch rankt bleibe n und n u r P e r s v n e n n m f a s s e n , die f ü r i h r e b e s v n - d e r e M i s s i o n b e st i m ui t s i nd. gez. Nlldant. Der Reichsmimster des Auswärtigen Gras Brockdorff- Rantzau hat dem Vertreter des Auswärtigen Amtes bei der Wasfenstillstanidskonmnission in Spaa in Beantwortung der französischen Mitteilung vom 18. April folgende Instruktion erteilt: Bitte dortigen französischen Vertretern folgende Mitteilung zur Weitergabe an die alliierten und assoziierten Mächte zu machen: Die deutsche Regierung hat die Mitteilung des französischen Ministerpräsidenten und Kriegsministers vom 18. April erhalten. Sie wird die £> e r r e n G e s a n d t e n v. H a n i e l, G e h e i m e n L e g a t i o ns rat v. K eile r und W i r k l i ch e n L e g n t i o n s - rat Ernst 2 ch m i d t zmn Abend des 25. April n a ch V e r - sailles entsenden. Die Delegierten sind mit den erforderlichen Vollmachten ansgestattet, den Text des Entwurfes der F r i e de n sP r ä l i in i n a r i c n e n t g e g e n z u n e h m e n , den sie alsbald der deutschen Regierung überbringen werden-. 2k werden begleitet sein von zwei Bureaubeamten, Herren. Hofrat Walter Reimker und Diätar Alfred Lüders, sowie von zwei Kanzleidienern, Herren Julius Schmidt und Siedet. Die deutschen Delegierten sind also nicht nach Versailles geladen, llm mit den Alliierten zu verhandeln, sondern lediglich, um den Text ihrer Friederlsbedingungen entgegenpmehmen. Die Entente will uns, mit anderen Worten, den Frieden diktieren. Unter diesen Umständen genügt es natürlich vollkommen, wenn die Reichsregierung irgendeinen Kurier nach Versailles entsendet, der in ihrem Aufträge den Entwurf entgegennimmt. Es gilt mm, in Ruhe abzuwarten, welche Bedingungen die Entente uns stellen wird. Die gesamte deutsche Presse stimmt darin überein, daß nur auf der Grundlage der Wilsonschen vierzehn Punkte für uns ein Frieden denkbar ist. Man darf daher die Erwartung anssprechen, daß die Reichsregirrung auf diesen von ihr akzeprierten Grundsätzen beharrt. Steht die Entente, daß wrr fest bleiben und einen Diktatfrieden ablehnen, so besteht immerhin noch.die Möglichkeit, daß sie sich schließlich doch noch zu Verhandlungen über die Friedensbedin-gnngen bereit erklären wird. „Daß man einen Völkerkonslikt," bemerkt der „Vorwärts" sehr richtig, „der der Welt so tiefe Wunden gerissen hat, ohne Verhandlungen, durch ein einfaches Diktat von der einen Seite, zu reinlichem Austrag bringen kann, ist undenkbar, und die Vermutung, daß man ans solche Weise eine Aera des Völker- Weltfriedensbundes einleiten tonnte, wirkt doch nur wie ein etwas boshafter Scherz." Unterdessen hat zwischen der Entente und der deutschen Regierung ein neuer Depeschenwechsel stattgefunden. Dieser besagt, daß die Entente doch zu Verhandlungen bereit ist, denn